Schließlich hatten sich alle gesetzt; nun verstummte auch die Musik. Man schnaubte sich, man sah sich um ... Kurz, man wartete mit schon gar zu feierlicher Miene – was bereits an und für sich ein schlechtes Zeichen ist. Doch „die Lembkes“ erschienen noch immer nicht. Seiden, Samt und Brillanten glänzten und funkelten von allen Seiten; Parfüm verbreitete sich in der Luft. Die Herren trugen alle ihre Orden auf der Brust, die Militärs und die Beamten waren selbstredend in Galauniform. Endlich erschien auch die Gattin des Adelsmarschalls mit Lisa. Noch nie war Lisa so blendend schön gewesen wie an diesem Vormittage. Sie trug ein entzückendes Kleid. Ihre Haare lagen in Locken, ihre Augen glänzten, in ihrem ganzen Gesicht lag ein Lächeln. Wie man sah, machte sie auf alle einen großen Eindruck. Man steckte die Köpfe zusammen und tuschelte. Jemand meinte, ihre Augen hätten, als sie in den Saal trat, Stawrogin gesucht. Doch weder Stawrogin noch seine Mutter waren erschienen. Damals begriff ich den Ausdruck ihres Gesichts nicht: warum war so viel Glück, Freude, Energie und Kraft in diesem Gesicht? Ich dachte an den Vorfall des vorhergegangenen Tages und stand verständnislos vor einem Rätsel.

Doch Lembkes erschienen noch immer nicht. Das war der schwerste Fehler, der gemacht wurde. Später erfuhr ich, daß Julija Michailowna bis zum letzten Augenblick auf Pjotr Stepanowitsch gewartet hatte. Ohne Pjotr Stepanowitsch konnte sie nun einmal nichts mehr unternehmen, wenn sie sich das auch nie eingestand. Nebenbei bemerkt, hatte Pjotr Stepanowitsch auf der letzten Komiteesitzung es abgelehnt, ein Festordnerband zu tragen, und damit Julija Michailowna bis zu Tränen gekränkt. Nun kam er obendrein nicht. Was mochte das bedeuten? Und tatsächlich blieb Pjotr Stepanowitsch den ganzen Tag über verschwunden: zu der literarischen Matinee erschien er einfach überhaupt nicht. Und zu Julija Michailownas Verzweiflung konnte ihr auch kein Mensch sagen, wo er steckte, und bis zum Abend hatte ihn niemand gesehen.

Inzwischen wurde das Publikum immer ungeduldiger. Auch auf der Tribüne erschien noch niemand. In den letzten Reihen des Saales applaudierte man grundlos, ganz wie im Theater, wenn man zu lange auf die Vorstellung warten muß. Die Väter und Mütter wurden unmutig: „Lembkes tun ja wirklich furchtbar wichtig,“ hieß es. Einige wußten zu erzählen, daß Lembke krank sei. Andere äußerten laut die Vermutung, daß das Fest wohl aufgeschoben werden würde.

Aber endlich erschienen sie doch. Andrei Antonowitsch führte Julija Michailowna am Arm. Sofort versanken alle Märchen und die Wirklichkeit trat in ihr Recht. Zudem schien Lembke selbst bei voller Gesundheit zu sein. Überhaupt waren es in der höheren Gesellschaft nur wenige gewesen, die vermutet hatten, daß es mit Lembke irgendwie nicht ganz stimmte. Seine Amtsführung hielten alle für gut. Sogar die Rutengeschichte bezog man in dieses Urteil ein. „Das wäre von Anfang an das Richtige gewesen,“ sagten die Honoratioren, „sonst beginnen sie immer mit der Philantropie, bis sie schließlich doch bei der Strenge enden, ohne zu wissen, daß gerade diese zur Philantropie als erstes nötig ist.“ So urteilte man im Klub und verurteilte eigentlich nur Lembkes Aufregung. „So etwas muß man mit Kaltblütigkeit machen,“ hieß es, „aber er ist es eben noch nicht gewöhnt.“

