„Wollen Sie mich denn wirklich so liegen lassen, wie einen alten, vertragenen Stiefel?“
„Ich werde sehen,“ meinte Stawrogin halb lachend. „Nun, lassen Sie mich.“
„Wünschen Sie nicht, daß ich so lange auf der Treppe stehe ... damit ich nicht irgendwie versehentlich zuhöre ... die Zimmerchen sind klein.“
„Das ist recht. Warten Sie ein wenig auf der Treppe. Nehmen Sie meinen Regenschirm.“
„Ihren Regenschirm, Ihren ... bin ich denn das wert?“ fragte der Hauptmann unterwürfig.
„Einen Schirm ist jeder wert.“
„Mit einem Schlage treffen Sie wieder das Minimum der menschlichen Rechte ...“ sagte Lebädkin, doch schon mehr mechanisch: er war doch gar zu bedrückt und eigentlich ganz wie vor den Kopf geschlagen. Einstweilen aber, fast gleich darauf, als er den Schirm über sich aufgeschlagen hatte, begann sich in seinem leichtsinnigen Gehirn schon ein äußerst beruhigender Gedanke mehr und mehr auszubreiten: wie, wenn man ihn bloß betrügen wollte und ihn belog? War dem aber so, dann fürchtete man sich also vor ihm und – wozu sollte er sich dann noch fürchten?
„Wenn man lügt und betrügt, so tut man das doch stets aus irgend einem Grunde – was für einer mag das nun hier sein?“ krabbelte es in seinem Kopf herum. Die Veröffentlichung der Heirat schien ihm Blödsinn zu sein: „Aber weiß Gott: bei diesem Wundertäter ist nichts unmöglich, – lebt ja überhaupt nur zu dem Zweck, um die Menschen zu ärgern! Wie aber, wenn er Angst vor mir bekommen hat nach dem Sonntag? Hm ... und noch so, wie nie zuvor? Da ist er nun hergeeilt, um zu versichern, daß er selbst alles bekanntmachen werde, aus Angst, ich könnte es sonst tun. Lebädkin, sieh dich vor, schieß keinen Bock! Hm! ... Und warum kommt er denn heimlich in der Nacht, wenn er’s selbst ausblasen will? Aber wenn er sich fürchtet, so fürchtet er sich jetzt, fürchtet gerade für diese paar Tage. Hm! ... paß auf, Lebädkin! ...“
„Schreckt mich mit Pjotr Stepanowitsch! Da kann einem ganz angst und bange werden – gerade, was das betrifft! Hm ... weiß Gott! wahrhaftig angst und bange. Was plagte mich nur, diesem Liputin, solch einem ... Der Teufel mag wissen, was diese Beelzebuben da im Spiele haben – bin nie draus klug geworden! Haben sich jetzt wieder eingefunden, genau wie vor fünf Jahren ... Ja, wem hätt’ ich’s denn sagen sollen? ‚Haben Sie nicht aus Dummheit irgend jemandem geschrieben?‘ Hm! Also kann man auch unter dem Anschein großer Dummheit schreiben? War das vielleicht gar ein Rat? ‚Deswegen wollen Sie ja nach Petersburg.‘ Der Schuft! Ich hab’s bloß mal geträumt, er aber hat sogar den Traum schon erraten! Ganz als ob er selber zur Reise nach Petersburg raten möchte. Hm! Hier werden wohl zwei Sachen im Spiele sein: entweder er fürchtet sich selber, weil er wieder was Schönes angerichtet hat, oder ... oder er fürchtet selbst überhaupt nichts und schubst nur mich, damit ich sie alle da anzeige! Ach, Lebädkin, da kann einem wahrhaftig angst und bange werden! Wenn man dabei nur keinen Bock schießt! ...“
Und er kam dermaßen ins Nachdenken, daß er selbst das Lauschen vergaß. Übrigens wäre es ihm auch schwer gefallen, etwas zu verstehen; die Tür war nicht dünn und das Gespräch wurde nur leise geführt – nur hin und wieder drang ein unklarer Laut bis zu ihm. Endlich spuckte er aus und trat wieder aus dem Flur auf die Treppe hinaus, wo er in Gedanken leise vor sich hin pfiff.