Schweigend sah sie ihn an und noch immer lag in ihrem fragenden Blick ein quälender Zweifel, irgend ein schwerer Gedanke, den ihr armer Kopf nicht zu fassen vermochte. Dabei war es, als strenge sie sich krampfhaft an, irgend etwas zu Ende zu denken. Bald senkte sie die Augen, bald schlug sie sie plötzlich wieder auf und überflog ihn mit einem schnellen, umfassenden Blick. Endlich schien sie sich – zwar nicht beruhigt, aber doch wie zu etwas entschlossen zu haben.

„Setzen Sie sich, bitte, neben mich, damit ich Sie nachher gut sehen kann,“ sagte sie ziemlich fest, augenscheinlich mit einer ganz bestimmten und neuen Absicht. „Aber jetzt seien Sie ganz ruhig, denn ich werde Sie nicht ansehen, und auch Sie sollen mich nicht ansehen, so lange nicht, bis ich Sie selbst darum bitte. Setzen Sie sich nun!“ fügte sie plötzlich sogar mit Ungeduld hinzu.

Die neue Empfindung bemächtigte sich ihrer sichtlich immer mehr.

Stawrogin setzte sich und wartete; ein Schweigen begann und dauerte ziemlich lange.

„Hm! Sonderbar erscheint mir das alles,“ murmelte sie plötzlich und fast wie angeekelt. „Mich haben natürlich schlechte Träume bestrickt; nur – warum mußten gerade Sie mir in eben dieser Gestalt im Traume erscheinen?“

„Lassen wir jetzt die Träume,“ unterbrach er sie ungeduldig und wandte sich zu ihr, trotz des Verbotes, sie anzusehen, und vielleicht blitzte flüchtig wieder jener Ausdruck von vorhin in seinen Augen auf. Er sah, daß sie mehrmals und sogar sehr gern zu ihm aufblicken wollte, sich jedoch jedesmal bezwang und hartnäckig den Blick zu Boden gesenkt hielt.

„Hören Sie, Fürst,“ sagte sie plötzlich lauter. „Hören Sie, Fürst ...“

„Warum wenden Sie sich von mir ab, warum sehen Sie mich nicht an, was soll diese ganze Komödie?“ rief er geärgert, da ihm die Geduld riß.

Sie aber schien ihn überhaupt nicht zu hören.

„Hören Sie, Fürst,“ wiederholte sie zum drittenmal mit fester Stimme und mit einem unangenehmen, geschäftigen Ausdruck im Gesicht. „Als Sie mir damals in der Equipage sagten, die Heirat werde jetzt öffentlich bekanntgemacht werden, da erschrak ich schon damals, weil dann das Geheimnis doch aufhören würde. Jetzt aber weiß ich gar nicht mehr ... Ich habe die ganze Zeit gedacht, und sehe nun deutlich, daß ich nicht dazu tauge. Zu putzen würde ich mich schon verstehen, zu empfangen schließlich auch: als ob es wunder wie schwer wäre, zu einer Tasse Tee einzuladen, besonders wenn man noch Diener in Livree hat! Aber immerhin, wenn man so von der Seite sehen wird ... Ich habe damals, am Sonntag vormittag, vieles in jenem Hause gesehen. Dieses hübsche Fräulein hat mich die ganze Zeit angesehen, besonders als Sie eintraten. Das waren doch Sie, der eintrat, nicht? Ihre Mutter war nur eine drollige alte Dame. Mein Lebädkin hat sich auch ausgezeichnet. Um nicht über ihn lachen zu müssen, hab ich immer zur Zimmerdecke hinaufgeschaut, schön war sie da bemalt! Seine Mutter aber müßte nur Äbtissin sein. Ich fürchte mich vor ihr, wenn sie mir auch den schwarzen Schal geschenkt hat. Die haben mich damals wohl alle nur als Überraschung empfunden; das kränkt mich ja nicht, nur saß ich dort so und dachte bei mir: was bin ich denn für die hier für eine Verwandte? Ich weiß wohl, von einer Gräfin verlangt man nur seelische Eigenschaften – denn für die wirtschaftlichen hat sie doch viele Diener – und dann noch so ein bißchen gesellschaftliche Koketterie, damit sie ausländische Reisende zu empfangen versteht. Aber trotzdem, damals am Sonntag sahen sie mich doch ganz ohne Vertrauen an. Nur Dascha ist ein Engel. Ich fürchte sehr, daß sie ihn irgendwie mit einer unvorsichtigen Bemerkung über mich kränken könnten.“