I.

Das Fest fand statt, ungeachtet der bedenklichen Ereignisse des vorhergegangenen „Spigulinschen“ Tages. Ja, ich glaube, selbst wenn Lembke in der dazwischenliegenden Nacht gestorben wäre, hätte das Fest an diesem Vormittage doch seinen Anfang genommen – eine so große und besondere Bedeutung legte ihm Julija Michailowna bei. Zum Unglück blieb sie bis zum letzten Augenblick in ihrer Verblendung und begriff die Stimmung der Gesellschaft überhaupt nicht. Zu guter Letzt glaubte niemand mehr, daß der feierliche Tag ohne irgendein ungeheueres Ereignis vorübergehen werde, oder ohne „Entscheidung“, wie einige, sich im voraus die Hände reibend, sagten. Freilich bemühten sich viele, eine sehr finstere und politische Miene zur Schau zu tragen; doch – im allgemeinen gesprochen – den russischen Menschen freut nun einmal über alle Maßen jeglicher öffentliche skandalöse Tumult. Allerdings kam bei uns noch etwas unvergleichlich Ernsteres hinzu, als es bloße Skandalsucht gewesen wäre: es war da eine allgemeine Gereiztheit, etwas unstillbar Böses; anscheinend hatten alle alles bis zum schrecklichsten Überdruß satt. Es hatte sich ein gewisser irreführender Zynismus eingenistet, ein Zynismus, zu dem man sich anstrengte, der einem über die eigene Kraft ging. Nur die Damen waren sich über ihre Gefühle im klaren, wenn auch nur in einem Punkte, und zwar: in ihrem unbarmherzigen Haß gegen Julija Michailowna. In diesem Punkte stimmten alle verschiedenen Richtungen unserer Damenwelt überein. Julija Michailowna aber ahnte nichts davon und war noch bis zur letzten Stunde überzeugt, daß sie „umschwärmt“ und alle Welt ihr „fanatisch ergeben“ sei.

Ich habe schon erwähnt, daß in unserer Stadt mittlerweile verschiedene sonderbare und befremdliche Gestalten aufgetaucht waren. In den trüben Zeiten des Schwankens oder in Zeiten des Übergangs finden sich immer und überall verschiedene Leutchen ein. Ich rede nicht von den sogenannten „Anführern“, die stets allen voran (das ist ihre wichtigste Sorge, daß es allen voran geschieht) zu einem – wenn auch sehr oft allerdümmsten, so doch immerhin mehr oder weniger bestimmten – Ziele eilen. Nein, ich rede nur von dem Gesindel selbst. In jeder Übergangszeit pflegt dieses Gesindel, das in jeder Gesellschaft zu finden ist, sich zu erheben, und zwar nicht nur ohne ein Ziel, sondern sogar ohne auch nur eine Spur von einem Gedanken zu haben; statt dessen drückt es aus allen Kräften bloß Unruhe und Ungeduld aus. Indes pflegt dieses Gesindel, ohne sich dessen bewußt zu werden, fast immer unter das Kommando jenes kleinen Häufchens der „Anführer“ zu geraten, die mit einem bestimmten Ziel handeln, und jenes Häufchen lenkt dann diesen ganzen Kehricht wohin es ihm gefällt, wenn es nur nicht selber aus vollkommenen Idioten besteht, was übrigens auch vorzukommen pflegt. Jetzt, wo alles schon der Vergangenheit angehört, sagt man bei uns, die Internationale habe Pjotr Stepanowitsch gelenkt, dieser aber wiederum Julija Michailowna, von der dann nach seinem Kommando alle möglichen Leute gelenkt worden seien. Und jetzt wundern sich alle unsere soliden, klugen Köpfe über sich selbst: wie hatten sie damals nur so versagen, so ihre Pflicht verabsäumen können? Doch worin nun eigentlich die Unruhe unserer Zeit bestand oder wovon und zu was es einen Übergang bei uns gab – das weiß ich nicht, und ich denke, das vermag niemand zu sagen, oder höchstens ein paar auswärtige Beobachter. Indessen war es nicht zu leugnen, daß plötzlich die erbärmlichsten Leutchen ein gewisses Übergewicht bekamen, sich u. a. erlaubten, alles Heilige laut zu kritisieren, während