„Was? Aber was denn begünstigt?“
„Ja, wissen Sie es denn noch nicht?“ rief er mit vorzüglich gespieltem Erstaunen. „Stawrogin und Lisaweta Nicolajewna!“ ...
„Wie? Was?“ riefen wir alle.
„Ja, wissen Sie denn wirklich noch nichts? Na, hören Sie mal! Aber es haben sich doch soeben Tragiromane abgespielt! – Es hat Lisaweta Nicolajewna gefallen, sich unmittelbar aus der Equipage der Adelsmarschallin in die Equipage Stawrogins hinüberzusetzen und ‚mit diesem letzteren‘ nach Skworeschniki zu entschlüpfen, mitten am hellichten Tage. Erst vor einer Stunde, noch nicht einmal einer Stunde.“
Wir erstarrten. Natürlich stürzten wir uns dann ins Ausfragen, doch wunderlicherweise konnte er, obschon er selbst „zufällig“ Augenzeuge gewesen sein wollte, von den näheren Umständen nichts Genaues erzählen. Geschehen war es angeblich folgendermaßen: Als die Adelsmarschallin nach der Matinee Lisa und Mawrikij Nicolajewitsch in ihrer Equipage heimbrachte und der Wagen vor dem Hause von Lisas Mutter (deren Füße immer noch krank waren) hielt, da wartete nicht weit, ungefähr fünfundzwanzig Schritt von der Vorfahrt, etwas abseits, eine andere Equipage. Und kaum war Lisa vor der Treppe ausgestiegen, – da sei sie sofort zu jener Equipage geeilt; der Schlag habe sich geöffnet, sei zugeklappt; Lisa habe Mawrikij Nicolajewitsch nur noch zugerufen: „Schonen Sie mich!“ – und die Equipage sei in voller Karriere davongefahren nach Skworeschniki. Auf unsere hastigen Fragen: War das eine Verabredung? Wer saß in jener Equipage? – antwortete Pjotr Stepanowitsch, er wisse nichts; zweifellos sei das abgekartet gewesen, doch Stawrogin habe er in der Equipage nicht gesehen; vielleicht saß nur der Kammerdiener im Wagen, der alte Alexei Jegorytsch. Auf die Frage: „Wie kam es denn, daß gerade Sie zugegen waren? Und woher wissen Sie, daß die Equipage nach Skworeschniki gefahren ist?“ – antwortete er, daß er zugegen gewesen sei, weil er gerade vorüberging, und als er da Lisa erblickte, sei er sogar zu jener Equipage geeilt (und dennoch wollte er nicht gesehen haben, wer in der Equipage saß, ein so neugieriger Mensch wie er!), Mawrikij Nicolajewitsch aber sei ihr nicht nur nicht nachgejagt mit dem anderen Gefährt, sondern habe nicht einmal versucht, Lisa zurückzuhalten, ja er habe noch mit beiden Händen die Adelsmarschallin zurückgehalten, die mit lauter Stimme geschrien habe: „Sie fährt zu Stawrogin! zu Stawrogin!“ Da aber riß mir die Geduld und ich schrie, toll vor Wut, Pjotr Stepanowitsch ins Gesicht:
„Das hast du, Schurke, alles veranstaltet! Nur dazu hast du auch den ganzen Vormittag gebraucht! Du hast Stawrogin geholfen, du hast die Equipage hingebracht, du hast sie aufgenommen, den Schlag geöffnet und zugeklappt ... du, du, du! ... Julija Michailowna, das ist Ihr Feind, er wird auch Sie ins Verderben bringen! Nehmen Sie sich in acht vor ihm!“
Und ich stürzte Hals über Kopf hinaus.
