„Nein, keineswegs zu früh: Sie fürchten sich doch, also ist es durchaus nicht zu früh.“

„Aber ich bitte Sie, hier ist zum Beispiel eine Aufforderung, die Kirchen zu zerstören!“

„Na, warum soll man das denn nicht? Sie sind doch ein kluger Mensch, glauben ja selbst an nichts und wissen doch nur zu gut, daß die Regierung die Religion bloß braucht, um das Volk dumm zu erhalten ... Wahrheit aber ist ehrlicher als Lüge.“

„Einverstanden, einverstanden, ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden, aber hier bei uns in Rußland ist es doch noch zu früh!“ Von Lembke runzelte unwillig die Stirn.

„Was sind Sie denn eigentlich für ein Regierungsbeamter, wenn Sie selbst damit einverstanden sind, daß man die Kirchen zerstören und mit Keulen bewaffnet auf Petersburg losmarschieren soll, und nur an der ins Auge gefaßten Zeit etwas auszusetzen haben?“

So unhöflich festgelegt, fühlte von Lembke sich äußerst pikiert.

„Ich meinte das nicht so, durchaus nicht so!“ Er ließ sich von seiner gereizten Eigenliebe immer weiter fortreißen. „Sie, als junger Mensch, der Sie mit unseren Zielen gar nicht bekannt sein können, Sie täuschen sich vollkommen! Sehen Sie, mein lieber Pjotr Stepanowitsch, Sie nennen uns Beamte der Regierung? Schön. Selbständige Beamte? Schön. Aber, erlauben Sie mal, wie handeln wir denn? Auf uns ruht die Verantwortung, und Summa Summarum dienen wir genau so der allgemeinen Sache, wie auch Sie. Nur halten wir das zusammen, was Sie auseinanderschütteln wollen und was ohne uns nach verschiedenen Seiten auseinandergleiten würde. Wir sind dabei nicht etwa eure Feinde; durchaus nicht, wir sagen euch sogar: geht voran, bereitet vor, ja schüttelt meinetwegen ... – das heißt, ich meine jetzt nur jenes Alte, das sowieso umgeändert werden muß. Wir aber werden euch dann, wenn’s nötig wird, schon in den nötigen Grenzen zurückzuhalten verstehen und euch somit vor euch selber behüten, denn ohne uns würdet ihr doch nur ganz Rußland ins Wanken und Schwanken bringen und ihm das anständige Aussehen nehmen, das es so doch wenigstens hat. Denn das ist ja gerade unsere Aufgabe, dieses anständige Äußere, wie gesagt, zu erhalten. Begreifen Sie doch, daß wir uns gegenseitig unentbehrlich sind, ganz wie in England die Tory und Whig. Nun, sehen Sie, wir sind die Tory und Sie die Whig – so verstehe ich es wenigstens.“

Von Lembke verfiel sogar in Pathos. Er liebte es, klug und liberal zu reden, noch von Petersburg her, und hier hörte zudem kein Vorgesetzter zu. Pjotr Stepanowitsch schwieg und war plötzlich von einem seltsamen, ganz ungewohnten Ernst. Das reizte den Redner noch mehr.

„Wissen Sie auch, daß ich der ‚Herr des Gouvernements‘ bin?“ fuhr er daher fort, während er im Kabinett auf- und abging. „Wissen Sie auch, daß ich vor lauter Pflichten keine einzige zu erfüllen vermag, und andererseits kann ich sagen, und es ist ebenso wahr, daß ich hier überhaupt nichts zu tun habe. Das ganze Geheimnis besteht darin, daß hier alles von der Auffassung der Regierung abhängt. Mag die Regierung doch, wenn sie will, die Republik verkünden, nun da ... ich meine nur so, meinetwegen aus Politik oder zur Beruhigung der Leidenschaften – ... aber dann soll sie andererseits, parallel dem, die Macht der Gouverneure verstärken: und Sie werden sehen, wir Gouverneure verschlingen die Republik! Was sage ich, Republik! – Alles, was Sie wollen, werden wir verschlingen! Ich wenigstens fühle, daß ich imstande bin ... Mit einem Wort: mag die Regierung mir telegraphisch activité dévorante[114] befehlen, und ich werde sofort mit der activité dévorante beginnen. Ich habe es ihnen hier gleich ins Gesicht gesagt: ‚Meine Herren, zum Gedeihen aller Institutionen sowie des ganzen Gouvernements ist vor allem eines nötig: die Verstärkung der Gouverneursmacht.‘ Sehen Sie, es ist unbedingt nötig, daß alle diese Institutionen – mögen es nun die der Landschaft oder der Justiz sein – gewissermaßen ein Doppelleben leben, das heißt, es ist nötig, daß sie da sind (ich gebe zu, daß sie unentbehrlich sind), aber andererseits ist es nötig, daß sie auch nicht da sind. Immer nach der Auffassung der Regierung geurteilt! So stellt es sich denn heraus, daß die Institutionen, wenn sie sich plötzlich als notwendig erweisen, dann da sein müssen. Vergeht aber diese Notwendigkeit, dann müssen sie wie überhaupt nicht vorhanden sein. Sehen Sie, so verstehe ich die activité dévorante. Aber die wird es nicht ohne Verstärkung der Gouverneursmacht geben. Wir sprechen ja hier unter vier Augen. Wissen Sie auch, daß ich schon nach Petersburg geschrieben habe, daß es unbedingt nötig ist, eine Schildwache vor das Gouvernementsgebäude zu stellen? Jetzt warte ich auf die Antwort.“

„Sie brauchen zwei Schildwachen,“ sagte Pjotr Stepanowitsch.