Ich versuchte, von den Gesprächen einiges aufzufangen. Manche Ansichten überraschten durch ihre Ungereimtheit. So wurde z. B. in einer Gruppe behauptet, diese ganze Geschichte mit Stawrogin und Lisa sei von Julija Michailowna arrangiert worden und sie habe von Stawrogin Geld dafür angenommen. Man nannte sogar die Summe. Man behauptete, daß sogar das ganze Fest von ihr zu diesem Zweck veranstaltet worden sei; eben deshalb sei auch die halbe Stadt nicht gekommen, nachdem man erfahren, um was es sich handelte; Lembke selbst aber sei dadurch so erschüttert worden, daß diese Erschütterung seinen Verstand „zerrüttet“ habe und nun „führe“ sie ihn als Verrückten umher. – Hierzu gab es viel Gelächter, sowohl lautes, offenes, wie heiseres, gemeines und lautlos verschlagenes, hinter dem sich eigene Gedanken bargen. Auch der Ball wurde von allen fürchterlich kritisiert und auf Julija Michailowna wurde schon ohne jede Rücksicht geschimpft. Es war das überhaupt ein merkwürdig ungeordnetes, bruchstückhaftes, betrunkenes und ruheloses Schwatzen, so daß es schwer hielt, sich darauf einen Vers zu machen oder etwas Bestimmtes daraus zu folgern. Doch in demselben Büfettsaal hatten sich auch viele harmlos lustige Leute niedergelassen, sogar einzelne Damen von der Sorte, die man mit nichts in Erstaunen setzen oder einschüchtern kann, äußerst liebenswürdige und lustige Geschöpfe, meist jene erwähnten Offiziersfrauen mit ihren Männern. Sie hatten sich in Gruppen an mehreren Tischchen niedergelassen und tranken fröhlich Tee. Der Büfettsaal wurde zur warmen Herberge nahezu für die Hälfte des erschienenen Publikums. Und dieses ganze hier versammelte Publikum mußte doch bald, wenn die Quadrille der Literatur begann, voll Neugier auf einmal in den Tanzsaal fluten. Es war geradezu unheimlich, sich das auch nur vorzustellen.
Inzwischen hatte man im weißen Saale, dank der Mitwirkung des jungen Fürsten, drei magere Quadrillen zustande gebracht. Die jungen Töchter tanzten also und die Eltern sahen zu und freuten sich. Doch selbst von diesen ehrenwerten Familienhäuptern begannen schon viele heimlich zu überlegen, wie sie sich, nachdem die Töchter ihr Vergnügen gehabt, zeitiger entfernen könnten, und nicht erst dann, „wenn’s anfängt“. Daß es aber unfehlbar wieder „anfangen“ werde, davon waren entschieden alle überzeugt.
Julija Michailownas Gemütszustand zu schildern, dazu wäre ich wohl kaum imstande. Ich habe dort nicht mit ihr gesprochen, obschon ich ziemlich in ihrer Nähe war. Meinen Gruß erwiderte sie nicht, da sie ihn nicht bemerkte (sie bemerkte ihn tatsächlich nicht). In ihrem Gesicht lag etwas Krankhaftes, ihr Blick war hochmütig und voll Verachtung, aber unstät und erregt. Sie überwand sich mit sichtlicher Qual, – doch wozu eigentlich und für wen? Sie hätte unbedingt den Ball verlassen und vor allen Dingen ihren Gatten heimbringen sollen, sie aber blieb! Dabei konnte man es schon ihrem Gesicht ansehen, daß die Augen ihr nun „endlich aufgegangen“ waren und daß sie auf nichts mehr hoffte. Sie rief auch nicht ein einziges Mal Pjotr Stepanowitsch zu sich (der ging ihr auch, glaube ich, schon selbst aus dem Wege; ich sah ihn im Büfettraum, er war übertrieben lustig). Aber sie blieb doch auf dem Ball und ließ ihren Mann nicht auf einen Augenblick von ihrer Seite. Oh, sie hätte noch vorhin am Nachmittage jede Anspielung auf seinen Gesundheitszustand mit aufrichtiger Empörung zurückgewiesen. Jetzt aber mußten ihr auch in der Beziehung die Augen endlich aufgegangen sein. Mir wenigstens war es schon auf den ersten Blick klar, daß sein Zustand sich im Vergleich zum Vormittage verschlimmert hatte. Er machte den Eindruck, als sei er sich überhaupt nicht dessen bewußt, wo er sich befand. Hin und wieder richtete er seinen Blick plötzlich mit ganz unerwarteter Strenge auf den einen oder anderen, zweimal z. B. auch auf mich. Einmal begann er zu sprechen, begann laut und wichtig, sprach aber den Satz nicht zu Ende, wodurch er einen bescheidenen alten Beamten, der zufällig in seiner Nähe stand, geradezu erschreckte. Doch selbst dieser Teil des Publikums, das im weißen Saale anwesend war, selbst diese Bescheidenen und Scheuen gingen finster und ängstlich Julija Michailowna aus dem Wege, obschon sie gleichzeitig äußerst sonderbare Blicke auf ihren Gemahl warfen, Blicke, deren Unverwandtheit und Offenheit mit der sonstigen Schüchternheit dieser Leute gar zu wenig harmonierte.