sie früher nicht einmal gewagt hätten, auch nur den Mund aufzutun; und die angesehensten Leute, die bis dahin in so wohltuender Weise die Oberhand gehabt hatten, begannen plötzlich, diesen Leuten zuzuhören und selber zu schweigen, manche aber fingen schon an, ihnen schmählichst und mit schadenfrohem Grinsen zuzunicken. Irgendwelche Lämschins, Telätnikoffs, kleine Gutsbesitzer Tentetnikoffs, einheimische Schmutznasen, Radischtscheffs, wehleidig und hochmütig lächelnde Jüdchen, Lachbrüder unter angereisten Reisenden, Dichter mit Großstadtrichtung und Dichter, die sich statt durch Richtung oder Talent, durch Wamse und Schmierstiefel auszeichneten, Majore und Obersten, die sich über die Sinnlosigkeit ihres Berufs lustig machten und für einen Rubel mehr sofort bereit waren, ihren Degen abzulegen und sich als bessere Schreiber in die Eisenbahnverwaltung zu drücken; Generale, die es vorzogen, Advokaten zu werden, gerissene Vermittler, vielversprechende Geschäftsleute, unzählige Seminaristen, Frauen, die die Frauenfrage personifizierten, – all das bekam bei uns das Übergewicht. Und über wen? Über den Klub, über alte Würdenträger, über Generale mit Stelzfüßen, über unsere strengsten und unzugänglichsten Damen der Gesellschaft. Wenn schon eine Warwara Petrowna (bis zu der Katastrophe mit ihrem Sohne) sich derartig von diesem ganzen Pack ausnutzen und lenken ließ, so ist den anderen unserer Minerven ihre damalige Dummheit, die sich so betölpeln ließ, zum Teil doch wohl verzeihlich. Heute sieht man in alledem, wie ich schon erwähnte, die Wirkung der Internationale. Diese Ansicht hat sich so festgesetzt, daß man in diesem Sinne sogar angereisten Fremden die Vorgänge erklärt. Und noch kürzlich hat der Ratsherr Kubrikoff, ein Mann von zweiundsechzig Jahren, mit dem Stanislausorden am Halse, unaufgefordert in überzeugtem Tone gesagt, daß er im Laufe von ganzen drei Monaten unzweifelhaft unter dem Einfluß der Internationale gestanden habe. Als man ihn jedoch, bei aller Achtung, die man seinem Alter und seinen Verdiensten schuldig ist, bat, sich näher zu erklären, da konnte er allerdings keinerlei Belege dafür anführen, außer dem einen, daß er es „mit allen Sinnen so empfunden“ habe. Und überzeugt blieb er bei seiner Behauptung, so daß man schließlich nach Begründungen nicht weiter in ihn drang.

Doch ich sage nochmals: eine kleine Gruppe Vorsichtiger, die sich schon gleich zu Anfang abgesondert hatte, hielt sich dennoch abseits, und zwar womöglich hinter verschlossenen Türen. Doch welches Türschloß hält dem Naturgesetz stand? Auch in den vorsichtigsten Familien wachsen genau so wie in allen anderen Töchter heran, die einmal tanzen wollen. Nun, und so kam es denn, daß auch alle diese Abgesonderten sich zu guter Letzt gleichfalls in die Liste zum Gouvernantenfest eintrugen. Der Ball sollte ja so glänzend, so unvergleichlich werden; man erzählte schon Wunderdinge, sprach von zugereisten Fürsten mit Lorgnettes, von den zehn Anordnern, lauter jungen Kavalieren, die eine Bandschleife an der linken Schulter tragen sollten. Manche wußten zu berichten, daß Karmasinoff zur Erhöhung der Einnahme eingewilligt habe, sein „Merci“ in dem Kostüm einer Gouvernante vorzulesen, und daß die „Quadrille der Literatur“ gleichfalls in Kostümen getanzt werden und jedes Kostüm eine bestimmte literarische Richtung darstellen werde; und zu guter Letzt werde in einem besonderen Kostüm der „ehrliche russische Gedanke“ – an sich schon eine vollkommene Neuheit – auftreten und tanzen. Wie sollte man da seinen Namen nicht auf die Liste setzen? Und so zeichneten sich denn alle ein.

II.

