„Nein, hören Sie, ich werde Ihnen gleich das ganze Geheimnis unserer neuen Gerichte sagen!“ regte sich ein Dritter auf. „Hat jemand einen anderen bestohlen oder begaunert, und hat man ihn womöglich auf frischer Tat ertappt und überführt – so laufe er nur schnell nach Hause, so lange er noch Beine hat, und schlage seine Mutter tot! Dann spricht man ihn im Nu von allem frei, und die Damen werden ihm noch mit ihren Batisttüchlein von der Estrade zuwinken und Ovationen bereiten! Ehrenwort, so ist es!“

„Ein wahres Wort, bei Gott, so ist es!“

Natürlich begnügte sich die Gesellschaft auch diesmal nicht mit den bekannten Tatsachen. Man sprach wieder über die Freundschaft Stawrogins mit dem berühmten Grafen K., dessen strenger, isolierter Standpunkt den neuesten Reformen gegenüber allgemein bekannt war, ebenso wie seine aufsehenerregende Tätigkeit noch bis in die jüngste Zeit. Und plötzlich stand für alle vollständig fest, daß Nicolai Wszewolodowitsch sich mit einer von den Töchtern des Grafen K. verloben werde, obgleich zu einer solchen Annahme in Wirklichkeit auch nicht der geringste Grund vorhanden war. Was aber da irgendwelche romantische schweizer Abenteuer mit Lisaweta Nicolajewna anbetraf, oh, so erwähnten unsere Damen diese „Märchen“ überhaupt nicht mehr. Ich muß hier bemerken, daß Drosdoffs inzwischen schon überall ihre Visite gemacht hatten, und nun fand man, daß Lisa ein ganz gewöhnliches junges Mädchen sei, das mit seinen „kranken Nerven“ nur „kokettierte“. Ihren Ohnmachtsanfall am Tage der Ankunft Nicolai Wszewolodowitschs erklärte man einfach mit dem Schreck über die schändliche Tat des Studenten. Ja, man bemühte sich sogar, das, was man noch vor kurzem so phantastisch aufgefaßt hatte, jetzt so prosaisch wie möglich zu erklären; – und die Hinkende vergaß man völlig, schämte sich fast, sie überhaupt erwähnt zu haben. Die Männer aber pflegten zu sagen: „Und wenn auch hundert lahme Frauenzimmer – wer ist denn nicht jung gewesen!“ Jetzt hob man auch allgemein die Ehrerbietung Nicolai Wszewolodowitschs zu seiner Mutter hervor, sprach wohlwollend von seinem großen Wissen, das er sich in diesen vier Jahren an deutschen Universitäten erworben hatte. Die Handlungsweise Gaganoffs aber erklärte man endgültig für taktlos – „die Eigenen erkennen die Eigenen nicht!“ –, und Julija Michailowna sprach man gar „höhere Einsicht“ zu.

So wurde denn Stawrogin, als er endlich selbst in der Gesellschaft erschien, mit dem naivsten Ernst und der ungeduldigsten Erwartung angesehen. Er aber schwieg. Natürlich befriedigte das wieder weit mehr, als es endlose Erklärungen getan hätten. Kurz, er machte einen großen Eindruck auf alle, er wurde Mode. In der Gesellschaft kam er mit feinstem Takt allen seinen Pflichten nach. Ein Zurückziehen, sich Absondern war freilich unmöglich, nachdem er einmal in der Gesellschaft erschienen war. Das ist schon so in der Provinz. Man fand ihn zwar nicht „gemütlich“ oder „unterhaltsam“, aber „der Mensch hat gelitten, ist nicht so wie andere; hat auch was, worüber er nachdenken kann,“ hieß es zu seiner Entschuldigung. Sogar sein Stolz und die Unnahbarkeit, die ihm vor vier Jahren so viel Haß eingetragen hatten, gefielen jetzt und wurden sehr geachtet.

