„– Diesen Drang, in dem man in blindem Edelmute plötzlich einen Menschen nimmt, womöglich einen, der unser gar nicht wert ist, einen Menschen, der Sie nicht im geringsten versteht und bereit ist, Sie bei jeder Gelegenheit zu quälen: und diesen Menschen macht man plötzlich wider alle Vernunft zu seinem Idealbild, zu seinem Wahnbild, legt in ihn alle Hoffnungen, beugt sich vor ihm, liebt ihn sein Lebelang, ohne auch nur zu wissen weshalb, – vielleicht gerade deshalb, weil er das gar nicht verdient hat ... Oh, wie ich mein ganzes Leben lang gelitten habe, Pjotr Stepanowitsch!“

Stepan Trophimowitsch suchte erregt meinen Blick, doch ich konnte mich noch rechtzeitig abwenden.

„Und noch vor kurzem, noch vor kurzem – oh, wie viel mir Nicolas verzeihen muß! ... Sie werden es mir nicht glauben, wie alle mich gequält haben! Gequält von allen Seiten, alle, alle, Feinde und Freunde, und die Freunde vielleicht noch mehr als die Feinde. Und als ich den ersten anonymen Brief erhielt, Pjotr Stepanowitsch, Sie werden es mir nicht glauben, aber meine Verachtung reichte einfach nicht aus für diese ganze Gemeinheit ... Nie, nie werde ich mir diesen Kleinmut vergeben!“

„Von diesen anonymen Briefen habe ich schon gehört,“ sagte Pjotr Stepanowitsch, plötzlich wieder belebt, „seien Sie unbesorgt, den Verfasser werde ich schon herausbekommen.“

„Aber Sie können sich ja gar nicht vorstellen, was für Intriguen hier gesponnen worden sind! Sogar unsere arme Praskowja Iwanowna hat man beunruhigt – und dazu war doch wirklich kein Grund vorhanden! Liebe Praskowja Iwanowna, heute mußt du mir schon verzeihen,“ fügte sie plötzlich in einer großmütigen Regung hinzu, aber doch nicht ohne einen leisen triumphierenden Klang in der Stimme.

„Schon gut, meine Liebe,“ murmelte diese widerwillig. „Ich aber meine, man könnte jetzt endlich aufhören, es ist schon viel zu viel gesprochen worden.“ Und wieder sah sie scheu ihre Lisa an, die aber blickte auf Pjotr Stepanowitsch.

„Und dieses arme, unglückliche Geschöpf, diese Irrsinnige, die alles verloren, nur das Herz behalten hat, die – werde ich in mein Haus aufnehmen!“ rief Warwara Petrowna plötzlich entschlossen aus. „Das ist eine heilige Pflicht und ich will sie erfüllen! Vom heutigen Tage an stelle ich sie unter meinen Schutz!“

„Und das wird sogar sehr gut sein, in einem gewissen Sinne wenigstens!“ Pjotr Stepanowitsch war wieder ganz Leben. „Entschuldigen Sie, aber vorhin bin ich nicht ganz zu Ende gekommen. Gerade was den Schutz betrifft. Stellen Sie sich vor, Warwara Petrowna, – ich fange dort an, wo ich stehen blieb, – stellen Sie sich also vor, daß damals, als Nicolai Wszewolodowitsch fortgefahren war, dieser Herr da drüben, dieser Herr Lebädkin, nichts Besseres zu tun wußte, als das seiner Schwester ausgesetzte Geld eilends und restlos zu vertrinken. Ich weiß nicht genau, in welcher Weise Nicolai Wszewolodowitsch die Zahlungsart in der ersten Zeit angeordnet hatte. Ich weiß nur, daß er sich schließlich genötigt sah, wenn er Lebädkins Schwester einigermaßen sicherstellen wollte, sie in einem fernen Kloster unterzubringen – was denn auch geschah, selbstredend unter aller nur denkbaren Rücksicht auf ihre Person, aber unter freundschaftlicher Aufsicht, Sie verstehen schon! Doch was glauben Sie wohl, wozu Herr Lebädkin sich entschloß? Erst suchte er mit aller Gewalt zu erfahren, wo man sein Zinspapier, das heißt also seine Schwester, untergebracht hatte, und dann, als ihm dies gelungen war, erwirkte er, indem er irgendwelche Rechte vorschützte, daß man sie ihm herausgab, und darauf schleppte er sie hierher. Hier nun gab er ihr nichts zu essen, sondern schlug sie, und als er auf irgendeine Weise von Nicolai Wszewolodowitsch eine größere Geldsumme herausbekommen hatte, ging das alte, wüste Trinkleben sofort von neuem an. Von Dankbarkeit Nicolai Wszewolodowitsch gegenüber natürlich keine Spur; im Gegenteil, nur sinnlose neue Forderungen stellte er an ihn und drohte gar mit dem Gericht, wenn er nicht Zahlungen erhalten würde – nahm also frech als pflichtmäßig an, was freiwillig war. – Herr Lebädkin, ist alles wahr, was ich hier soeben gesagt habe?“

Der „Hauptmann“, der bis dahin stumm und mit gesenkten Augen dagestanden hatte, trat schnell zwei Schritte vor, – das Blut schoß ihm ins Gesicht.

„Pjotr Stepanowitsch ... Sie haben mich ... grausam behandelt,“ brachte er stockend hervor.