„Nicolai Wszewolodowitsch!“ rief Warwara Petrowna, sich steif aufrichtend, doch ohne sich von ihrem Lehnstuhl zu erheben, und indem sie den Eingetretenen mit einer befehlenden Handbewegung zum Stehenbleiben zwang – „bleibe dort noch einen Augenblick! ...“

Um die nun folgende furchtbare Frage Warwara Petrownas verstehen zu können (um derentwillen sie ihn mit dieser Bewegung und diesem Befehl nicht nähertreten ließ), diese Frage, die ich Warwara Petrowna nie und nimmer zugetraut hätte, ja, selbst deren Möglichkeit mir undenkbar erschienen wäre, – um diese Frage wirklich zu verstehen, muß man sich zunächst den Charakter Warwara Petrownas vergegenwärtigen, wie er seit jeher war und von welcher ungestümen Gewalttätigkeit er in manchen außergewöhnlichen Augenblicken sein konnte. Ich bitte auch in Erwägung zu ziehen, daß ungeachtet ihrer großen seelischen Festigkeit, des nicht geringen Verstandes und des guten Teiles von Takt- und Zartgefühl, den sie besaß, in ihrem Leben dennoch ständig Augenblicke wiederkehrten, wo sie sich völlig und, wenn man so sagen darf, ohne sich im Zaum zu halten, für etwas einsetzte oder sich für etwas hingab. Ferner bitte ich, nicht zu vergessen, daß der gegenwärtige Augenblick für sie tatsächlich einer von jenen sein konnte, in denen sich plötzlich alles Wesentliche eines Menschenlebens wie in einem Fokus vereinigt – alles Durchlebte, alles Gegenwärtige und ... warum nicht auch alles Zukünftige? Und schließlich sei noch an den anonymen Brief erinnert, den sie erhalten hatte und von dem sie kurz vorher in der Gereiztheit zu Lisas Mutter einiges hatte verlauten lassen, – freilich: ohne den weiteren Inhalt des Briefes zu verraten! Gerade in diesem aber lag vielleicht die ganze Erklärung der Möglichkeit dieser furchtbaren Frage, mit der sie sich jetzt plötzlich an den Sohn wandte.

„Nicolai Wszewolodowitsch,“ wiederholte sie mit fester Stimme, jede Silbe deutlich aussprechend, „ich bitte Sie, hier sofort zu sagen, ohne sich von der Stelle zu rühren, ob es wahr ist, daß diese unglückliche, lahme Person – diese da, sehen Sie sie an! ... Ob es wahr ist, daß das ... Ihre rechtmäßige Frau ist?“[32]

Ich erinnere mich dieses Augenblickes noch heute mit voller Deutlichkeit. Nicolai Wszewolodowitsch zuckte mit keiner Wimper, sah nur unverwandt seine Mutter an. Auch nicht die geringste Veränderung ging auf seinem Gesichte vor. Endlich lächelte er langsam ein gleichsam nachsichtiges Lächeln und trat, ohne ein Wort zu sagen, still auf seine Mutter zu, erfaßte ihre Hand und führte sie ehrerbietig an die Lippen. Und so stark war sein unwiderstehlicher Einfluß auf seine Mutter, daß sie ihre Hand ihm auch jetzt nicht zu entziehen vermochte. Sie blickte ihn nur an und ihre ganze Seele lag in diesem fragenden Blick. Noch ein Augenblick und sie würde, so schien es, die Ungewißheit nicht länger ertragen haben.

Nicolai Wszewolodowitsch aber schwieg auch jetzt noch. Nachdem er ihre Hand geküßt hatte, überflog sein Blick noch einmal die Anwesenden, und mit demselben langsamen Schritt trat er zu Marja Timofejewna. Es ist schwer, die Gesichter der Menschen in gewissen Augenblicken zu beschreiben. In meiner Erinnerung habe ich z. B., daß Marja Timofejewna damals, fast vergehend vor Schreck, sich erhob und die Hände wie ihn anflehend faltete. Aber ich entsinne mich auch, daß zu gleicher Zeit in ihren Augen ein Entzücken aufleuchtete, ein so sinnloses, so maßloses Entzücken, wie Menschen es kaum oder nur schwer zu ertragen vermögen. Vielleicht war beides richtig: der Schreck, wie das Entzücken? Ich weiß es nicht: ich weiß nur, daß ich damals schnell einen Schritt vortrat, weil ich das Gefühl hatte, sie werde sogleich in Ohnmacht fallen.

„Sie können nicht hier bleiben,“ sagte Nicolai Stawrogin mit freundlicher, klangvoller Stimme zu ihr und in seinen Augen, die sie ansahen, lag plötzlich eine große Zärtlichkeit.

Er stand in der ehrerbietigsten Haltung vor ihr und jede Bewegung verriet ungeheuchelte Hochachtung.

Und ungestüm, atemlos, halb flüsternd stammelte die Arme zu ihm empor:

„Aber kann ich ... darf ich ... jetzt gleich ... vor Ihnen niederknien?“

„Nein, das dürfen Sie auf keinen Fall,“ sagte er mit einem entzückenden Zulächeln, so daß sie plötzlich glückselig auflachte.