„Ach, ich aber glaube, daß man unsere Jugend nicht so geringschätzen darf. Überall klagt man jetzt, unsere jungen Leute seien Kommunisten, und verachtet sie womöglich, doch meiner Meinung nach sollte man sie lieber schonen und hochschätzen. Ich lese jetzt alles: alle Zeitungen, Revuen, treibe Naturwissenschaft – ich bekomme alles, denn man muß doch, nicht wahr, endlich wissen, wo man lebt und mit wem man es zu tun hat?! Man kann doch nicht das ganze Leben lang auf den Wolken seiner Phantasie leben! Ich habe mir zum Grundsatz gemacht, die Jugend zu protegieren, und hoffe, sie auf diese Weise an dem Rande des Abgrundes zurückzuhalten, in den sie, das gebe ich zu, sonst hinabgleiten könnte. Glauben Sie mir, Warwara Petrowna, nur mit gutem Einfluß und vor allem mit Liebe können wir sie von dem Abgrund zurückhalten, in den sie die Unduldsamkeit aller dieser zurückgebliebenen alten Leute treibt. Aber wirklich: es freut mich, was ich von Ihnen über Stepan Trophimowitsch gehört habe. Sie haben mich auf einen guten Gedanken gebracht: er könnte auf unserer literarischen Matinee gleichfalls etwas vortragen. Wissen Sie es schon? Ich arrangiere einen ganzen Festtag, mit Hilfe einer Kollekte – für die armen Gouvernanten unseres Gouvernements. Sie sind in ganz Rußland verstreut; aus unserem Kreise sind allein schon sechs; außerdem noch zwei Telegraphistinnen und zwei, die die Akademie besuchen; viele würden das gleichfalls gern, haben aber nicht die Mittel dazu. Ach, das Los der russischen Frau ist entsetzlich, Warwara Petrowna! Jetzt wird daraus eine Universitätsfrage gemacht, und der Reichsrat hat sich sogar schon deswegen einmal versammelt. In unserem sonderbaren Rußland kann man wirklich alles machen, was einem einfällt. Und darum, noch einmal sei es gesagt, könnten wir nur mit Liebe und unmittelbarer warmer Teilnahme der ganzen Gesellschaft diese große, allgemeine Sache auf den richtigen Weg führen. O Gott, als ob wir viele große Menschen hätten! Es gibt ja natürlich welche, aber die sind so verstreut! Tun wir uns doch zusammen, um stärker zu werden! Wie gesagt, ich werde erst eine literarische Matinee arrangieren, darauf ein leichtes Frühstück, und dann, am Abend, einen Ball. Zuerst wollten wir den Abend mit lebenden Bildern eröffnen, aber das käme wohl etwas zu teuer, und deshalb sollen zur Unterhaltung des Publikums nur zwei Quadrillen von Masken getanzt werden – in charakteristischen Kostümen, die bestimmte literarische Richtungen darstellen. Diesen spaßigen Vorschlag hat Karmasinoff gemacht – er ist mir überhaupt sehr behilflich. Und wissen Sie, er wird zur Matinee sein letztes Werk, das noch niemand kennt, vorlesen. Er will seine Feder jetzt niederlegen und nie mehr schreiben. Dieses letzte Werk ist sein Abschied vom Publikum. Ein herrliches Ding, unter dem Titel: ‚Merci‘. Allerdings ein französisches Wort, aber er findet es scherzhafter und sogar feiner. Ich auch – ja eigentlich habe ich es ihm vorgeschlagen. Nun denke ich, vielleicht könnte auch Stepan Trophimowitsch etwas vorlesen, etwas Kürzeres und, wenn möglich ... nicht gar zu Gelehrtes. Ich glaube, auch Pjotr Stepanowitsch und noch jemand werden irgend etwas vortragen. Ich werde Pjotr Stepanowitsch zu Ihnen schicken, mit dem Programm, oder besser, erlauben Sie mir, es Ihnen selbst zu übergeben, wenn ich einmal vorüberfahre.“
„Gern! – Und Sie erlauben mir gewiß, meinen Namen gleichfalls auf die Liste zu setzen ... Ich werde es Stepan Trophimowitsch mitteilen und ihn selbst darum bitten.“
Ganz bezaubert kehrte Warwara Petrowna heim; jetzt stand sie wie ein Fels für Julija Michailowna! Über Stepan Trophimowitsch aber ärgerte sie sich plötzlich grenzenlos. Er aber, der Arme, ahnte natürlich von alledem nichts.
„Ich habe mich geradezu in sie verliebt. Ich begreife nicht, wie ich mich in dieser Frau so habe täuschen können,“ sagte sie zu Nicolai Wszewolodowitsch und zu Pjotr Stepanowitsch, der am Abend dieses Tages wieder auf einen Augenblick bei ihr vorsprach.
„Aber Sie müssen sich mit dem Alten wieder aussöhnen,“ meinte Pjotr Stepanowitsch, „er ist ganz verzweifelt. Sie haben ihn ja schon geradezu in die Küche geschickt. Gestern hat er Sie in der Equipage gesehen und gegrüßt, Sie aber sollen sich abgewendet haben. Wissen Sie, wir wollen ihn ein wenig herausheben, ich habe sogar gewisse Absichten mit ihm und er kann uns noch nützlich sein.“
„Oh, er wird ja jetzt auf der Matinee vortragen.“
„Ich spreche nicht davon allein. Übrigens, ich wollte selbst noch heute zu ihm gehen. Soll ich es ihm sagen?“
„Wenn Sie wollen. Oder nein, ich weiß nicht, wie Sie das anfangen werden,“ sagte sie ein wenig unentschlossen. „Ich hatte schon selbst die Absicht, mich mit ihm auszusprechen und wollte ihm Ort und Stunde angeben.“ Ihr Gesicht verfinsterte sich.
„Na, das lohnt sich gerade! Ich werde es ihm einfach sagen.“
„Nun, meinetwegen. Sagen Sie es ihm. Aber fügen Sie hinzu, daß ich ihm unbedingt einen Tag angeben werde. Fügen Sie das unbedingt hinzu.“