Werchowenski antwortete nicht und lief immer noch neben ihm her und sah mit demselben flehenden und doch gleichzeitig unnachgiebigen Blick zu ihm auf.
„Versöhnen wir uns!“ flüsterte er noch einmal. „Hören Sie, ich halte wie Fedjka ein Messer im Stiefel bereit, aber – ich will mich mit Ihnen versöhnen!“
„Zum Teufel, wozu brauchen Sie mich denn! Was wollen Sie von mir?“ rief Stawrogin in hellem Zorn, trotz seiner ganzen Verwunderung. „Soll das etwa ewig ein Geheimnis bleiben? Bin ich denn ein Talisman für Sie?“
„Hören Sie, wir machen einen Aufruhr,“ redete der andere schnell und wirr, fast wie im Fieber. „Sie glauben nicht, daß wir einen Aufruhr machen? Wir werden einen solchen Aufruhr machen, daß alles in den Grundfesten erbebt. Karmasinoff hat recht: es gibt nichts, woran man sich noch halten könnte. Karmasinoff ist sehr klug. Nur noch zehn solcher Gruppen in ganz Rußland, und ich bin nicht zu fangen.“
„Und überall dieselben Dummköpfe!“ entfuhr es Stawrogin wider Willen.
„Oh, seien Sie selbst etwas dümmer, Stawrogin, seien Sie selbst etwas dümmer! Wissen Sie, Sie sind ja auch gar nicht so klug, daß Sie dies noch wünschen sollten. Sie fürchten sich, Sie glauben nicht daran, der Umfang schreckt Sie. Und warum sollen sie Dummköpfe sein? Dabei sind sie gar nicht mal solche Dummköpfe! Heutzutage hat niemand seinen eigenen Verstand. Heutzutage gibt es überhaupt furchtbar wenig eigenen Verstand. Wirginski ist der reinste Mensch, viel reiner als solche wie wir, zehnmal reiner. Doch lassen wir ihn beiseite, was geht er uns an. Liputin ist ein Spitzbube, aber ich kenne seine Achillesferse. Es gibt keinen Spitzbuben, der nicht eine Achillesferse hätte. Nur Lämschin allein hat keine, dafür ist er ganz in meiner Hand. Und noch ein paar solcher Gruppen, und ich habe überall Pässe und Geld – beachten wir schon das allein! Wenn auch nur das allein! – was? Dazu sichere Verstecke. Mögen sie dann suchen! Eine Gruppe reißt man heraus, und auf die andere setzt man sich ahnungslos. Wir wiegeln auf ... Hören Sie, wir machen einen Aufruhr ... Glauben Sie denn wirklich nicht, daß wir zwei vollkommen genügen?“
„Nehmen Sie Schigaleff, mich aber lassen Sie in Ruh ...“
„Schigaleff ist ein genialer Mensch! Wissen Sie, das ist ein Genie à la Fourier, nur mutiger als Fourier, nur stärker als Fourier. Ich werde mich mit ihm beschäftigen. Er hat die ‚Gleichheit‘ erdacht!“
– „Er hat offenbar Fieber und phantasiert. Es muß etwas ganz Besonderes mit ihm geschehen sein,“ dachte Stawrogin und sah ihn noch einmal von der Seite an. Sie gingen beide, ohne stehen zu bleiben.
„In seiner Schrift ist das eine gut,“ fuhr Werchowenski fort, „er hat die Idee der Spionage. Bei ihm beobachtet innerhalb des Verbandes ein jeder den anderen, und ist verpflichtet, ihn nötigenfalls anzuzeigen. Jeder einzelne gehört allen und alle jedem einzelnen. Alle sind Sklaven und in der Sklaverei einander gleich. In äußersten Fällen Verleumdung und Mord, – aber die Hauptsache: Gleichheit! Als erstes senkt sich dann das Niveau der Bildung, der Wissenschaft und der natürlichen, angeborenen Begabung. Ein hohes geistiges Niveau ist nur höheren Begabungen zugänglich – wir aber brauchen keine höheren Begabungen! Höhere Begabungen haben stets die Macht an sich gerissen und waren Despoten. Höheren Begabungen ist es unmöglich, nicht Despoten zu sein, und stets haben sie mehr demoralisiert als Nutzen gebracht; man verjagt sie deshalb oder man richtet sie hin. Cicero wird die Zunge abgeschnitten, Kopernikus werden die Augen ausgestochen und Shakespeare wird gesteinigt – das ist der Schigalewismus! Sklaven müssen gleich sein: ohne Despotismus hat es noch nie weder Freiheit noch Gleichheit gegeben, in der Herde aber muß Gleichheit sein, und da haben Sie den Schigalewismus! Ha–ha–ha, Ihnen kommt das sonderbar vor? Ich bin für den Schigalewismus!“