„Und einige werden darüber gar vollends verrückt,“ bemerkte der Major.
„Immerhin kann man sich so doch zu irgendeinem Ergebnis durchsprechen, und das ist, denke ich, jedenfalls besser, als wie die Diktatoren dazusitzen und zu schweigen,“ rief Liputin gehässig, der es jetzt endlich zu wagen schien, Werchowenski anzugreifen.
„Ich habe nicht zu Schigaleffs Ideen ‚Unsinn‘ gesagt,“ murmelte Werchowenski nachlässig, fast kaum verständlich seine Worte. „Sehen Sie, meine Herrschaften,“ er blickte kurz auf – „meiner Meinung nach sind alle diese Bücher Fouriers, Cabets, alle diese ‚Arbeitsrechte‘, der Schigalewismus – alles das erinnert an Romane, die man ja zu Hunderttausenden schreiben kann. Ästhetischer Zeitvertreib. Ich begreife ja, daß Sie es hier im Städtchen langweilig haben und sich eben darum aufs Schreibpapier stürzen.“
„Erlauben Sie,“ der Lahme rückte ungeduldig auf dem Stuhl, „wenn wir auch Provinzler sind und natürlich schon deswegen allein Mitleid verdienen, so wissen wir doch, daß inzwischen in der Welt nichts so Besonderes oder Neues geschehen ist, als daß wir Grund hätten, darüber zu klagen, daß wir es nicht mit unseren Augen gesehen haben. Da fordert man uns nun auf, durch verschiedene Schandblätter ausländischen Fabrikats, die hier verbreitet werden, uns zusammenzutun und Geheimbünde zu gründen, einzig zu dem Zweck der allgemeinen Zerstörung – unter dem Vorwande: wie man an der Welt auch herumdoktern wollte, ganz gesund könne man sie doch nicht machen; schneidet man aber radikal hundert Millionen Köpfe ab, so könne man nach dieser Erleichterung besser über den Graben springen. Ein herrlicher Gedanke, zweifellos, aber – mit der Wirklichkeit mindestens ebenso unvereinbar wie der Schigalewismus, über den Sie sich noch im Augenblick so verächtlich äußerten.“
„Na, ja, ich bin aber nicht zu dem Zweck hergekommen, um hier Betrachtungen anzustellen,“ versprach sich Werchowenski gleichsam mit einem bedeutsamen Wort, tat aber dabei, als hätte er das selbst gar nicht bemerkt, und zog ruhig ein Licht zu sich heran, damit er es heller habe.
„Schade, wirklich sehr schade, daß Sie nicht zu dem Zweck hergekommen sind, und desgleichen, daß Sie jetzt mit Ihrer Toilette beschäftigt sind!“
„Was hat das mit meiner Toilette zu tun?“
„Die Idee, die Menschheit um hundert Millionen Köpfe zu verringern, ist ebenso schwer zu verwirklichen, wie die Welt mittels Propaganda umzuändern. Vielleicht sogar noch schwerer, besonders in Rußland,“ wagte sich Liputin wieder vor.
„Man scheint jetzt allgemein auf Rußland zu hoffen,“ bemerkte einer von den Offizieren.
„Ja, auch wir haben davon gehört, daß man auf Rußland hofft,“ griff der lahme Lehrer die Bemerkung auf. „Wir wissen, daß auf unser herrliches Vaterland ein geheimnisvoller Inder weist, wie auf ein Land, das am meisten zur Ausführung der großen Aufgabe befähigt ist. Nur eines muß man dabei nicht außer acht lassen: im Falle einer allmählichen Lösung der Aufgabe durch Propaganda kann ich persönlich doch immerhin etwas dabei gewinnen, nun, wenn auch meinetwegen nur dies, daß ich angenehm habe plaudern können, oder ich erhalte von den Vorgesetzten gar einen Orden für meine Dienste für die soziale Sache. Aber im zweiten Falle, bei der schnellen Entscheidung durch das Abhauen von hundert Millionen Köpfen – was hätte ich da für eine Belohnung zu erwarten? Fange ich an dafür Propaganda zu machen, so schneidet man mir womöglich noch die Zunge ab.“