„Sehen Sie, gerade dieser Zug war es, der mich plötzlich durchbohrte, und ich begann endlich zu erraten, wie es um Andrei Antonowitsch stand,“ sagte Julija Michailowna später einmal zu mir.
Ja, wieder war sie die Schuldige. Wahrscheinlich hatte sie sich am Nachmittage, als nach meiner Flucht aus ihrem Hause auf Pjotr Stepanowitschs Zureden hin beschlossen worden war, daß der Ball stattfinden und sie auf ihm erscheinen solle, – wahrscheinlich hatte sie sich dann wieder in das Kabinett ihres Gatten begeben, zu ihrem Andrei Antonowitsch, den, wie sie meinte, nur der Skandal der Matinee „erschüttert“ hatte, und dort wird sie wohl wieder alle ihre Verführungskünste angewandt haben, um ihn zum Mitgehen zu bewegen. Wie groß mußte demnach ihre Qual jetzt sein! Und dennoch blieb sie auf dem Ball! War es nun ihr Stolz, der sie trotz aller Pein auf ihrem Platz auszuharren zwang, oder hatte sie bereits den Kopf verloren – ich weiß es nicht. Jedenfalls versuchte sie in geradezu erniedrigender Weise und mit freundlichem Lächeln (bei ihrem Hochmut!) einzelne Damen in ein Gespräch zu ziehen, doch die wurden sofort unsicher, antworteten mißtrauisch und einsilbig mit einem „ja“ oder „nein“ und gingen ihr sichtlich aus dem Wege.
Von den wirklichen Würdenträgern unserer Stadt befand sich auf diesem Ball nur ein einziger, – jener selbe wichtige General a. D., von dem ich schon einmal erzählt habe: der bei der Adelsmarschallin nach dem Duell zwischen Stawrogin und Gaganoff seiner alten Gewohnheit gemäß „gerade davon laut zu sprechen anfing, wovon alle nur heimlich zu flüstern wagten“, und der somit wieder einmal der allgemeinen Spannung die Tür öffnete. Jetzt spazierte er würdevoll durch alle Säle, beobachtete und hörte zu und bemühte sich, durch sein Mienenspiel recht offenkundig zu zeigen, daß er nur so, um die Sitten zu beobachten, mehr Studien halber, als um eines reinen Vergnügens willen, gekommen sei. Er endete damit, daß er sich ganz und gar Julija Michailowna zugesellte und nicht einen Schritt von ihr wich, sichtlich bestrebt, sie zu ermutigen und zu beruhigen. Gewiß war er ein Mensch von großer Herzensgüte, sehr vornehm und bereits so alt, daß man von ihm sogar Mitleid hinnehmen konnte; doch sich gestehen zu müssen, daß dieser alte Schwätzer sie, Julija Michailowna, zu bemitleiden und fast zu beschützen wagte, indem er sehr wohl begriff, daß er ihr mit seiner Anwesenheit eine Ehre erwies, das war doch mehr als ärgerlich. Der General aber hielt unentwegt Stand und schwatzte ohne aufzuhören.
