„Beunruhige dich, wie gesagt, bitte weiter nicht über Werchowenski,“ schloß sie endlich das Gespräch. „Wenn er an irgend welchen Dummheiten teilnähme, so – dessen kannst du sicher sein! – würde er mit dir und mir und uns allen ganz anders sprechen. Nein, ein Phraseur ist nie gefährlich, und im übrigen sage ich dir, wenn irgend etwas passieren sollte, so werde ich womöglich noch die erste sein, die es durch ihn erfährt. Er ist mir fanatisch, geradezu fanatisch ergeben.“
Ich möchte hier den Ereignissen vorgreifen und bemerken, daß, wenn Julija Michailowna nicht diesen Ehrgeiz und Eigendünkel gehabt hätte, vielleicht all das nicht geschehen wäre, was diese üblen Leutchen bei uns anzustiften vermochten. Für vieles ist sie verantwortlich!
Zehntes Kapitel.
Vor dem Fest
I.
Der Tag des Festes, das Julija Michailowna zum Besten der armen Lehrerinnen unseres Gouvernements veranstalten wollte, wurde mehrmals angesagt und dann doch immer wieder hinausgeschoben. Pjotr Stepanowitsch und jener kleine jüdische Beamte Lämschin, der eine Zeitlang auch Stepan Trophimowitschs Abende besucht hatte, nun aber beim Gouverneur wegen seines Klavierspiels in Gnaden zugelassen wurde, saßen fast täglich Stunden lang bei Julija Michailowna; desgleichen Liputin, den sie zum Redakteur der zukünftigen unabhängigen Gouvernementszeitung erwählt hatte. Außerdem waren noch ein paar ältere und jüngere Damen, die sich lebhaft für das Fest interessierten, und nicht selten sogar Karmasinoff anwesend. Freilich tat der letztere in diesen Sitzungen wenig mehr, als mit zufriedenem Lächeln im voraus versichern, daß er das Publikum mit seiner Quadrille de la littérature[116] geradezu in Entzücken versetzen werde. Die ganze „Gesellschaft“ unserer Stadt hatte beträchtliche Summen geopfert, doch war es nicht sie allein, die an dem Fest teilnehmen sollte: das konnte vielmehr ein jeder, wenn er nur zahlte. Julija Michailowna meinte, daß man in gewissen Fällen die Vermengung der Klassen sehr wohl zulassen dürfe, denn das trüge „zur Aufklärung“ bei. Und so beschloß man denn, daß das Fest ein demokratisches werden sollte. Die verhältnismäßig große Einnahme aus der Subskription verlockte natürlich sofort zu größeren Ausgaben: man wollte jetzt etwas geradezu Wunderbares bieten, und das war denn auch der Grund, warum das Fest immer wieder hinausgeschoben werden mußte. Vor allem konnte man sich nicht entscheiden, wo der Ball stattfinden sollte: in dem großen Hause des Adelsmarschalls, das die Adelsmarschallin für diesen Tag zur Verfügung gestellt hatte, oder bei Warwara Petrowna in Skworeschniki. Bis nach Skworeschniki wäre es für Fußgänger vielleicht etwas weit gewesen, aber viele Mitglieder des Komitees meinten, daß es dort jedenfalls weit „freier“ sein würde. Warwara Petrowna selbst hätte viel darum gegeben, wenn man sich für ihren Saal entschieden hätte, doch ist es gewiß schwer zu sagen, warum eigentlich? Warum diese stolze Frau sich bei Julija Michailowna geradezu einschmeicheln wollte? Vielleicht gefiel es ihr, daß umgekehrt diese ihren Sohn so unendlich hochschätzte und von einer Liebenswürdigkeit zu ihm war, wie sonst zu keinem? Ich will hier nochmals erwähnen, daß Pjotr Stepanowitsch in dieser ganzen Zeit unentwegt fortfuhr, das Gerücht, das er schon früher in der Stadt verbreitet hatte, jetzt auch im Hause des Gouverneurs von Ohr zu Ohr zu tragen: daß nämlich Stawrogin in geheimnisvollsten Beziehungen zu den geheimnisvollsten Mächten stehe, und daß er, wie man auf das bestimmteste wisse, mit einem großen und schwerwiegenden Auftrage hergekommen sei.
Es hatte damals eine merkwürdige Stimmung die Geister ergriffen. Und besonders unter unseren Damen machte sich ein gewisser Leichtsinn bemerkbar, von dem man dabei nicht einmal behaupten konnte, daß er sich nur allmählich entwickelt hätte. Wie vom Winde hergeweht hatten sich plötzlich freie Auffassungen verbreitet. Es begann ganz allgemein ein leichteres Leben, voll von Exzentrizitäten und Freiheiten. Später, als alles wieder vorüber war, beschuldigte man ganz öffentlich nur Julija Michailowna und den Einfluß, den sie auf die Jugend der Stadt ausgeübt hatte. Doch ist es nicht richtig, daß sie allein an allem die Schuld trug. Im Gegenteil, diejenigen hatten auch nicht so ganz unrecht, welche anfänglich die neue Gouverneurin geradezu lobten, und zwar vor allem deshalb, weil sie es verstünde, die Gesellschaft zusammenzuhalten und das Leben in ihr im guten Sinne angenehmer zu machen. Mit den paar kleinen Skandalen, die inzwischen passierten, hatte Julija Michailowna auch nicht das geringste zu tun. Im übrigen aber nahm man auch diese Skandale nicht allzu ernst, sondern lachte über sie, fand sie sehr amüsant, und leider war niemand da, der sich in den Weg gestellt und gesagt hätte, daß man den Dingen nicht immer so weiter ihren Lauf lassen durfte. Nur eine kleine, oder vielleicht auch nicht einmal so kleine Gruppe, die die Verhältnisse denn doch etwas anders ansah, hielt sich abseits, aber selbst in ihr war man im stillen mehr geneigt, zu lächeln als zu murren.