Das Fest war nach dem Programm in zwei Teile geteilt: zunächst, am Vormittage, von zwölf bis vier, sollte die literarische Matinee stattfinden, der Ball aber sollte erst abends um zehn Uhr beginnen und dann die ganze Nacht dauern. Doch gerade in dieser Teilung lagen die Keime zur Unzufriedenheit und Unordnung. Vor allem konnte sich auf dieser Grundlage das Gerücht verbreiten, daß es nach der literarischen Matinee in der angeblich nur zu diesem Zweck vorgesehenen Pause ein Frühstück geben werde, selbstredend unentgeltlich, und zwar ein Frühstück mit Champagner. Der hohe Preis der Eintrittskarten (die Karte kostete drei Rubel) verlieh diesem Gerücht etwas durchaus Glaubwürdiges, was zu seiner Verbreitung nicht wenig beitrug. „Würde ich denn sonst für nichts und wieder nichts mich eingeschrieben haben? Das Fest währt ja vierundzwanzig Stunden, na also – ernährt einen dann auch. Sonst würde man ja verhungern.“ So philosophierte man ganz allgemein bei uns. Ich muß aber gestehen, daß Julija Michailowna selbst durch ihren Leichtsinn diesem verderblichen Gerücht Vorschub geleistet hatte. Schon vor einem Monat, in der ersten Begeisterung für ihren großen Plan, hatte sie jedem ersten besten von ihrem Fest erzählt; und daß auf diesem Fest Reden und Toaste gehalten werden würden, hatte sie sogar in eine der hauptstädtischen Zeitungen lanciert. Gerade diese Toaste hatten es ihr damals angetan: wollte sie doch selber eine Rede halten, die sie im stillen denn auch schon auszuarbeiten begann. Diese Tischrede sollte unser Hauptziel erklären und was sie auf ihre Fahne geschrieben hatte (ich wette, daß die Arme es nicht einmal zu einem Entwurf einer solchen Tischrede gebracht hat), sollte dann als „Korrespondenz“ in die Zeitungen der Hauptstadt gelangen, die höchsten Vorgesetzten zugleich rühren und begeistern, um dann in alle Gouvernements zu flattern und überall Bewunderung wie Nachahmung zu finden. Doch zu Tischreden gehört nun einmal Champagner, und da man Champagner doch nicht gut auf nüchternen Magen trinken kann, so war selbstredend eine Tafel und ein Frühstück Voraussetzung. Später aber, als sich dank ihrer Bemühungen schon ein Komitee gebildet hatte und man sich ernstlich an die Sache machte, ward ihr sogleich klar und überzeugend bewiesen, daß, wenn man an ein Festessen dachte, für die Gouvernanten nur eine sehr geringe Summe verbliebe, selbst bei einer noch so hohen Einnahme. Die Frage war somit: entweder ein Gastmahl im Stile Belsazars, mit Reden und einigen neunzig Rubeln für die armen Gouvernanten, oder die Beschaffung einer ansehnlichen Summe durch ein Fest, das man sozusagen nur um der Form willen veranstaltete. Übrigens wollte das Komitee damit allen hochfliegenden Plänen zunächst nur einen Dämpfer aufsetzen, denn man war ja selbst keineswegs nur für das eine oder das andere, sondern man hatte sich eine dritte Möglichkeit ausgedacht, die sowohl versöhnend wie vernünftig war, nämlich ein in jeder Beziehung gutes Festessen, jedoch ohne Champagner, und folglich als Ergebnis einen recht annehmbaren Betrag für die Gouvernanten. Aber darauf ging Julija Michailowna nicht ein; ihr Charakter verachtete die kleinbürgerliche Mitte. Und so beschloß sie sofort, daß, wenn das erste Projekt sich nicht verwirklichen ließ, man sich für das andere Extrem entscheiden müsse, also für eine ungeheuere Einnahme, deren Höhe den Neid aller anderen Gouvernements erwecken mußte.

„Das Publikum muß doch endlich einsehen,“ schloß Julija Michailowna ihre temperamentvolle Erklärung auf der Sitzung des Komitees, „daß der humanitäre Zweck unvergleichlich erhabener ist, als kurze körperliche Genüsse, daß das Fest im Grunde nur die Verkündung einer großen Idee ist, und deshalb muß es sich mit einem so ökonomisch wie nur möglich veranstalteten kleinen deutschen Ball begnügen, der einzig pro forma gegeben wird – wenn man ohne diesen unausstehlichen Ball nun einmal nicht auskommen kann!“ – so sehr war er ihr plötzlich verhaßt.

