Sie wurde feuerrot vor Zorn.

„Wenn Sie mich doch wenigstens jetzt nicht mehr betrügen wollten, Sie unverschämter Mensch!“ entfuhr es ihr fast mit lauter Stimme, so daß es die Umstehenden hörten.

Pjotr Stepanowitsch schlüpfte, äußerst zufrieden mit sich selbst, wieder flink davon.

Es wäre schwer, sich eine armseligere, billigere, noch talentlosere und fadere Allegorie vorzustellen, als es diese „Quadrille der Literatur“ war. Und gewiß hätte man nichts ersinnen können, das weniger zu unserem Publikum paßte, als diese Allegorie; dabei hieß es, daß Karmasinoff sie erdacht habe. Freilich, in Szene gesetzt war sie von Liputin, der sich mit dem lahmen Lehrer beraten hatte (mit demselben, der an jenem Abend auch bei Wirginski war). Aber die Idee stammte doch von Karmasinoff und man sagte, er habe sogar selbst mitwirken, sich maskieren und eine besondere, selbständige Rolle übernehmen wollen. Die Quadrille bestand aus sechs kläglichen Maskenpaaren, ja eigentlich waren es nicht einmal richtige Masken, denn die Maskerade bestand nur darin, daß sie sich etwa einen künstlichen Bart oder sonst einen billigen Blödsinn angeklebt hatten. Da war z. B. ein älterer Herr, nicht groß von Wuchs, im Frack – also genau so angezogen, wie alle Herren auf einem Ball erscheinen –, mit einem ehrwürdigen grauen Bart (der Bart war allerdings nur angeklebt und das war seine ganze Verkleidung). Dieser Herr strampelte, trippelte und tänzelte mit biederem Gesichtsausdruck fast nur auf einer Stelle umher, ohne sich recht vom Fleck zu bewegen. Dazu brachte er mit gemäßigtem, doch schon heißer gewordenem Baßstimmchen allerhand Laute hervor. Diese Heiserkeit der Stimme aber sollte eine unserer bekannten Tageszeitungen gerade besonders charakterisieren[51]. Dieser Maske vis-à-vis tanzten zwei Riesen X und Z, und zwar waren ihnen diese Buchstaben am Frack angesteckt, doch was dieses X und dieses Z bedeuten sollten, das blieb unaufgeklärt. „Der ehrliche russische Gedanke“ wurde dargestellt von einem Herrn in mittleren Jahren mit einer Brille, im Frack, in Handschuhen und – in Fesseln (es waren richtige eiserne Fesseln, wie sie Gefangenen angelegt werden). Unter dem Arm trug dieser „Gedanke“ eine Mappe mit Akten über eine zu unternehmende Sache oder eine bevorstehende „Tat“. Aus seiner Fracktasche schaute ein entsiegelter, aus dem Auslande gekommener Brief hervor, der die Ehrlichkeit des „ehrlichen russischen Gedankens“ allen denen, die seine Ehrlichkeit bezweifelten, verbürgen sollte. Dies alles wurde von den Festordnern bereits mündlich erklärt, denn lesen konnte man den aus der Tasche hervorlugenden Brief natürlich nicht. In der erhobenen rechten Hand hielt der „ehrliche russische Gedanke“ einen Pokal, ganz als wollte er einen Toast ausbringen. Zu beiden Seiten dieses Gedankens und in einer Reihe mit ihm tanzten zwei kurzgeschorene Nihilistinnen; ihm gegenüber aber tanzte ein gleichfalls schon älterer Herr, im Frack, doch mit einem schweren Knüppel in der Hand: diese Gestalt sollte eine gefürchtete, doch nicht in Petersburg erscheinende Zeitschrift darstellen. Der Knüppel aber sollte wohl sagen: „Wenn ich mal zuschlage, bleibt von meinem Feinde nur noch ein nasses Fleckchen übrig.“ Doch ungeachtet seines Knüppels konnte er auf keine Weise den durch die Brillengläser unverwandt auf ihn gerichteten Blick des „ehrlichen russischen Gedankens“ ertragen, weshalb er sich alle Mühe gab, nach links oder rechts diesem Blick auszuweichen, und jedes Mal, wenn es zum pas de deux kam, wand, drehte, kringelte er sich förmlich und wußte nicht, wohin er sehen sollte, – so sehr quälte ihn wahrscheinlich das Gewissen ... Doch wer kann schließlich alle diese stumpfsinnigen erklügelten Witzchen aufzählen und behalten! Alles war von dieser Art, so daß ich mich zu guter Letzt qualvoll zu schämen begann. Und siehe, genau dieselbe Empfindung gleichsam eines Schamgefühls spiegelte sich auch in allen übrigen Gesichtern des Publikums wieder, sogar in den mürrischsten Physiognomien aus dem Büfettraum. Eine Zeitlang schwiegen alle und sahen mit geärgerter Verständnislosigkeit zu. Wenn ein Mensch sich schämt, fängt er gewöhnlich an sich zu ärgern und ist dann zum Zynismus geneigt. Allmählich aber begann ein Gebrumm:

„Was soll das denn eigentlich bedeuten?“ brummte in einer Gruppe jemand von denen, die das Büfett belagert hatten.

„Irgend ’nen Blödsinn.“

„Das soll eine Art Literatur sein. Die ‚Stimme‘ wird kritisiert.“

„Was geht das mich an!“

In einer anderen Gruppe:

„Diese Esel!“