„Ce cher homme,“[169] unterbrach ihn Karmasinoff familiär mit seiner kreischenden Stimme und faßte ihn mit freundschaftlicher Vertraulichkeit an der Schulter. „Aber Julija Michailowna, so bringen Sie uns doch schnell zu sich hinüber! Dort wird er sich dann hinsetzen und uns alles erzählen.“
„Dabei bin ich mit diesem alten, reizbaren Weibe von Mann nie Freund gewesen!“ fuhr am selben Abend Stepan Trophimowitsch zitternd vor Wut fort, sich bei mir zu beklagen. „Damals waren wir noch Jünglinge und schon damals begann ich, ihn zu hassen ... ganz wie er mich, natürlich ...“
Julija Michailownas Salon füllte sich schnell. Warwara Petrowna befand sich in ganz besonders gespannter Stimmung, wenn sie sich auch krampfhaft anstrengte, gleichmütig zu erscheinen. Ich bemerkte ein paarmal ihren gehässigen Blick auf Karmasinoff und manchen bösen Blick auf Stepan Trophimowitsch – böse schon im voraus, böse aus Eifersucht, aus Liebe: hätte Stepan Trophimowitsch jetzt in Gegenwart aller schlecht abgeschnitten oder hätte er sich von Karmasinoff irgend etwas bieten lassen, – ich glaube, sie wäre aufgesprungen und hätte ihn womöglich geschlagen.
Ich vergaß, zu erwähnen, daß auch Lisa anwesend war, und noch nie hatte ich sie fröhlicher, sorgloser, glücklicher gesehen. Selbstverständlich war auch Mawrikij Nicolajewitsch zugegen. Außerdem bemerkte ich unter den jungen Leuten, die Julija Michailownas ständiges Gefolge waren und von denen Zeremonielosigkeit für Lustigkeit und billiger Zynismus für Intelligenz gehalten wurde, zwei oder drei neue Persönlichkeiten: irgendeinen angereisten, auffallend scharwenzelnden Polen, einen deutschen Doktor – ein schon ältlicher Mann, der keinen Augenblick stillsitzen konnte und laut und mit Genuß in jeder Minute über seine eigenen Witze lachte – und irgendeinen sehr jungen Petersburger Fürsten, eine automatische Figur mit Diplomatenhaltung und in furchtbar hohem Kragen – ein Gast, den Julija Michailowna augenscheinlich ganz besonders schätzte und vor dessen Kritik ihr vielleicht sogar bangte, wenn sie an den Ton in ihrem Salon dachte ...
„Cher monsieur Karmazinoff,“ begann Stepan Trophimowitsch, der sich malerisch auf einen Diwan setzte und plötzlich die Worte ganz wie Karmasinoff manieriert skandierte, „cher monsieur Karmazinoff, das Leben eines Menschen unserer früheren Zeit muß, besonders wenn er gewisse Überzeugungen hat, selbst in einem Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren eintönig erscheinen ...“
Der Deutsche lachte schallend, ja geradezu wiehernd auf, wahrscheinlich in dem Glauben, Stepan Trophimowitsch habe etwas überaus Komisches gesagt. Dieser sah sich mit ostentativer Verwunderung nach ihm um, doch auf den Lacher machte er damit gar keinen Eindruck. Der junge Fürst sah sich gleichfalls mitsamt seinem hohen Kragen um und setzte sogar den Zwicker auf, um den Deutschen besser betrachten zu können, blickte aber dabei, seinem Gesichtsausdruck nach, völlig gleichgültig, ohne jede Neugier auf ihn.
„... eintönig erscheinen,“ wiederholte Stepan Trophimowitsch absichtlich. „So ist es auch mit meinem Leben in diesem ganzen Vierteljahrhundert, et comme on trouve partout plus de moines que de raison,[170] – und da ich dem vollkommen zustimme, so scheint es, daß ich in diesen fünfundzwanzig Jahren ...“
„C’est charmant, les moines,“[171] flüsterte Julija Michailowna der neben ihr sitzenden Warwara Petrowna zu.
Warwara Petrowna antwortete ihr darauf mit einem stolzen Blick.
Karmasinoff aber ertrug den Erfolg der französischen Phrase nicht und fiel mit seiner kreischenden Stimme Stepan Trophimowitsch schnell ins Wort: