„Ja, gewiß, jawohl.“
„Das lügen Sie einfach! Und man hat Ihnen diese Verse durchaus nicht erst vorhin gebracht. Sie, Sie selbst haben diese Reime zusammen mit Lebädkin geschmiedet, vielleicht noch gestern abend, damit es nur ja zum Skandal kommt! Die letzte Strophe war schon sicher von Ihnen. Und warum erschien denn Lebädkin im Frack? Schon daraus geht hervor, daß alles von Ihnen vorbereitet war: das Gedicht sollte er wohl selber vortragen, nach Ihrer Absicht! Wenn er sich nur nicht wieder betrunken hätte!“
„Was geht das Sie an?“ fragte mich da Liputin plötzlich mit sonderbarer Ruhe.
„Wie soll mich das nichts angehen? Sie tragen doch gleichfalls das Festordnerband ... Wo ist Pjotr Stepanowitsch?“
„Ich weiß nicht, hier irgendwo. Was soll das alles?“
„Was das soll? Daß ich Sie jetzt durchschaue! Es ist einfach eine Intrige gegen Julija Michailowna – damit Sie’s wissen!“
Liputin sah mich von der Seite an.
„Ja, und was geht das Sie an?“ fragte er nochmals, lächelte, zuckte mit den Achseln und ging davon.
Mich überlief es kalt. So gingen denn alle meine Vorahnungen schon in Erfüllung. Und ich hatte immer noch gehofft, mich getäuscht zu haben! Was sollte ich tun? Ich hätte mich gern mit Stepan Trophimowitsch beraten, aber der stand vor dem Spiegel und probierte auf verschiedene Arten zu lächeln; zwischendurch blickte er immer wieder auf ein Blatt Papier, auf dem er sich seine Notizen gemacht hatte. Er sollte gleich nach Karmasinoff an die Reihe kommen und war jetzt nicht imstande, mit mir auch nur ein Wort zu sprechen. Sollte ich zu Julija Michailowna eilen? Doch dazu war es noch zu früh: sie mußte eine noch viel nachhaltigere Lehre bekommen, um von der Überzeugung, alle Welt sei ihr „fanatisch ergeben“, geheilt zu werden. Sie hätte mir doch nicht geglaubt und mich nur für einen „Gespensterseher“ gehalten. Ja, und was konnte sie jetzt noch tun? „Ach,“ dachte ich, „was geht denn das schließlich mich an, ich nehme meine Schleife von der Schulter und gehe nach Hause, sobald es anfängt.“ (Ich gebrauchte wirklich diesen Ausdruck: „sobald es anfängt“, ich erinnere mich noch genau.)
Aber jetzt mußte ich doch vor allen Dingen Karmasinoff hören! Als ich noch ein letztes Mal hinter die Kulissen sah, bemerkte ich, daß da eine Menge mir ganz unbekannter Leute sich angesammelt hatte, darunter sogar Frauen. Dieses „hinter den Kulissen“ war ein recht enger Raum, eigentlich ein Korridor, der den Saal mit den anderen Räumen verband und zum Publikum hin mit einem Vorhang abgeschlossen war. In diesem Korridor warteten die Vortragenden, bis sie an die Reihe kamen. Besonders setzte mich einer in Erstaunen: der Nächstfolgende nach Stepan Trophimowitsch. Das war auch so etwas wie ein Professor, der sich freiwillig aus irgendeiner Lehranstalt wegen irgendwelcher Studentengeschichten entfernt hatte und aus irgendeinem Grunde erst ein paar Tage vorher in unserer Stadt aufgetaucht war. Auch ihn hatte man Julija Michailowna empfohlen und sie hatte ihn fast mit Ehrfurcht empfangen. Er war bei ihr den Abend vorher eingeladen gewesen, hatte während des ganzen Essens geschwiegen und nur hin und wieder mokant zum Tone und zu den Scherzen der anderen Gäste, Julija Michailownas Suite, gelächelt, und auf alle durch sein beleidigendes Aussehen und Benehmen einen unangenehmen Eindruck gemacht. Julija Michailowna hatte ihn selbst darum gebeten, auf dem Fest zum Besten der Gouvernanten irgend etwas vorzutragen. In diesem Augenblick ging er aus einer Ecke in die andere, ganz wie Stepan Trophimowitsch, flüsterte auch vor sich hin, sah aber dabei zu Boden und nicht in den Spiegel. Zwar studierte und probierte er nicht zu lächeln, aber er lachte von Zeit zu Zeit grimmig in sich hinein. Es war klar, daß man auch mit ihm nicht sprechen durfte. Er war klein von Wuchs, etwa vierzig Jahre alt, kahlköpfig, mit einem ergrauenden Bärtchen. Gekleidet war er anständig. Am merkwürdigsten an ihm war, daß er bei jeder Wendung, die er machte, seine rechte Faust erhob, sie über seinem Haupte schüttelte und dann plötzlich niederfallen ließ, als wollte er einen Gegner kurz und klein schlagen. Und diese Bewegung machte er fast jede Minute einmal. Mir wurde angst und bange. Ich machte mich davon, um, wie gesagt, Karmasinoff zu hören.