Mit besonderer Neugier richteten sich die Blicke auf Julija Michailowna. Man wird von mir gewiß nicht verlangen, daß ich bis in alle Einzelheiten weiß, was am Tage vorher zwischen ihr und Lembke noch geschehen war: das ist und bleibt ein Geheimnis, ein Frauengeheimnis. Ich weiß nur eines: daß sie am Abend in das Arbeitszimmer Andrei Antonowitschs gegangen und bis weit nach Mitternacht bei ihm geblieben war. Jedenfalls hatte Andrei Antonowitsch sich beruhigt und es war ihm ausdrücklich vergeben worden. Das Ehepaar hatte sich ausgesprochen, alles sollte vergessen sein ... und als am Ende seiner weitläufigen Erklärungen von Lembke dennoch auf die Knie fiel, gequält von der entsetzlichen Erinnerung, daß er zu guter Letzt die Hand gegen sie erhoben hatte, da hatten die schönen Händchen und schließlich auch die Lippen seiner Gattin die glühenden Ergießungen der Reue dieses ritterlich zartfühlenden, doch nun von Rührung überwältigten Mannes wunderbar zu beschwichtigen gewußt.

Jetzt sahen alle in ihrem Gesicht eitel Glück. Mit offener Miene, in einer prachtvollen Toilette schritt sie am Arm ihres Gemahls durch den mittleren Gang. Offenbar war sie auf der Höhe ihrer Wünsche: das Fest, das Ziel und die Krönung ihrer ganzen Politik, war verwirklicht. Bei ihren Plätzen – in der ersten Reihe vor der Tribüne – angelangt, blieben beide Lembkes stehen, grüßten und erwiderten die Grüße nach allen Seiten. Sie wurden sofort umringt. Die Adelsmarschallin schritt auf sie zu ... Doch da passierte ein garstiges Mißverständnis: das Orchester, das bisher geschwiegen hatte, schmetterte plötzlich mir nichts, dir nichts einen Tusch in den Saal, – nicht etwa irgendeinen Marsch oder sonst ein Stück, sondern einfach einen Tusch, wie im Klub, wenn dort bei einem offiziellen Diner ein Hoch ausgebracht wurde. Heute weiß ich, daß Lämschin dahintersteckte, der gleichfalls zu den Festordnern gehörte und als solcher diesen Tusch angeblich zu Ehren der erschienenen Lembkes anbefohlen hatte. Natürlich konnte er sich immer noch damit entschuldigen, daß er es aus Dummheit oder aus Übereifer getan habe ... Doch ach, damals wußte ich noch nicht, daß jene an Entschuldigungen schon gar nicht mehr dachten und mit diesem Tage alles zu beenden glaubten. Zur Erhöhung der Peinlichkeit der Situation, die im Publikum teils Befremden, teils ein gewisses Lächeln hervorrief, wurde plötzlich im Hintergrunde des Saales, oben auf dem Chor, Hurra! geschrien, gleichfalls wie Lembkes zu Ehren. Der Stimmen waren zwar nur wenige, aber ich muß gestehen, sie hörten doch nicht so bald auf. Julija Michailowna schoß das Blut in die Wangen, ihre Augen flammten. Lembke blieb vor seinem Platz kerzengerade stehen und übersah, sich zu den Ruhestörern umwendend, mit majestätischem und strengem Blick den Saal ... Man redete ihm aber schnell zu, sich doch nur zu setzen. Mit Schrecken bemerkte ich auf seinem Gesicht dasselbe gefährliche Lächeln, mit dem er tags zuvor im Salon seiner Gemahlin Stepan Trophimowitsch angesehen hatte, bevor er auf ihn zutrat. Wie mir schien, nahm sein Gesicht auch jetzt einen gewissermaßen unheilvollen Ausdruck an und, was das schlimmste dabei war, einen gleichzeitig lächerlichen: den Ausdruck eines Gatten, der sich schließlich – also sei es denn! – zum Opfer bringt, nur um den höheren Zielen und Zwecken seiner Gattin zu dienen ... Julija Michailowna winkte mich schnell zu sich heran und flüsterte mir zu, ich solle sofort zu Karmasinoff eilen und ihn beschwören, unverzüglich zu beginnen, doch kaum hatte ich mich umgewandt, um hinauszueilen, da geschah schon eine zweite Schändlichkeit, eine noch viel größere als die erste. Auf der Tribüne, auf der leeren Tribüne, wohin alle Blicke und alle Erwartungen sich wandten und auf der man zunächst nur einen Stuhl und einen Tisch und auf letzterem ein Glas Wasser auf silbernem Tablett sah – auf dieser selben leeren Tribüne erschien plötzlich die kolossale Gestalt des „Hauptmanns“ Lebädkin in Frack und weißer Binde. Ich war so bestürzt, daß ich meinen Augen nicht traute. Augenscheinlich wurde der Hauptmann selbst etwas verlegen und blieb hinten auf der Tribüne stehen. Da ertönte plötzlich aus dem Publikum ein erstaunter Ausruf: „Lebädkin! du?“ – und die dumme, rote Fratze des Hauptmanns (er war vollkommen betrunken) verzog sich zu einem breiten, stumpfsinnigen Grinsen. Er hob die Hand, rieb sich die Stirn, schüttelte plötzlich seinen struppigen Kopf und trat, wie auf einmal zu allem entschlossen, zwei Schritte vor und – platzte plötzlich in Lachen aus, nicht in ein lautes, aber gallertiges, langes, glückliches Lachen, von dem die ganze schwere Masse seines Körpers ins Schaukeln geriet und die Äuglein im Fett nahezu verschwanden. Bei diesem Anblick begann fast die Hälfte des Publikums zu lachen, in den hinteren Reihen klatschte man Beifall. In dem ernsten Publikum dagegen sah man sich befremdet an und wechselte finstere Blicke; aber das währte alles kaum länger als eine halbe Minute. Da eilten schon Liputin (mit der Festordnerschleife) und zwei Diener herbei; sie faßten behutsam den Hauptmann unter den Armen und Liputin flüsterte ihm etwas zu. Lebädkin sah ihn unwirsch an, brummte aber schließlich: „Nun denn, wenn’s so besser ist!“ und schlug einmal mit der Hand durch die Luft, worauf er dem Publikum seine riesige Rückseite zuwandte und mitsamt seinen Begleitern verschwand. Doch einen Augenblick später erschien Liputin wieder auf der Tribüne. Auf seinen Lippen lag das süßeste Lächeln, wenn es auch immer noch, wie stets bei ihm, an eine Mischung von Essig und Zucker gemahnte, und in der Hand hielt er ein Blatt Papier. Mit kleinen, schnellen Schritten trat er an den vorderen Rand der Tribüne.

