„Und dazu noch für die Aristokraten arbeiten und ihnen wie Göttern gehorchen – das ist eine Gemeinheit!“ rief die Studentin empört.
„Ich schlage keine Gemeinheit vor, sondern ein Paradies, das irdische Paradies, und ein anderes kann es hier auf Erden überhaupt nicht geben,“ schloß Schigaleff mit Nachdruck.
„Ich aber würde anstatt des Paradieses,“ schrie Lämschin, „diese ganzen neun Zehntel der Menschheit nehmen und sie, da man mit ihnen doch nichts anzufangen weiß, einfach in die Luft sprengen, und würde nur ein Häufchen gebildeter Leute übriglassen, die dann nach der Wissenschaft herrlich und in Freuden leben könnten.“
„So etwas kann nur ein Narr sagen!“ fuhr die Studentin auf.
„Er ist ein Narr, aber er ist nützlich,“ flüsterte ihr Frau Wirginskaja zu.
„Und vielleicht wäre das die beste Lösung der Aufgabe!“ wandte sich Schigaleff lebhaft zu Lämschin. „Sie wissen natürlich nicht mal, welch einen tiefen Gedanken Sie da ausgesprochen haben, mein lustiger Herr. Da aber Ihr Vorschlag kaum erfüllbar ist, so muß man sich eben mit dem sogenannten Erdenparadies begnügen.“
„Einstweilen ist das schon genügender Unsinn!“ bemerkte plötzlich Werchowenski, anscheinend ganz unwillkürlich als Betrachtung, die einem mal so entschlüpft. Übrigens fuhr er dabei gelassen und ohne aufzublicken fort, seine Nägel zu beschneiden.
„Wieso, warum soll denn das ein Unsinn sein?“ griff sofort der lahme Lehrer die Bemerkung auf, als hätte er nur auf das erste Wort von Werchowenski gewartet, um ihn angreifen zu können. „Warum denn gerade ein Unsinn? Herr Schigaleff ist zum Teil ein Fanatiker der Menschenliebe; und erinnern Sie sich nur, daß selbst Fourier, Cabet ganz besonders, und sogar Proudhon eine Menge der allerdespotischsten und allerfanatischsten theoretischen Lösungen der Frage gegeben haben. Herr Schigaleff hat vielleicht noch am nüchternsten von ihnen allen die Sache angefaßt. Ich versichere Sie, daß es nach der Lektüre seines Buches fast unmöglich ist, mit einigen seiner Behauptungen nicht übereinzustimmen. Er hat sich vielleicht am allerwenigsten von der Realität entfernt, und sein Erdenparadies ist beinahe das wirkliche Paradies, dasselbe, über dessen Verlust die ganze Menschheit seufzt – vorausgesetzt natürlich, daß es wirklich einmal existiert hat.“
„Ich konnte mir ja denken, daß ich mir da was auf den Hals lade,“ murmelte Werchowenski wieder nachlässig.
„Erlauben Sie,“ regte sich der Lahme mehr und mehr auf, „Gespräche und Betrachtungen über die zukünftige soziale Einrichtung sind fast die dringendste Pflicht aller denkenden Menschen der Gegenwart. Alexander Herzen hat sich sein Leben lang einzig und allein darum gesorgt, und Belinski hat, wie ich aus der sichersten Quelle weiß, ganze Abende mit seinen Freunden verbracht, indem er mit ihnen im voraus über die kleinsten Einzelheiten der zukünftigen sozialen Welteinrichtung debattierte, ja, sozusagen über deren Küchenfragen stritt.“[46]