Da erhielt sie im April dieses Jahres ganz unverhofft einen Brief aus Paris, und zwar von ihrer Jugendfreundin, der Generalin Praskowja Iwanowna Drosdowa. Diese schrieb ihr plötzlich nach acht Jahren, Nicolai Wszewolodowitsch verkehre viel in ihrem Hause, habe mit Lisa (ihrer einzigen Tochter) Freundschaft geschlossen und beabsichtige, sich ihnen anzuschließen, wenn sie im Sommer nach der Schweiz reisten, obwohl er in der Familie des Grafen K... (einer in Petersburg höchst einflußreichen Persönlichkeit), die jetzt gleichfalls in Paris weile, wie ein leiblicher Sohn aufgenommen werde, so daß er, man könne sagen, fast ganz im Hause des Grafen lebe. Der Brief war kurz, doch sein Zweck deutlich. Warwara Petrowna dachte denn auch nicht lange nach, entschloß sich schnell und fuhr mit ihrer Pflegetochter Dascha Mitte April nach Paris und dann nach der Schweiz. Im Juli kehrte sie allein zurück; sie hatte Dascha bei Drosdoffs gelassen, die mit ihr Ende August heimkehren sollten.
Drosdoffs waren gleichfalls eine Gutsbesitzerfamilie unseres Gouvernements, aber der Dienst des Generals hatte sie in letzter Zeit verhindert, sich hier auf ihrem herrlichen Gut aufzuhalten. Nach dem Tode des Generals im vorigen Jahre war dann die untröstliche Praskowja Iwanowna mit ihrer Tochter ins Ausland gereist, unter anderem auch in der Absicht, es im Spätsommer in der Schweiz, in Vernex-Montreux, mit einer Traubenkur zu versuchen. Nach ihrer Rückkehr aus dem Auslande wollte sie sich dann endgültig in unserem Gouvernement niederlassen. In der Stadt besaß sie ein großes Haus, das schon viele Jahre leer stand, mit geschlossenen Fensterläden. Drosdoffs waren sehr reich. Praskowja Iwanowna, in erster Ehe Frau Tuschina, war gleichfalls die Tochter eines Branntweinpächters der alten Zeit und hatte gleichfalls eine große Mitgift erhalten. Der Rittmeister a. D. Tuschin war aber auch selbst ein vermögender Mann gewesen und kein unbegabter Mensch. Er hinterließ seiner siebenjährigen Tochter Lisa ein bedeutendes Vermögen, zu dem später noch das ganze Erbe ihrer Mutter hinzu kommen mußte, da diese aus ihrer zweiten Ehe keine Kinder hatte. Warwara Petrowna war mit dem Ergebnis ihrer Reise sehr zufrieden. Sie glaubte, mit Praskowja Iwanowna übereingekommen zu sein, und teilte nach ihrer Ankunft alles, weit offener als sonst, Stepan Trophimowitsch mit. Der rief „Hurra!“ und schnippte mit den Fingern. Seine Freude war um so aufrichtiger, als er die Zeit ihrer Abwesenheit in größter Mutlosigkeit verbracht hatte. Vor ihrer Abreise hatte sie ihm, „diesem Weibe“, nichts von ihren Plänen mitgeteilt, vielleicht weil sie fürchtete, er könne ausplaudern. Doch schon in der Schweiz hatte sie sich gesagt, daß sie den verlassenen Freund nach ihrer Rückkehr besser behandeln müsse. Tatsächlich war ihre plötzliche Abreise mit dem wortkargen Abschied für sein schüchternes Herz der Anlaß zu qualvollen Zweifeln gewesen. Außerdem quälte ihn noch eine bedeutende Geldverpflichtung, die er ohne ihre Hilfe unmöglich decken konnte. Und dann war noch allerhand gerade während ihrer Abwesenheit hinzugekommen: so hatte im Mai die Herrschaft unseres guten Iwan Ossipowitsch ihr Ende gefunden und war der Einzug unseres neuen Gouverneurs, Andrei Antonowitsch von Lembke, erfolgt. Danach hatte sich das Verhalten unserer Gesellschaft zu Warwara Petrowna und damit natürlich auch zu Stepan Trophimowitsch merklich zu ändern begonnen. Das beeindruckte ihn um so mehr, als er natürlich schon wieder erregt befürchtete, man habe den neuen Gouverneur bereits auf ihn als einen gefährlichen Menschen aufmerksam gemacht. Er erfuhr auch, daß man sich in der Stadt erzählte, die Gemahlin des neuen Gouverneurs und Warwara Petrowna seien früher bekannt gewesen, doch hätten sie sich schließlich verfeindet und den Verkehr abgebrochen. Als aber nun Warwara Petrowna nach ihrer Rückkehr so munter und siegesgewiß seinen Bericht anhörte, u. a. auch das Gerücht, demzufolge manche Damen es lieber mit der neuen Gouverneurin halten wollten, die eine echte Aristokratin sei, und folglich den Verkehr mit Warwara Petrowna aufzugeben beabsichtigten, da richtete sich sofort auch Stepan Trophimowitschs gesunkener Mut wieder auf. Er wurde im Nu wieder heiter und begann mit besonderem, freudig dienstbeflissenem Humor die Ankunft des neuen Gouverneurs zu schildern.
„Es wird Ihnen, excellente amie,[12] zweifellos bekannt sein,“ begann er kokett, die Worte geckenhaft in die Länge ziehend, „was ein russischer Regierungsbeamter im allgemeinen, und was im besonderen ein neuangestellter, ein neugebackener russischer Beamter ist. Dagegen dürften Sie kaum Gelegenheit gehabt haben, praktisch zu erfahren, was der Machtrausch eines russischen Beamten bedeutet ...“
„Machtrausch eines Beamten? Wie meinen Sie das?“
„Das heißt ... Vous savez, chez nous ... En un mot,[13] stellen Sie den erbärmlichsten Nichtsnutz als Verkäufer von, sagen wir, irgendwelchen elenden Eisenbahnfahrkarten an, und dieser erbärmlichste Wicht wird sich sofort für berechtigt halten, wie ein Jupiter auf Sie herabzusehen, wenn Sie eine Fahrkarte lösen wollen, pour vous montrer son pouvoir.[14] ‚Warte‘, denkt er dann bei sich, ‚ich will dir meine Macht zeigen!‘ Und das geht bei ihnen bis zur Selbstberauschung an dieser ihrer Macht. En un mot ...“
„Ja, fassen Sie sich kürzer, wenn Sie können.“
„En un mot, dieser Herr von Lembke hat also zunächst das Gouvernement bereist. Er ist zwar ein Deutschrusse griechisch-katholischer Konfession und sogar ein überaus schöner Mann in den vierziger Jahren ...“
„Schöner Mann? Er hat Augen wie ein Schaf.“
„Allerdings. Doch aus Höflichkeit will ich dem Urteil unserer Damen nicht widersprechen ...“
„Ich bitte Sie, reden wir von etwas anderem! Übrigens, Sie tragen eine rote Halsbinde; schon lange?“