Noch heute begreife ich nicht und wundere mich, wie ich ihm das damals so zuschreien konnte. Aber ich hatte den Zusammenhang erraten: es war fast alles tatsächlich so geschehen, wie ich es ihm dort ins Gesicht schrie, doch das stellte sich erst später heraus. Das Entscheidende war wohl die gar zu offenkundige Unnatürlichkeit der Art, wie er die Nachricht mitteilte. Er hatte sie nicht sofort erzählt, als erste und außergewöhnliche Neuigkeit, sondern hatte getan, als wüßten wir sie bereits, als hätten wir sie schon von anderen hören können, – was doch in dieser kurzen Zeit ganz unmöglich war. Und selbst wenn uns diese Kunde schon zu Ohren gekommen wäre, so hätten wir doch nicht so lange darüber geschwiegen, bis er davon anfing. Auch konnte er, gleichfalls wegen der Kürze der Zeit, unmöglich schon gehört haben, daß „die ganze Stadt“ der Adelsmarschallin eine Schuld daran zuschrieb oder sonst etwas „ausläutete“. Zudem hatte er, als er uns Auskunft gab, etwa zweimal ganz eigentümlich, gewissermaßen gemein und leichtfertig, gelächelt, wahrscheinlich in dem Glauben, daß er uns Dummköpfe schon vollkommen überzeugt habe. Doch jetzt war es mir nicht mehr um ihn und seine Entlarvung zu tun; da ich ihm die wichtigste Tatsache doch glaubte, lief ich geradezu außer mir von Julija Michailowna weg. Diese Katastrophe traf mich mitten ins Herz. Ich hätte weinen mögen vor Schmerz, ja vielleicht weinte ich auch wirklich. Ich wußte nicht und konnte nicht überlegen, was jetzt zu tun wäre. So eilte ich denn zunächst zu Stepan Trophimowitsch, aber der ärgerliche Mensch machte wieder nicht auf. Nastassja versicherte ehrfurchtsvoll flüsternd, daß er sich schlafen gelegt habe, doch ich glaubte ihr das nicht. Im Hause Lisas erfuhr ich einiges von den Dienstboten; sie bestätigten die Flucht, wußten aber selbst nichts Näheres. Im Hause herrschte große Unruhe; die kranke gnädige Frau hatte einen Ohnmachtsanfall nach dem anderen und Mawrikij Nicolajewitsch war bei ihr. Es erschien mir unmöglich, Mawrikij Nicolajewitsch herausbitten zu lassen. Bezüglich Pjotr Stepanowitschs sagte man mir auf meine Frage, daß er in den letzten Tagen allerdings sehr oft ins Haus gekommen sei, manchmal sogar zweimal am Tage. Die Dienstboten waren traurig und sprachen von Lisa mit einer gewissen ganz besonderen Ehrerbietung; sie wurde von ihnen geliebt. Daß sie verloren, rettungslos verloren war, – daran zweifelte ich nicht, aber die psychologische Seite der Tat konnte ich entschieden nicht begreifen, besonders nicht nach der Szene zwischen Lisa und Stawrogin am vergangenen Tage bei Julija Michailowna. Mich in der Stadt bei schadenfrohen Bekannten zu erkundigen, unter denen die Nachricht sich jetzt natürlich schon verbreitet hatte, erschien mir widerlich, ja und für Lisa auch erniedrigend. Doch sonderbar war, daß ich zu Darja Pawlowna ging, wo ich übrigens nicht empfangen wurde (im Stawroginschen Hause wurde seit dem vergangenen Tage niemand empfangen); und ich weiß auch nicht, was ich ihr hätte sagen mögen und wozu ich dorthin eilte. Von dort begab ich mich zu ihrem Bruder. Schatoff hörte mich finster und schweigend an. Erwähnen muß ich, daß ich ihn in einer so düsteren Stimmung antraf, wie noch nie zuvor; er war wie ganz in Gedanken vertieft und hörte mich an, als müßte er sich dazu überwinden. Er sagte so gut wie nichts und begann in seiner Dachstube auf und ab zu gehen, aus einer Ecke in die andere, wobei er lauter als sonst mit den Stiefeln auftrat. Als ich die Treppe bereits hinuntergegangen war, rief er mir plötzlich nach, ich solle doch zu Liputin gehen: „Dort werden Sie alles erfahren.“ Zu Liputin ging ich nicht, doch, nachdem ich schon weit gegangen war, kehrte ich wieder um und ging zu Schatoff zurück, und nachdem ich die Tür halb aufgemacht, fragte ich lakonisch und ohne alle Erklärungen: ob er nicht heute noch zu Marja Timofejewna gehen könnte? Als Antwort darauf schimpfte Schatoff und ich ging weg. Ich füge hier gleich hinzu, um es nicht zu vergessen, daß er noch an demselben Abend tatsächlich nach jener äußersten Vorstadt zu Marja Timofejewna gegangen ist, die er seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Er fand sie bei bester Gesundheit und in heiterer Stimmung, Lebädkin dagegen in schwerer Betrunkenheit schlafend auf dem Diwan im ersten Zimmer. Schatoff war dort um neun Uhr abends. Das sagte er mir bereits am folgenden Tage, als wir uns in der Eile auf der Straße begegneten. Gegen zehn Uhr abends aber entschloß ich mich doch noch, auf den Ball zu gehen, freilich nicht mehr als „Festordner“ (mein Band war ja auch bei Julija Michailowna geblieben), sondern nur aus quälender Neugier: ich wollte hören (ohne zu fragen), wie man im allgemeinen über alle diese Vorfälle sprach. Und dann wollte ich auch Julija Michailowna sehen, wenn auch nur von ferne. Ich machte mir Vorwürfe und bereute es sehr, daß ich vorhin so von ihr weggelaufen war.
III.
