„Und wenn ich es im Ernst gesagt habe?“ fragte Stawrogin hart.

„Ja ... nun ... na, dann mit Gott, wie man in solchen Fällen zu sagen pflegt. Würde ja der Sache nichts schaden. (Sehen Sie, ich habe nicht gesagt, ‚unserer‘ Sache, da Sie das Wort ‚unser‘ nun einmal nicht lieben.) Ich aber ... ich – nun ja, ich stehe zu Ihren Diensten, wie Sie wissen.“

„Sie meinen?“

„Gar nichts, gar nichts meine ich!“ wehrte Pjotr Stepanowitsch lachend ab, „denn ich weiß, daß Sie sich Ihre Angelegenheiten im voraus genug überlegen, und daß Sie alles schon bis zu Ende durchgedacht haben. Im übrigen aber wollte ich nur sagen, daß ich im Ernst jederzeit zu Ihren Diensten stehe, jederzeit und unter allen Umständen und in jedem Fall, – das heißt wortwörtlich in je–dem! Sie verstehen doch?“

Stawrogin gähnte.

„Ich langweile Sie schon, wie ich sehe,“ sagte Pjotr Stepanowitsch, plötzlich aufspringend, ergriff seinen runden, ganz neuen Hut und tat, als sei er im Begriff, aufzubrechen, indessen blieb er immer noch und sprach ununterbrochen weiter, jetzt allerdings stehend. Zuweilen schritt er hin und her, und wenn er sehr lebhaft sprach, schlug er sich mit dem Hut ans Knie. „Ja, eigentlich wollte ich Ihnen noch etwas Ergötzliches von den Lembkes erzählen und Sie damit erheitern!“ schwatzte er weiter, anscheinend gut gelaunt.

„Nein, das doch lieber ein nächstes Mal. Wie geht es übrigens mit Julija Michailownas Gesundheit?“

„Was das bei Ihnen allen für gesellschaftliche Gewohnheiten sind! Julija Michailownas Gesundheit ist Ihnen ja so gleichgültig, wie die Gesundheit irgendeiner Katze, und doch erkundigen Sie sich! Aber das lobe ich mir. Also: Julija Michailowna fühlt sich wohl und hat eine Hochachtung vor Ihnen, na, bis zum Aberglauben. Und was Sie von Ihnen alles erwartet, grenzt auch schon an Aberglauben. Über den Sonntag schweigt sie, und ist überzeugt, daß Sie alles sofort niederschlagen werden, sobald Sie nur wieder auf der Bildfläche erscheinen. Bei Gott, sie glaubt ohne weiteres, daß Sie weiß der Teufel was alles vermögen! Mir scheint, sie bildet sich ein, Sie könnten einfach Wunder zustande bringen. Überhaupt sind Sie jetzt ein noch viel rätselhafteres Wesen als je, dazu dieser Nimbus von Romantik, der sich um Sie gebildet hat – wahrhaftig, eine äußerst vorteilhafte Stellung. Und wie gespannt, wie neugierig man auf Sie ist! Bevor ich verreiste, war es schon heiß, doch als ich zurückkehrte, war die Hitze noch gestiegen. Danke übrigens nochmals bestens für die Beschaffung des Briefes. Graf K... wird hier allgemein mit Andacht gefürchtet. Und Sie hält man für so eine Art höheren Spion. Ich nicke dazu. Sie ärgern sich doch nicht?“

„Nein.“

„Das ist nämlich für alles Weitere sogar unbedingt nötig. Die Leute haben ja hier ihre besonderen Bräuche. Ich sporne selbstverständlich noch an. Julija Michailowna ist die Anführerin, Gaganoff der zweite ... Sie lachen? Aber ich lebe doch jetzt nach meiner neuen Taktik: ich lüge und lüge, und dann sage ich plötzlich ein kluges Wort, und zwar gerade in dem Augenblick, wenn alle ein solches suchen. Darauf umringt man mich sofort, fragt und horcht, – ich aber bin schon wieder mitten im Lügen. Jetzt haben mich schon alle aufgegeben. ‚Ach, der!‘ sagen sie und winken ab. ‚Nicht dumm, aber ein bißchen doch vom Monde herabgefallen.‘ Lembke redet mir zu, in den Staatsdienst zu treten, damit ich mich bessere. Ach, wenn Sie wüßten, wie ich ihn trätiere, das heißt, eigentlich kompromittiere. Er glotzt mich nur so an mit seinen Kalbsaugen. Julija Michailowna hilft mir dabei womöglich noch. Doch was ich sagen wollte: Gaganoff ist grenzenlos wütend auf Sie. Gestern hat er in Duchowo ganz gemein über Sie gesprochen. Ich habe ihm natürlich gleich die ganze Wahrheit gesagt, oder vielmehr, versteht sich, nicht die ganze Wahrheit. Ich war gestern vom morgen bis zum Abend draußen bei ihm. Prächtiges Gut übrigens, auch das Herrenhaus ist schön.“