Schließlich war es aber dem Komitee doch gelungen, sie zu besänftigen. So hatte man denn u. a. die „Quadrille der Literatur“ und ähnliche ästhetische Scherze als Ersatz für körperliche Genüsse in Vorschlag gebracht. Und auf eben dieser Sitzung hatte dann auch Karmasinoff endgültig eingewilligt, sein „Merci“ vorzutragen (bis dahin hatte er alle mittels ausweichender Antworten in quälender Ungewißheit belassen) um somit in unserem unenthaltsamen Publikum sogar jeden Gedanken an Essen und Trinken schon im voraus zu ersticken. Auf diese Weise hatte dann der Ball wiederum eine großartige Anziehungskraft erhalten, wenn auch eine von ganz anderer Art. Um jedoch nicht völlig dem Irdischen zu entschweben, beschloß man, zu Anfang des Balles Tee mit Zitrone und kleinem rundem Gebäck zu reichen, darauf einen Kühltrank und Limonade, und zum Schluß sogar noch Eis – doch das sollte denn auch alles sein. Für diejenigen aber, die immer und überall Hunger und besonders Durst zu verspüren pflegen, wollte man dann noch am Ende der Zimmerflucht ein Büfett errichten, das Prochorytsch (der erste Koch des Klubs) übernehmen sollte. Natürlich mußte für die verabfolgten Speisen und Getränke gezahlt werden, was gleich am Eingang auf einem besonderen Plakat dem Publikum mitzuteilen war. Doch während der Matinee sollte das Büfett unbedingt geschlossen bleiben, damit auch nicht das geringste Geräusch den Vortrag störte, obgleich man für das Büfett einen Raum vorsah, der fünf Zimmer von dem weißen Saal entfernt war, in dem Karmasinoff sein „Merci“ vorzutragen eingewilligt hatte. Merkwürdigerweise wurde diesem Ereignis, dem Vortrag dieses „Merci“, wie mir scheint, von dem Komitee eine übertriebene Bedeutung beigelegt, und das taten sogar die nüchternsten Leute. Von den poetischen Naturen aber hatte z. B. die Gattin des Adelsmarschalls Karmasinoff schon mitgeteilt, daß sie sogleich nach dem Vortrag an der Wand ihres weißen Saales eine Marmorplatte anbringen lassen werde, auf der mit goldenen Lettern das Ereignis verewigt werden sollte, daß in dem und dem Jahre, an dem und dem Tage, hier in diesem Saal der große russische und europäische Schriftsteller, seine Feder niederlegend, persönlich sein „Merci“ gesprochen und somit zum erstenmal von dem russischen Publikum, in Gestalt der Vertreter unserer Stadt, Abschied genommen hat, und daß schon abends auf dem Ball, also kaum einige fünf Stunden nach dem Vortrage, alle diese Gedächtnistafel würden lesen können. Wie ich genau weiß, war es vor allen anderen gerade Karmasinoff gewesen, der verlangt hatte, daß das Büfett während der Matinee, wenn er las, unter keiner Bedingung geöffnet werde, trotz der Einwände etlicher Komiteemitglieder, daß ein solches Ansinnen sich mit unseren Landesbräuchen nicht ganz in Übereinstimmung befinde.