„Hm, man sagt, keine Stadt könne bestehen ohne sieben Gerechte ... sieben, glaub’ ich, müssen es sein, entsin–ne mich nicht mehr genau der vor–schriftsmäßigen Zahl. Ich weiß nicht, wieviele von diesen sieben ... unzwei–felhaft Gerechten unserer Stadt ... die Ehre haben auf Ihrem Ball anwesend zu sein, doch was mich betrifft, so beginne ich, trotz der Anwesenheit derselben, mich nicht außer–halb jeder Gefahr zu empfinden. Vous me pardonnerez, charmante dame, n’est-ce pas?[187] Ich spreche natürlich allegorisch. Begab mich vorhin zum Büfett, bin aber faktisch froh, daß ich heil und ganz wieder herausgekommen bin ... Unser unschätz–barer Prochorytsch ist dort nicht an seinem Platz, und mich deucht, zum Morgen hin wird seine ganze Bude vertilgt sein. Übrigens, amüsant. Warte nur noch auf diese ‚Quadrille der Li–te–ratur‘, dann aber – ins Bett. Verzeihen Sie das schon einem alten Podagristen, muß mich früh hinlegen. Aber auch Ihnen würde ich raten, ‚in die Federchen zu gehen‘, wie man aux enfants[188] zu sagen pflegt ... Bin eigentlich wegen der jungen Schön–heiten gekommen ... die ich natürlich nirgendwo in solcher Voll–zähligkeit antreffen könnte, wie hier ... Alle von jenseits des Flusses, und dorthin pflege ich nicht zu fahren. Die Frau eines Leutnants ... ich glaube, von den Jägern ... ist sogar wirklich nicht übel ... hm, in der Tat ... und das weiß sie auch selbst. Hab’ mit ihr gesprochen; schlagfertig und ... so, nun ja. Nun und die Mädel, gleichfalls frisch ... Ja; aber das ist auch alles. Außer der Frische fak–tisch nichts. Übrigens, amüsant. Wenigstens für mich. Es gibt da Knöspchen ... nur die Lippen ein wenig dick. Überhaupt ist in der russischen Schönheit der Frauenantlitze wenig von jener Regelmäßigkeit vorhanden und ... und ein bißchen läuft sie doch auf einen Pfannkuchen hinaus ... Vous me pardonnerez, n’est-ce pas[189] ... übrigens immer bei gleichzeitig schönen Augen ... lachenden Augen. Diese Knöspchen sind so in den ersten zwei Jahren ihrer Jugend be–zau–bernd, sogar drei Jahre lang ... dann aber, nun ja, dann werden sie unwiderruflich dick ... wodurch sie in ihren Männern jenen traurigen In–dif–ferentismus erzeugen, der die Entwicklung der Frauenfrage so überaus begünstigt ... vorausgesetzt, daß ich diese Frauenfrage richtig verstehe ... Hm! Der Saal ist nicht übel; die Räume schön geschmückt. Es hätte schlechter sein können. Die Musik könnte sogar sehr viel schlechter sein ... ich sage nicht ‚sollte‘. Ein übler Eindruck, daß überhaupt wenig Damen vorhanden sind. Die Toiletten übergehe ich. Böse ist, daß dieser dort in den grauen Beinkleidern sich so unverhüllt Cancan zu tanzen erlaubt. Ich würde es verzeihen, wenn es von ihm aus Freude geschähe, und zumal er ein hiesiger Apotheker ist ... aber um elf ist es immer–hin noch zu früh, selbst für einen Apotheker ... Dort im Büfettsaal begannen zwei sich zu prügeln und wurden nicht hinausbefördert. Um elf aber müssen Raufbolde noch hinausbefördert werden, gleichviel welcher Art die Sitten des Publikums sonst sind ... ich will nicht sagen, um drei Uhr morgens, dann muß man der öffentlichen Meinung schon eine Konzession machen, – vorausgesetzt, daß dieser Ball die dritte Morgenstunde überhaupt erlebt ... Warwara Petrowna aber hat doch nicht Wort gehalten, und ihre Blumen sind nicht eingetroffen. Hm! Die hat jetzt an anderes zu denken, als an Blumen. Pauvre mère![190] Und die arme Lisa, – Sie haben doch schon gehört? Man sagt, eine geheimnisvolle Geschichte und ... und wieder ist dieser Stawrogin in der Arena ... Hm! Ich müßte nun doch ins Bett ... Meine Nase nickt schon von selbst. Aber wann wird denn eigentlich diese ‚Quadrille der Li–te–ratur‘ beginnen?“
Und schließlich begann denn auch die „Quadrille der Literatur“. Wenn in der letzten Zeit irgendwo in der Stadt das Gespräch auf den bevorstehenden Ball gekommen war, dann hatte man bereits nach den ersten Worten unfehlbar von dieser „Quadrille der Literatur“ gesprochen, und da sich niemand eine Vorstellung von dieser Aufführung machen konnte, so erregte sie natürlich übermäßige Neugier. Das aber war schon an sich die größte Gefahr für einen Erfolg, und – wie groß war daher die Enttäuschung!
Eine Seitentür des weißen Saales, die bis dahin geschlossen war, wurde geöffnet und plötzlich erschienen ein paar Masken im Saal. Das Publikum drängte sich sofort gierig um sie herum. Im Augenblick verbreitete sich die Kunde bis zum Büfett und schon stürzte, wälzte sich von dort der ganze Menschenschwarm bis auf den letzten zum weißen Saal, in den er wie eine Flut hineinbrach. Die Masken begannen sich zum Tanze aufzustellen. Es gelang mir noch, mich bis zu den ersten Reihen durchzudrängen und ich blieb dicht hinter Lembkes und dem alten General stehen. Da tauchte plötzlich flink Pjotr Stepanowitsch neben Julija Michailowna auf, nachdem er sich ihr bis dahin gar nicht gezeigt hatte.
„Ich sitze die ganze Zeit am Büfett und beobachte,“ flüsterte er ihr mit der Miene eines schuldbewußten Schulbuben zu, die er übrigens absichtlich annahm, um sie noch mehr aufzubringen.