„Meine Damen und Herren!“ begann er, sich an das Publikum wendend. „Durch Unachtsamkeit ist ein komisches Mißverständnis entstanden, das jetzt aber schon beseitigt ist. Hoffnungsvoll habe nunmehr ich den Auftrag übernommen und zugleich die ehrerbietigste Bitte eines unserer hiesigen Dichter ... Durchdrungen, wie er ist, von dem humanen und hohen Ziele ... ungeachtet seines äußeren Zustandes ... von demselben Ziele, das uns alle hier vereinigt hat ... die Tränen der armen gebildeten Mädchen unseres Gouvernements hinfüro abzuwischen, ... will dieser Herr, das heißt, ich meine, dieser unser einheimischer Dichter ... obzwar er sein Inkognito gewahrt zu sehen wünscht ... würde er, wie gesagt, dennoch sehr wünschen, daß seine Dichtung vor Beginn des Balles vorgetragen werde ... das heißt, ich wollte vielmehr sagen: vor Beginn der literarischen Vorträge. Obzwar nun besagtes Gedicht im Programm nicht vorgesehen ist ... sintemal es uns erst vor einer halben Stunde zugestellt wurde ... aber es will uns (wen meinte er damit? Ich gebe diese zerhackte und unklare Rede wortwörtlich wieder) dennoch scheinen, daß es, im Hinblick auf die Naivität des Gefühls, die mit Humor verbunden ist, daß ... wie gesagt, daß das Gedicht dennoch vorgetragen zu werden verdiente, das heißt, nicht als etwas Ernstzunehmendes, sondern bloß als etwas zum Feste Passendes ... ich meine, zu der Idee ... Um so mehr, als es ja nur ein paar Zeilen sind ... wozu ich nunmehr um die Erlaubnis des hochverehrten Publikums gebeten haben wollte.“

„Lesen Sie!“ dröhnte eine Stimme aus den letzten Reihen.

„So soll ich es vorlesen?“

„Jawohl! Lesen! Vorlesen! Lesen!“ riefen jetzt schon viele Stimmen.