So lagen die Dinge in Wirklichkeit, während man in der Stadt immer noch an ein Festmahl im Stile Belsazars glaubte, d. h. an unentgeltliches Essen und Trinken auf Kosten des Komitees. Daran glaubte man bis zur letzten Stunde. Unsere jungen Damen träumten nur noch von Konfekt und Eis. Man wußte, daß die Sammlung ungeheuer reich ausgefallen war, daß die ganze Stadt sich eifrigst zum Fest vorbereitete, daß sogar aus der Umgegend viele kommen würden, und daß die Eintrittskarten bei diesem Andrang nicht ausreichten. Bekannt war gleichfalls, daß außer der Einnahme durch den Verkauf der Eintrittskarten noch bedeutende Schenkungen gemacht worden waren: Warwara Petrowna beispielsweise hatte für ihre Eintrittskarte dreihundert Rubel gezahlt und zur Ausschmückung des Saales alle Blumen und Blattpflanzen ihrer Orangerie hergegeben. Die Gattin des Adelsmarschalls (ein Mitglied des Komitees) stellte das Haus und die Beleuchtung, der Klub die Musikkapelle, die Bedienung und den Koch. Hinzu kamen noch andere Schenkungen, wenn auch nicht so bedeutende, weshalb denn auch das Komitee schon den Gedanken erwog, den Preis für die Eintrittskarte von drei Rubel auf zwei Rubel herabzusetzen. Man hatte nämlich zu Anfang tatsächlich befürchtet, es vermöchten doch nicht alle jungen Damen drei Rubel dafür auszugeben, und in Erwägung gezogen, ob man nicht Familienkarten ausgeben sollte, wobei man besonders an die Familien dachte, in denen es viele Töchter gab. Aber diese Befürchtung erwies sich als überflüssig; im Gegenteil, gerade die Töchter erschienen vollzählig. Selbst die ärmsten Beamten führten ihre sämtlichen Töchter heran, und es war ja klar, daß sie, falls sie keine Töchter gehabt hätten, auch im Traum nicht daran gedacht haben würden, ihren Namen auf die Liste zu setzen. Ja, ein armseliger kleiner Sekretär erschien mit ganzen sieben Töchtern, dazu noch die Frau und eine Nichte, und jede von ihnen hielt eine Eintrittskarte zu drei Rubel in der Hand. Man kann sich also vorstellen, was für eine Revolution das in der Stadt abgab! Man bedenke bloß das eine, daß die Teilung des Festes zweierlei verschiedene Toiletten für jede Dame verlangte: ein Kleid für die literarische Matinee und ein Ballkleid für den Abend. Man bedenke, was das für manche Verhältnisse bedeutete! Wie sich später herausstellte, hatten denn auch viele aus den mittleren Klassen zu diesem Tage so ziemlich alles versetzt, was sie besaßen, sogar ihre Bettwäsche, ja, manche hatten womöglich ihre Matratzen zu den Juden getragen, von denen sich seit nun schon zwei Jahren erschreckend viele in unserer Stadt festgesetzt haben und immer mehr sich festsetzen. Fast alle Beamten hatten ihr Monatsgehalt vorausgenommen und von den Gutsbesitzern hatten manche sogar ihr notwendigstes Vieh verkauft, und all das nur, um ihre Damen als Marquisen und Komtessen auf den Ball zu führen und damit keine der anderen nachstehe. Die Toiletten waren diesmal von einer bei uns noch nie gesehenen Kostbarkeit. Schon zwei Wochen vor dem Fest war die ganze Stadt geradezu vollgestopft mit Familienanekdoten, die von unseren jungen Spottvögeln mit Vergnügen am „Hofe“ Julija Michailownas zum besten gegeben wurden. Bald folgten ganze Familienkarikaturen. Ich habe selbst etliche dieser Spottzeichnungen in Julija Michailownas Album gesehen. All das kam aber selbstredend auch denen zu Ohren, die den Stoff zu diesen Anekdoten und Karikaturen abgaben, – und das war wohl der Grund, wie mir scheint, weshalb in den Familien gerade in der letzten Zeit ein solcher Haß gegen Julija Michailowna sich aufspeicherte. Ich rede nicht von heute: denn jetzt schimpfen natürlich alle über sie und knirschen, wenn sie an diese Zeit denken. Nein, schon damals war es vorauszusehen, daß, wenn der Ball nicht geradezu glänzend ausfiel und das Komitee auch nur den geringsten Anlaß zur Unzufriedenheit gab, der Ausbruch des allgemeinen Unwillens ein ungeheuerer werden würde. Und eben deshalb erwartete denn im geheimen wohl ein jeder einen Skandal; wenn aber ein Skandal schon so erwartet wurde, wie hätte er dann noch ausbleiben können?

