„Weihe, Weihe ...“ murmelte Semjon Jakowlewitsch.
Lisa erbleichte plötzlich, schrie auf und stürzte zu ihm. Es war eine kurze leidenschaftliche Szene: mit aller Kraft wollte sie Mawrikij Nicolajewitsch wieder emporreißen, und zog ihn mit beiden Händen wie wahnsinnig am Arm.
„Stehen Sie auf, stehen Sie auf!“ rief sie, wie völlig von Sinnen. „Stehen Sie sofort auf, sofort! Wie wagten Sie es, niederzuknien!!“
Mawrikij Nicolajewitsch erhob sich. Sie umklammerte seine Arme über den Ellenbogen und sah ihm mit brennendem Blick ins Gesicht. Angst lag in ihren Augen.
„Liebäugelnde, Liebäugelnde!“ sagte Semjon Jakowlewitsch wieder.
Endlich hatte Lisa Mawrikij Nicolajewitsch in die vordere Zimmerhälfte herübergezogen. Unsere ganze Schar war unruhig geworden. Da wandte sich die junge Dame aus unserem Wagen zum drittenmal, wahrscheinlich um von dem Vorfall abzulenken, mit gezwungenem Lächeln an Semjon Jakowlewitsch:
„Aber, Semjon Jakowlewitsch, werden Sie mir denn heute gar nichts sagen? Und ich habe doch so auf Sie gerechnet!“
„Auf ... dir, auf ... dir!“ fuhr er sie plötzlich wild an, mit einem ganz unmöglichen Wort, das er noch dazu erschreckend deutlich aussprach. Die Damen schrien vor Schreck alle auf und liefen entsetzt aus dem Zimmer. Die Herren aber brachen in ein homerisches Gelächter aus. Damit war denn unser Besuch bei Semjon Jakowlewitsch beendet.
Nur etwas Rätselhaftes geschah noch – etwas, weshalb ich diese ganze Fahrt überhaupt so ausführlich erzählt habe.
Es war in dem Augenblick, als alle in hellem Haufen zur Tür drängten. Da traf Lisa, die von Mawrikij Nicolajewitsch gestützt wurde, in dem Gedränge an der Tür plötzlich mit Nicolai Wszewolodowitsch zusammen. Ich muß hinzufügen, daß die beiden, wenn sie sich auch seit jenem Sonntag mehr als einmal in der Gesellschaft begegnet waren, doch noch kein Wort miteinander gesprochen hatten. Ich sah nun, wie beide, als sie an der Tür zusammentrafen, einen Augenblick stehen blieben und sich sonderbar ansahen – doch konnte ich in dem Gedränge nichts weiter wahrnehmen. Andere dagegen versicherten mir, daß Lisa plötzlich die Hand gegen ihn erhoben und Stawrogin unfehlbar geschlagen haben würde, wenn es ihm nicht gelungen wäre, noch rechtzeitig auszuweichen. Vielleicht hatte ihr der Ausdruck seines Gesichts nicht gefallen? oder ein Lächeln nach dieser Szene mit Mawrikij Nicolajewitsch? Ich muß gestehen, daß ich davon nichts weiß, doch alle versicherten, es sei in der Tat etwas derartiges der Fall gewesen ... wenn auch „alle“ es unmöglich hatten sehen können – höchstens einige. Jedenfalls weiß ich nichts Näheres noch Bestimmtes. Ich erinnere mich nur, daß Stawrogin auf dem Heimwege auffallend bleich aussah, was er vorher nicht in dem Maße gewesen war.