Und da antwortete er mir zu meiner Verwunderung keineswegs sicher und bestimmt, ob er zu solch einem geheimen Verbande gehörte oder nicht gehörte. Ich wurde nicht klug daraus.

„Ja, voyez-vous, es kommt darauf an, wie man’s nimmt. Voyez-vous ...“

„Wie man was ‚nimmt‘?“

„Wenn man immer mit dem ganzen Herzen für den Fortschritt gewesen ist, und ... wer kann denn sicher sein? Du glaubst, daß du nicht gehörst, und siehe da, du gehörst schließlich doch zu irgend etwas.“

„Wie ist das möglich, hier handelt es sich doch nur um ja oder nein?“

„Cela date de Pétersbourg,[151] als wir beide dort das Blatt gründen wollten. Da steckt die Wurzel. Wir drückten uns damals und man vergaß uns: jetzt aber haben sie sich wieder unserer erinnert. Cher, cher, kennen Sie mich denn nicht!“ rief er plötzlich krankhaft erregt. „Man wird uns festnehmen, in einen Bauernschlitten setzen und dann: marsch nach Sibirien fürs ganze Leben! Oder man vergißt uns in einer Kasematte!“

Und plötzlich begann er heiße, heiße Tränen zu weinen. Er bedeckte die Augen mit seinem seidenen Taschentuch und weinte und schluchzte ungefähr fünf Minuten lang. Ich konnte es nicht mit ansehen. Dieser alternde Mann, der jetzt zwanzig Jahre lang unser Freund und Lehrer, unser Patriarch gewesen war, der sich so hoch über uns allen zu halten verstanden hatte: der weinte plötzlich wie ein kleiner, ungezogener Junge, der den Stock, nach dem der Lehrer gegangen ist, fürchtet. Grenzenlos tat er mir leid. An den „Bauernschlitten“ glaubte er sicherlich eben so fest, wie daran, daß ich neben ihm saß – und erwartete ihn womöglich sofort, in der nächsten Minute schon. Und alles das für den Besitz der Werke Herzens oder irgendein eigenes Poem! Solch eine vollkommene Unkenntnis der alltäglichen Wirklichkeit war rührend und gleichzeitig doch auch widerlich.

Endlich hörte er auf zu weinen, erhob sich vom Diwan und ging wieder im Zimmer auf und ab. Sein Gespräch setzte er ebenso unzusammenhängend fort, wie zuvor; dabei blickte er jeden Augenblick zum Fenster hinaus oder horchte, ob nicht jemand ins Vorzimmer trat. Alle meine Beteuerungen und Beruhigungen sprangen von ihm ab wie Erbsen von der Wand. Er hörte mir kaum zu, und hatte es dabei doch ersichtlich furchtbar nötig, daß ich ihn beruhigte. Er sprach denn auch beinahe nur in dieser Absicht. Ich sah bald ein, daß er jetzt ohne mich nicht auskommen konnte, mich jedenfalls um keinen Preis jetzt von sich gelassen hätte. So blieb ich denn bei ihm und wir verbrachten ungefähr zwei Stunden miteinander.

Im Laufe des Gesprächs bemerkte er, daß Blümer unter anderem auch zwei Proklamationen, die er bei ihm irgendwo gefunden hatte, mitgenommen habe.

„Proklamationen!?“ Ich erschrak dummerweise. „Sind Sie denn ...“