Am meisten triumphierte Warwara Petrowna. Ich weiß nicht, ob sie sich über ihre verunglückten Pläne mit Lisa sehr grämte: darüber half ihr vielleicht der Familienstolz hinweg. Sonderbar war nur eines: Warwara Petrowna glaubte plötzlich gleichfalls, daß ihr Nicolas eine Tochter des Grafen K. erwählt habe, und zwar – was das Sonderbarste dabei war – sie glaubte es gleichfalls nur auf die Gerüchte hin, die auch zu ihr bloß der „Zufall“ verschlagen hatte; selbst aber ihren Sohn zu fragen, fürchtete sie sich. Zwei- oder dreimal konnte sie sich freilich nicht bezwingen, und machte ihm vorsichtig, wenn auch heiter, den Vorwurf, nicht ganz aufrichtig zu ihr zu sein: Nicolai Wszewolodowitsch lächelte aber nur und fuhr fort, zu schweigen. So hielt sie sein Schweigen für eine Bestätigung. Und doch konnte sie bei all dem die Hinkende nicht vergessen. Der Gedanke an diese lag ihr wie ein Stein auf dem Herzen, raubte ihr den Schlaf oder schreckte sie mit unheimlichen Träumen – und das zu derselben Zeit, als sie an die Töchter des Grafen K. dachte. Aber davon später. Es versteht sich im übrigen von selbst, daß die Gesellschaft sich wieder ganz wie früher mit außerordentlicher Ehrfurcht zu Warwara Petrowna verhielt, wenn auch diese sich jetzt nur noch selten sehen ließ.

Indessen machte sie doch der Gouverneurin einen feierlichen Besuch. Natürlich war niemand über die schon erwähnte Bemerkung Julija Michailownas so entzückt, wie Warwara Petrowna: diese Worte hatten viel Leid von ihrem Herzen genommen. „Ich habe diese Frau mißverstanden!“ sagte sie sich, und mit der ihr eigenen Aufrichtigkeit erklärte sie Julija Michailowna sofort, daß sie gekommen sei, um sich bei ihr zu bedanken. Julija Michailowna war natürlich sehr geschmeichelt, verlor jedoch nicht ihre Würde. Zu gleicher Zeit stieg sie in ihren eigenen Augen ganz beträchtlich, und vielleicht sogar etwas zu hoch. So beging sie beispielsweise im Laufe des Gesprächs die Unhöflichkeit, Warwara Petrowna zu sagen, daß sie noch nie etwas von einer literarischen Tätigkeit Stepan Trophimowitschs gehört habe.

„Ich empfange und verwöhne natürlich den jungen Werchowenski, er ist zuweilen etwas unbesonnen, aber er ist ja noch jung. Jedenfalls hat er solide Kenntnisse, und ist doch immerhin schon etwas mehr, als irgend ein verabschiedeter ehemaliger Kritiker.“

Warwara Petrowna beeilte sich sofort, zu bemerken, daß Stepan Trophimowitsch niemals Kritiker gewesen sei, sondern sein ganzes Leben in ihrem Hause verbracht habe. Berühmt aber sei er durch gewisse Umstände zu Anfang seiner Karriere, die „aller Welt nur zu gut bekannt sind“, und in der letzten Zeit durch seine Studien über die spanische Geschichte; augenblicklich beabsichtige er, über die deutschen Universitäten zu schreiben und, wenn sie recht unterrichtet sei, auch etwas über die Dresdener Madonna ... Warwara Petrowna wollte ihren Stepan Trophimowitsch um keinen Preis von Julija Michailowna herabsetzen lassen.

„Über die Dresdener Madonna? Die Sixtinische? Chère Warwara Petrowna, ich habe zwei Stunden vor diesem Bilde gesessen und bin schließlich vollkommen enttäuscht fortgegangen. Ich habe nichts verstanden und mich nur über die Menschen gewundert. Auch Karmasinoff sagt, daß es schwer sei, dieses Bild zu verstehen. Jetzt finden alle nichts Besonderes an diesem Bilde, sowohl Russen wie Engländer. Den ganzen Ruhm haben ihm nur die alten Professoren verschafft.“

„Also eine neue Mode?“