Diese ganze Nacht mit ihren fast absurden Ereignissen und mit ihrem entsetzlichen „Ausgang“ gegen Morgen kommt mir noch immer wie ein gräßlicher Traum oder Albdruck vor und ist – wenigstens für mich – der schwerste Teil meiner Chronik. Ich kam zwar etwas spät auf den Ball, doch immerhin noch rechtzeitig, um sein Ende mitzuerleben, – so früh war es ihm bestimmt, sein Ende zu finden. Die Uhr ging schon auf elf, als ich an der Vorfahrt des Hauses der Adelsmarschallin anlangte. Derselbe weiße Saal, in dem die literarischen Vorträge stattgefunden hatten, war bereits, trotz der kurzen Zwischenzeit, ausgeräumt und in den Haupttanzsaal, wie man annahm, „für die ganze Stadt“, verwandelt worden. Aber wie schlimm meine Befürchtungen, nach diesem Verlauf der Matinee, für den Ball auch waren, eine solche Wirklichkeit hatte ich doch nicht vorausgesehen: von der höheren Gesellschaft hatte sich auch nicht eine einzige Familie eingefunden; selbst die Beamten von auch nur einiger Bedeutung fehlten alle; das aber war doch schon ein äußerst starkes Symptom. Was nun die Damen und jungen Mädchen betrifft, so erwiesen sich Pjotr Stepanowitschs Berechnungen (jetzt war seine Hinterlist schon offenkundig) als im höchsten Grade falsch: es waren nur äußerst wenige erschienen; auf vier Herren kam vielleicht eine Dame, und was waren das für Damen! „Irgendwelche“ Frauen von Oberoffizieren gewöhnlicher Linienregimenter, von Postbeamten und anderen beamteten kleinen Leuten, drei Frauen von Ärzten mit ihren Töchtern, zwei bis drei Gutsbesitzerinnen (von den ärmeren dieses Standes), die sieben Töchter und die eine Nichte jenes Sekretärs, den ich gelegentlich schon erwähnt habe, Kaufmannsfrauen ... War das die Gesellschaft, die Julija Michailowna vorzufinden erwartet hatte? Selbst von den Kaufleuten war fast die Hälfte fern geblieben. Was nun die Männer anbelangt, so bildeten sie, trotz der geschlossenen Abwesenheit unserer ganzen Notabilität, dennoch eine dichte Masse, aber diese Masse machte einen zweideutigen, Mißtrauen erweckenden Eindruck. Natürlich gab es da auch ein paar überaus stille und ehrenwerte Offiziere mit ihren Frauen, ein paar gehorsamste Familienväter, wie z. B. jener selbe Sekretär und Vater seiner sieben Töchter. Doch alle diese stillen bescheideneren Leute waren sozusagen nur „in Ermangelung eines anderen Auswegs“ gekommen, wie sich einer dieser Herren buchstäblich ausdrückte. Andererseits aber hatte sich die Menge der kecken Persönlichkeiten, im Vergleich zum Vormittage, anscheinend noch vermehrt und desgleichen die Anzahl solcher, die offenbar ohne Eintrittskarten hereingelassen waren, – diesen Verdacht hatten ich und Pjotr Stepanowitsch bereits am Nachmittage ausgesprochen. Vorläufig saßen sie alle noch im Büfettraum, und zwar begaben sie sich, wenn sie erschienen, sofort geradenwegs dorthin, wie zu einem verabredeten Sammelplatz. Wenigstens hatte ich diesen Eindruck. Das Büfett befand sich ganz am Ende der Zimmerreihe in einem geräumigen Saal, wo Prochorytsch sich mit sämtlichen Verlockungen der Klubküche etabliert und eine verführerische Ausstellung aller Imbisse, Liköre und Getränke aufgebaut hatte. Hier fielen mir Gestalten auf, die fast in zerrissenen Röcken, wenigstens in höchst zweifelhaften, gar zu wenig ballmäßigen Anzügen erschienen waren; dazu waren sie augenscheinlich nur mit größter Mühe und selbstredend nur für kurze Zeit ernüchtert, Leute, die man Gott weiß wo aufgetrieben hatte, jedenfalls nicht Einheimische, sondern Hergereiste aus anderen Städten. Es war mir natürlich bekannt, daß vom Komitee nach Julija Michailownas Idee beschlossen worden war, den Ball nach durchaus demokratischen Grundsätzen zu veranstalten, „ohne selbst Kleinbürgern den Zutritt zu verweigern, falls es geschehen sollte, daß jemand dieses Standes eine Eintrittskarte erwirbt“. Diese Worte hatte sie in ihrem Komitee dreist aussprechen können, denn sie durfte überzeugt sein, daß es von den ausnahmslos bettelarmen Kleinbürgern unserer Stadt auch nicht einem in den Sinn kommen würde, für drei Rubel eine Eintrittskarte zu lösen. Nichtsdestoweniger bezweifelte ich, daß man diese finsteren Leute in den fast zerrissenen Röcken hereinlassen konnte, selbst wenn das Komitee noch so demokratisch gesinnt war. Aber wer hatte sie denn jetzt hereingelassen und zu welchem Zweck schließlich? Liputin und Lämschin waren ihres Amtes als Festordner bereits enthoben (was sie jedoch nicht hinderte, auf dem Ball anwesend zu sein, zumal sie auch zu den in der „Quadrille der Literatur“ Mitwirkenden gehörten); doch an die Stelle Liputins war jetzt, zu meiner Verwunderung, jener selbe Seminarist getreten, der durch seinen Zusammenstoß mit Stepan Trophimowitsch mehr als alles andere den „Skandal der Matinee“ heraufbeschworen hatte, und Lämschin wurde gar ersetzt durch – Pjotr Stepanowitsch in eigener Person. Was konnte man in dem Falle noch erwarten?