Es bildete sich, wie ich mich erinnere, ganz von selbst ein ziemlich großer Kreis, dessen Mittelpunkt tatsächlich in Julija Michailownas Salon lag. Diese jugendliche Gesellschaft hatte es sich besonders zur Aufgabe gestellt, Streiche zu machen. Außer den jungen Leuten gehörten auch mehrere junge Mädchen und selbst junge Frauen zu ihr. Man veranstaltete Picknicks, Tanzgesellschaften, zog in ganzen Kavalkaden, zu Wagen und zu Pferde, durch die Stadt, wobei Pjotr Stepanowitsch und Liputin auf gemieteten Kosakenpferden immer lustig mittrabten. Man suchte Abenteuer oder führte sie womöglich absichtlich herbei, einzig um der Lachlust und Vergnügungssucht zu genügen. Die übrigen Einwohner der Stadt behandelte man als ausgemachte Dummköpfe. Die Streiche waren meist ziemlich unschuldiger Natur. Doch einmal, als man durch Lämschin frühmorgens darüber unterrichtet worden war, daß ein junger Gatte seine junge Frau in der Hochzeitsnacht irgendwie rücksichtslos behandelt hatte, setzten sich ihrer zehn Mann sofort in den Sattel, um das junge Paar bei den am nächsten Tage üblichen Visiten abzufangen. Kaum hatten sie die Neuvermählten erblickt, als denn auch schon die ganze Kavalkade den Wagen mit Hallo umringte und dann das arme Paar den ganzen Vormittag von Haus zu Haus begleitete. Sie beleidigten zwar weiter niemanden, sondern gaben nur lachend ein „Ehrengeleit“, doch war es immerhin schon ein richtiger Skandal, den sie dadurch in der Stadt erregten. Diesmal ärgerte sich von Lembke denn auch ernstlich und hatte mit Julija Michailowna wieder einmal eine lebhafte Auseinandersetzung. Auch Julija Michailowna war sehr ungehalten über die „Jungen“ und gedachte schon, sie irgendwie zu bestrafen, und doch verzieh sie ihnen am anderen Tage wieder einmal, da ihr Pjotr Stepanowitsch dazu riet und Karmasinoff den Scherz sogar geistreich fand.
„Das ist doch weiter nicht schlimm,“ sagte er. „Wenigstens ist es ein ritterlicher und ... mutiger Streich. Sie sehen doch, daß im Grunde alle darüber lachen, nur Sie sind ungehalten.“
Doch alsbald sollten auch wirklich unverzeihliche Streiche folgen, die einen schon ganz anderen Ton hatten.
In unserer Stadt erschien eine Buchtrödlerin, die billige Bibeln verkaufte. Es war eine achtbare und nicht einmal ungebildete Frau, wenn auch nur eine einfache Kleinbürgerin. Wieder war es derselbe Lämschin, der ihr, unter dem Vorwande, eines ihrer Bücher kaufen zu wollen, ein Paket unanständiger ausländischer Photographien in den Sack steckte. Als nun die arme Frau auf dem Markt ihre Bücher aus dem Sack hervorholte, fielen plötzlich die Photographien heraus. Es erhob sich zuerst ein Gelächter, die Gruppe vor ihrem Stand vergrößerte sich, man wurde unwillig und schließlich begann man zu schimpfen. Unfehlbar wäre es zu einer Schlägerei gekommen, wenn nicht die Polizei die bedrohliche Versammlung auseinander gebracht und die arme Frau auf der Wache eingesperrt hätte. Mittlerweile aber hatte Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff die näheren Einzelheiten dieser häßlichen Geschichte erfahren und in seiner Empörung sofort die nötigen Schritte getan, um die Unschuldige zu befreien, was ihm endlich gegen Abend auch gelang. Da wollte denn Julija Michailowna den kleinen Lämschin entschieden nicht mehr empfangen, doch schon am selben Abend geschah es, daß die ganze Schar im Triumph mit Lämschin in der Mitte bei ihr erschien und berichtete, daß er ein ganz entzückendes Stückchen komponiert habe, das sie wenigstens noch anhören müsse. Die Komposition erwies sich in der Tat als ungewöhnlich. Sie hieß: „Der deutsch-französische Krieg“, und begann mit den stolzen Tönen der Marseillaise: