„Wenn Sie selbst es nicht einmal verstanden haben, Ihr eigenes System zu vollenden, und darüber in Verzweiflung geraten sind, so sagen Sie doch bitte, was wir noch machen sollen?“ bemerkte vorsichtig einer der Offiziere.

„Sie haben recht, mein Herr aktiver Offizier,“ wandte sich Schigaleff schroff an ihn, „und vor allen Dingen darin, daß Sie das Wort ‚Verzweiflung‘ gebrauchten. Ja, ich geriet in Verzweiflung; doch nichtsdestoweniger ist alles, was in meinem Buche steht, unersetzlich, und einen anderen Ausweg gibt es nicht; einen solchen wird keiner finden. Und darum beeile ich mich, ohne Zeit zu verlieren, die ganze Gesellschaft aufzufordern, später, also nachdem ich mein System an zehn Abenden vorgetragen habe, ihre Meinung über dasselbe zu äußern. Wollen aber die Mitglieder mir nicht zuhören, so ist es besser, wir gehen sofort alle auseinander, – die Männer, um sich mit Verwaltungsarbeiten abzugeben, und die Frauen – in ihre Küchen, aus dem Grunde, weil sie, wenn sie mein System ablehnen, einen anderen Ausweg doch nicht mehr finden können. Kei–nen einzigen! Lassen sie aber die Zeit sich entgehen, so schaden sie sich damit nur, da sie dann doch unfehlbar zum ewig Alten zurückkehren werden.“

Man wurde ein wenig unruhig: „Was soll das ...? Wie ...? Etwa übergeschnappt ...?“ hörte man flüstern.

„Das heißt also, daß die Hauptsache jetzt bloß in Schigaleffs Verzweiflung besteht,“ folgerte Lämschin, „und die Tagesfrage nur lauten kann: hat er nun das Recht, verzweifelt zu sein, oder hat er es nicht?“

„Schigaleffs Verzweiflung ist eine vollkommen persönliche Frage,“ verkündete der Gymnasiast.

„Ich schlage vor, abzustimmen, inwieweit die Verzweiflung Schigaleffs die allgemeine Sache angeht, und ferner, ob es sich überhaupt lohnt, sein System anzuhören oder nicht?“ schlug heiter einer von den Offizieren vor.

„Hier handelt es sich nicht darum,“ mischte sich endlich der lahme Lehrer ins Gespräch. Er sprach gewöhnlich mit einem gewissen gleichsam spöttischen Lächeln, so daß es eigentlich schwer war, festzustellen, ob er im Ernst sprach oder nur scherzte. „Hier, meine Herrschaften, handelt es sich um etwas ganz anderes. Herr Schigaleff hat sich seiner Aufgabe gar zu gewissenhaft gewidmet und ist dabei allzu bescheiden. Ich kenne sein Buch. Er schlägt darin vor, und zwar als endgültige Lösung des Problems, die Teilung der Menschheit in zwei ungleiche Teile. Der kleinere Teil, ungefähr nur ein Zehntel der Menschheit, erhält allein persönliche Freiheit und das unbeschränkte Recht über die übrigen neun Zehntel. Diese neun Zehntel der Menschheit aber sollen ihre Persönlichkeit vollkommen einbüßen und zu einer Art Herde werden, um bei grenzenlosem Gehorsam mittels einer Reihe von Wiedergeburten die uranfängliche Unschuld wiederzugewinnen, etwa in der Form des alten Paradieses, wenn sie auch, nebenbei bemerkt, arbeiten müssen. Die Maßregeln, die der Autor vorschlägt, um den neun Zehnteln der Menschheit den persönlichen Willen zu nehmen, sowie um sie mittels einer neuen Erziehung ganzer Generationen in eine Herde umzubilden, – diese Maßregeln sind ungemein bemerkenswert, stützen sich zudem auf naturwissenschaftliche Tatsachen und sind sehr logisch. Man kann sich vielleicht mit einigen seiner Folgerungen nicht einverstanden erklären und ihm widersprechen, doch deshalb kann man noch nicht den Verstand und das Wissen des Autors anzweifeln. Das wäre auch unsinnig. Schade, daß seine Absicht, den Inhalt seines Buches an zehn Abenden vorzutragen mit den Umständen so unvereinbar ist, sonst bekämen wir viel Interessantes zu hören.“

„Meinen Sie das wirklich im Ernst?“ fragte Frau Wirginskaja fast beunruhigt den lahmen Lehrer. „Weil dieser Mensch nicht weiß, wohin er mit den Menschen soll, verlangt er, daß man neun Zehntel zu Sklaven macht? Ich habe ihn schon längst im Verdacht gehabt ... –“

„Sprechen Sie von Ihrem Bruder?“ fragte der Lahme.

„Wie, Sie erkennen Verwandtschaft an? Oder wollen Sie sich über mich lustig machen?“