„Meine Herren, indem ich Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nehme,“ begann Schigaleff von neuem, „und wie Sie später sehen werden, Ihre Hilfe in einem Punkte von erstklassiger Wichtigkeit erbitte, muß ich vorher einige Worte zur Einleitung sagen.“

„Arina Prochorowna, haben Sie vielleicht eine Schere?“ fragte plötzlich Pjotr Stepanowitsch.

„Wozu brauchen Sie eine Schere?“ Sie sah ihn verwundert mit großen Augen an.

„Hab mir die Nägel zu schneiden vergessen, obgleich ich’s mir schon drei Tage immer wieder vorgenommen habe,“ sagte er, gelassen seine langen und ungeputzten Nägel betrachtend.

Arina Prochorowna wurde rot vor Ärger, doch die Studentin schien daran Gefallen zu finden.

„Ich glaube, ich habe vorhin hier auf einem Fenster eine Schere gesehen,“ sagte sie, erhob sich, suchte die Schere und kam sofort wieder zurück.

Pjotr Stepanowitsch sah sie nicht einmal an, als er die Schere nahm. Arina Prochorowna sagte sich, daß das wohl unter freien Menschen so sein müsse, und schämte sich ihrer Empfindlichkeit. Die Gäste sahen sich stumm untereinander an. Der lahme Lehrer lächelte boshaft und beobachtete Werchowenski mit gehässigem Ausdruck.

Schigaleff fuhr fort:

„Nachdem ich meine Energie dem Studium des Problems der sozialen Verfassung der zukünftigen Gesellschaft, mit dem sich alle Gegenwartsmenschen beschäftigen, gewidmet, bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß alle Gründer sozialer Systeme, seit den ältesten Zeiten bis zu unserem 187...sten Jahre, bloß Grübler, Märchenerzähler, Dummköpfe gewesen sind, die sich selbst widersprochen und so gut wie nichts von der Naturwissenschaft und diesem sonderbaren Tiere, das wir Mensch nennen, gewußt haben. Plato, Rousseau, Fourier sind Säulen aus Aluminium, alles das taugt vielleicht für Spatzen, aber nicht für die menschliche Gesellschaft. Da aber die zukünftige Gesellschaftsform gerade jetzt festzusetzen unumgänglich nötig ist, gerade in diesem Augenblick, da wir uns endlich zu handeln anschicken, um dann nicht mehr nachdenken zu müssen, so schlage ich denn mein eigenes System der Welteinrichtung vor. Hier ist es!“ und er schlug mit der Hand auf sein dickes Heft. „Zuerst wollte ich der Versammlung mein Buch in gekürzter Form vorlegen, aber ich sah ein, daß ein derartiges Verfahren noch viele mündliche Erklärungen nötig machen würde. Daher habe ich mich denn entschlossen, es Ihnen an mindestens zehn Abenden – da es in zehn Kapitel eingeteilt ist – vorzutragen. (Leises Gelächter.) Ich muß Sie jedoch im voraus darauf aufmerksam machen, daß mein System noch nicht beendet, das heißt, noch nicht ganz ausgearbeitet ist. (Lauteres Gelächter.) Ich habe mich nämlich in meinen eigenen Argumenten verwickelt: meine schließliche Folgerung steht in geradem Widerspruch zu der anfänglichen Idee. Nachdem ich von unbeschränkter Freiheit ausgegangen bin, komme ich zum Schluß zu unbeschränktem Despotismus. Jedenfalls aber füge ich hinzu, daß es außer meiner Lösung der Gesellschaftsformel eine andere Lösung überhaupt nicht geben kann.“

Das Gelächter war lauter und immer lauter geworden, doch waren es eigentlich nur die jüngeren, die gewissermaßen nicht ganz eingeweihten Gäste, die da lachten. Auf dem Gesicht der Hausfrau, Liputins und des lahmen Lehrers drückte sich einiger Unwille aus.