Um punkt zwölf Uhr begann das Orchester mit klingendem Spiel. Da ich zu den Festordnern gehörte, d. h. einer von den zehn „jungen Kavalieren mit der Bandschleife an der Schulter“ war, so blieb ich Augenzeuge aller Ereignisse dieses blamablen Tages. Das Fest begann mit einer furchtbaren Drängerei am Eingange. Wie es kam, daß alles schon vom ersten Schritt an fehlschlug oder versagte, wie z. B. die Polizei? Dem Publikum kann ich keinen Vorwurf machen: die Familienväter waren es nicht, die die Drängerei hervorriefen, im Gegenteil, man sagt sogar, sie seien schon auf der Straße ein wenig scheu geworden, als sie den für unsere Stadt ungewöhnlichen Andrang erblickten und dazu diese ungeduldige Menge, die das Haus förmlich belagerte und sich gerader hineinwälzte, statt ruhig einzutreten. Dabei fuhren unausgesetzt Equipagen vor, die schließlich die ganze Straße versperrten. Im übrigen bin ich heute überzeugt, daß manche Leute, die eigentlich zum abscheulichsten Pöbel unserer Stadt gehörten, von Lämschin und Liputin einfach ohne Eintrittskarten eingeführt wurden, und vielleicht noch von einigen anderen, die gleichfalls „Anordner“ waren. Wenigstens erschienen auch vollkommen unbekannte Personen, die aus Kreisstädten oder Gott weiß woher angereist waren. Diese Wilden begannen nun, kaum daß sie den Saal betreten hatten, sogleich und merkwürdig übereinstimmend (ganz als wären sie instruiert worden) nach dem Büfett zu fragen, und als sie erfuhren, daß es jetzt noch kein Büfett gab, da fingen sie sofort und ohne jede Politik mit einer bei uns bisher unerhörten Frechheit zu schimpfen an. Allerdings waren einige von ihnen bereits betrunken erschienen. Viele waren zunächst verblüfft durch die nie geschaute Pracht des Saales, verstummten im ersten Augenblicke und sahen sich nur mit offenem Munde die Herrlichkeit an. Freilich war dieser große Weiße Saal tatsächlich sehr prunkvoll: zwei Stockwerke hoch, mit alter Deckenmalerei, die von goldenen Verzierungen umrahmt war, mit Chören und Spiegelwänden, mit roten Vorhängen zwischen weißen Wandflächen, mit Marmorstatuen (gleichviel was für welchen, aber immerhin Statuen), mit alten, schweren Möbeln aus der Napoleonischen Zeit, weiß mit Gold und mit rotem Samt ausgeschlagen. An dem einen Ende des Saales erhob sich eine Tribüne für die Vortragenden und der ganze Saal war, wie das Parkett eines Theaters, mit Stühlen in dichten Reihen völlig angefüllt, ausgenommen nur die drei breiten Durchgänge für das Publikum. Doch schon nach den ersten Augenblicken der Bewunderung und des Schweigens begannen die sinnlosesten Fragen und Bemerkungen. „Wir wollen vielleicht überhaupt keine Vorträge ... Wir haben unser Geld gezahlt ... Man hat das Publikum unverschämt betrogen ... Wir, nicht Lembkes, sind hier die Herren! ...“ Kurz, es war, als habe man sie nur zu diesem Zweck hereingelassen. Unter anderem erinnere ich mich besonders eines Zwischenfalles, bei dem der junge angereiste Fürst mit dem hohen steifen Kragen und dem Aussehen einer Holzpuppe sich auszeichnete. Auf Julija Michailownas dringende Bitte hin hatte auch er schließlich eingewilligt, das Festordnerband an seine linke Schulter zu stecken und somit zu unserem Kollegen zu werden. Tags zuvor, an eben jenem denkwürdigen Vormittage, hatte ich ihn in Julija Michailownas Salon zum erstenmal gesehen. Nun zeigte es sich, daß diese stumme Wachsfigur, wenn auch nicht zu sprechen, so doch auf ihre Art zu handeln verstand. Als nämlich ein riesiger, pockennarbiger verabschiedeter Hauptmann, unterstützt von einem ganzen Haufen ihm nachdrängender fragwürdiger Gestalten, dem jungen Fürsten auf den Leib rückte und unablässig nach dem Büfett fragte, da winkte dieser kurz entschlossen einen Polizisten heran, und der angetrunkene Ruhestörer wurde ungeachtet seiner Proteste und seines Schimpfens einfach aus dem Saal entfernt. Inzwischen begann auch schon das „eigentliche“ Publikum zu erscheinen und zog sich in drei langen Fäden durch die drei Durchgänge zwischen den Stuhlreihen zu den Plätzen hin. Das schlechtere Element im Hintergrunde wurde kleinlauter und beruhigte sich nach und nach, aber das „gute“ Publikum sah doch beunruhigt und befremdet aus; manche Damen aber schauten entschieden mit Bangen drein.