„So erlauben Sie doch, erlauben Sie doch,“ er trat immer näher und preßte jetzt schon beide Hände an die Brust.

„Sch–scher dich, pack dich!“ knirschte Andrei Antonowitsch. „Mach, was du willst ... später ... O Gott!“

Die Portiere wurde zur Seite geschlagen, und Julija Michailowna erschien. Als sie Blümer erblickte, blieb sie stehen und musterte ihn hochmütig und beleidigend vom Kopf bis zu den Füßen, als wäre schon seine bloße Anwesenheit kränkend für sie. Blümer machte stumm eine tiefe, ehrerbietige Verbeugung vor ihr und ging dann, noch krumm vor Ehrerbietung, auf den Fußspitzen zur Tür.

War es nun, daß er die letzten Worte von Lembkes für die Erlaubnis nahm, so zu handeln, wie er wollte, oder ob er es von sich aus unrechterweise, jedoch in der festen Überzeugung tat, seinem Wohltäter zu einem Orden zu verhelfen, – das mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls erwuchs, wie wir weiterhin sehen werden, aus diesem Gespräch des Vorgesetzten mit seinem Untergebenen etwas ganz Unvorhergesehenes, das viele zum Lachen reizte, als es bekannt ward, aber Julija Michailownas hellen Zorn erregte. Von Lembke dagegen wurde dadurch in der entscheidendsten Zeit in die bedauernswerteste Unentschlossenheit versetzt.

V.

Für Pjotr Stepanowitsch war es ein geschäftiger Tag. Nachdem er von Lembke verlassen hatte, begab er sich schnell zur Bogojawlenskstraße, doch als er unterwegs in der Bykoffstraße an dem Hause vorüberkam, in dem Karmasinoff wohnte, blieb er plötzlich stehen, lächelte und trat ins Haus. Man öffnete ihm mit einem: „Der Herr erwarten bereits –,“ was Pjotr Stepanowitsch sehr bemerkenswert erschien, denn er hatte durchaus nicht gesagt, daß er kommen werde.

Der „große Schriftsteller“ erwartete ihn in der Tat, und zwar schon seit drei Tagen, denn vor vier Tagen hatte er das Manuskript seines „Merci“ (seinen Abschiedsgruß ans Publikum, den er auf der literarischen Matinee zum Besten armer Gouvernanten vorzulesen gedachte) Werchowenski eingehändigt. Er hatte es aus Liebenswürdigkeit getan, in der Überzeugung, dem jungen Manne außerordentlich zu schmeicheln, wenn er ihm das große Werk schon vorher zeigte. Pjotr Stepanowitsch hatte schon längst begriffen, daß dieser ruhmsüchtige, eitle und für Nichterwählte so beleidigend unnahbare Herr, dieser „erhabene Verstand“, sich einfach an ihn herandrängen wollte. Er erriet, daß Karmasinoff ihn, wenn auch vielleicht nicht für den erklärten Führer alles dessen hielt, was in ganz Rußland heimlich revolutionär war, so doch wenigstens für einen, der in alle Geheimnisse der russischen Revolution eingeweiht war und zweifellos großen Einfluß auf die Jugend hatte. Die Gedanken dieses „klügsten Menschen in ganz Rußland“ interessierten Pjotr Stepanowitsch, doch bisher hatte er aus gewissen Gründen eine Aussprache vermieden.

Der „große Schriftsteller“ wohnte im Hause seiner Schwester, der Frau eines Kammerherrn und Gutsbesitzers, die nebst ihrem Mann den „berühmten Verwandten“ geradezu vergötterte. Augenblicklich mußten sie leider beide, zu ihrem größten Schmerz, in Moskau leben, so daß denn eine alte Dame, eine arme Verwandte des Kammerherrn, die schon lange im Hause die Wirtschaft führte, die Ehre hatte, Karmasinoff zu empfangen und aufzunehmen. Seit seiner Ankunft ging das ganze Haus auf den Fußspitzen, und niemand wagte mehr, laut zu sprechen. Die alte Dame berichtete fast täglich nach Moskau, wie Karmasinoff geschlafen und was er gegessen hatte, und einmal, als er nach einem Diner beim Stadthaupt einen Löffel voll einer gewissen Medizin hatte einnehmen müssen, schickte sie sogar ein Telegramm ab, in ihrer Furcht, er könne vielleicht krank werden. Karmasinoff selbst sprach, wenn auch höflich, so doch nur ganz trocken mit ihr, und nur wenn es unbedingt nötig war. Als Pjotr Stepanowitsch bei ihm eintrat, aß er gerade ein Kotelett. Vor ihm stand ein Glas Portwein. Pjotr Stepanowitsch war auch früher schon bei ihm gewesen, und jedesmal hatte er ihn bei diesem Morgenfrühstück angetroffen, das er dann ruhig weiter zu essen pflegte, ohne seinem Gast auch nur einmal etwas anzubieten. Nach dem Kotelett trank er dann ein Täßchen Kaffee. Der Diener war in blauem Frack, weichen, unhörbaren Stiefeln und weißen Handschuhen.

„A–ah!“ rief Karmasinoff aus und erhob sich vom Sofa, während er sich den Mund mit der Serviette abwischte; darauf trat er auf Pjotr Stepanowitsch zu, um ihn auf die Wange zu küssen – die charakteristische Angewohnheit aller Russen, wenn sie schon gar zu berühmt sind.

Pjotr Stepanowitsch wußte aber schon von früher, daß Karmasinoff bei diesem bei ihm üblichen Kuß nur die Wange hinzuhalten pflegte – da machte er es diesmal ebenso: und so legten sich denn beide Wangen flach aneinander. Karmasinoff tat, als hätte er nichts bemerkt, setzte sich wieder auf sein Sofa und lud seinen Gast ein, ihm gegenüber auf einem Lehnstuhl Platz zu nehmen, was dieser auch sofort mit seiner ganzen Nonchalance tat.