„Ma bonne amie!“[16] rief er ihr mit schwacher Stimme entgegen.
„Sie sind allein, das freut mich. Ich kann Ihre Freunde nicht ausstehen. Wie das hier wieder vollgeraucht ist! Und das Frühstück noch nicht beendet, dabei ist es schon zwölf! Wahrhaftig: Unordnung ist doch Ihre Seligkeit. Und Ihr einziges Behagen. Was sind das für Papierfetzchen auf dem Fußboden? Nastassja, Nastassja! Mach’ mir mal hier alle Fenster auf, Mütterchen! Wir gehen in den Salon. Ich habe mit Ihnen zu reden. Du aber fege hier doch wenigstens einmal im Leben aus! ... Schließen Sie gut die Tür, Nastassja wird natürlich horchen. Setzen Sie sich und hören Sie zu. Wohin, wohin? Wohin wollen Sie?“
„Ich ... sofort ... ich bin sofort wieder da ...“
„Ah, Sie haben den Rock gewechselt.“ Sie musterte ihn spöttisch. „Der paßt allerdings besser zu ... unserem Gespräch. Aber so setzen Sie sich doch endlich, ich bitte Sie!“
Sie erklärte ihm alles mit einem Schlage, scharf und einleuchtend. Sie streifte auch die Achttausend, die er so nötig hatte. Sie sprach ausführlich von der Mitgift. Er riß die Augen auf und begann zu zittern. Er hörte alles, aber er konnte nichts klar erwägen. Er wollte etwas entgegnen, aber die Stimme versagte.
„Mais, ma bonne amie, zum dritten Mal und in meinen Jahren, und mit einem solchen Kinde!“ brachte er schließlich hervor. „Mais c’est une enfant!“[28]
„Das schon zwanzig Jahre alt ist, gottlob! Sie sind ein sehr kluger und gelehrter Mann, aber vom Leben verstehen Sie nichts. Sie werden ewig eine Kinderfrau nötig haben. Sterbe ich, was wird dann aus Ihnen? Sie aber ist ein bescheidenes, verständiges, charakterfestes Mädchen; zudem werde ich ja selbst immer hier sein, ich sterbe ja nicht gleich. Sie ist häuslich, ist ein Engel an Sanftmut. Dieser glückliche Gedanke kam mir schon in der Schweiz. Begreifen Sie auch: ich selbst sage es Ihnen, daß sie ein Engel ist!“ rief sie plötzlich jähzornig. „Sie bilden sich wohl ein, daß ich Sie noch bitten, alle Vorzüge aufzählen muß! Nein, Sie müßten auf den Knien ... Oh, Sie leerer, leerer, engherziger Mensch!“
„Aber ich ... ich bin doch schon ein Greis!“
„Fünfzig Jahre sind nicht das Ende, sondern nur die Hälfte des Lebens. Sie sind ein schöner Mann und wissen das selbst. Sie wissen auch, wie sehr Dascha Sie verehrt. Und wenn ich sterbe, was wird dann aus ihr? Sie haben einen angesehenen Namen, ein liebevolles Herz. Sie werden sie bilden, werden sie retten, ja retten! Inzwischen wird auch Ihr Werk fertig werden und das wird Ihren Ruhm erneuern ...“
„Allerdings ... bin ich gerade im Begriff, meine ‚Skizzen aus der spanischen Geschichte‘ vorzunehmen ...“