Die Feuersbrunst erschreckte unser Publikum vom anderen Flußufer gerade dadurch am meisten, daß es sich hierbei um eine so offenkundige Brandstiftung handelte. Beachtenswert ist, daß schon nach dem ersten Schrei „wir brennen“, sofort auch geschrien wurde, „die Spigulinschen“ seien die Brandstifter. Jetzt hat es sich bereits mit aller Sicherheit herausgestellt, daß in der Tat drei „Spigulinsche“ an der Brandstiftung beteiligt waren, aber nur drei, nicht mehr; alle anderen Arbeiter der Fabrik wurden vollkommen freigesprochen, sowohl von der öffentlichen Meinung, wie vom Gericht. Außer diesen drei Taugenichtsen (von denen einer bald gefangen wurde und alles gestand, während man der beiden anderen noch bis heute nicht habhaft geworden ist), war zweifellos auch der sogenannte „Zuchthäusler-Fedjka“ an der Brandstiftung beteiligt. Das ist aber auch alles, was man bisher über die Entstehung des Brandes sicher weiß; die Vermutungen sind eine Sache für sich. Was nun diese drei Taugenichtse zu dieser Tat bewogen hat, ob sie von jemandem dazu angestiftet worden sind oder nicht – diese Fragen sind selbst heute noch schwer zu beantworten.
Das Feuer verbreitete sich infolge des starken Windes und da die Vorstadt dort überm Fluß fast nur aus hölzernen Häusern bestand, sowie infolge der Brandstiftung an drei verschiedenen Stellen, mit unglaublicher Schnelligkeit und Gewalt (übrigens ging der Brand genau genommen doch nur von zwei Stellen aus, denn an der dritten Stelle gelang es, das Feuer fast gleich nach seinem Ausbruch zu ersticken, wovon später noch die Rede sein wird). Aber in den Berichten der Residenzblätter wurde unser Unglück doch stark vergrößert: was niederbrannte, war nicht mehr (ja vielleicht sogar noch weniger) als ungefähr der vierte Teil der ganzen Vorstadt überm Fluß. Unsere Feuerwehr, deren Mannschaft im Verhältnis zur Ausdehnung der Stadt und der Einwohnerzahl nur ein schwaches Häuflein ist, verrichtete ihre Aufgabe doch mit großer Hingabe und Sorgfalt. Dennoch hätte sie wohl kaum des Brandes Herr werden können, selbst bei einmütiger Unterstützung von seiten der Bevölkerung, wenn der Wind sich nicht gedreht und kurz vor Morgengrauen plötzlich ganz gelegt hätte.
Als ich kaum eine Stunde nach der Flucht vom Ball am anderen Ufer anlangte, tobte das Feuer bereits mit größter Wut. Die ganze Straße, die dem Fluß parallel läuft, lohte. Es war taghell. Das Bild, das die Brandstätte bot, werde ich nicht weiter beschreiben: wer kennt es in Rußland nicht? In den Quergassen neben der brennenden Hauptstraße war ein maßloses Hasten und Gedränge. Hier war das Feuer mit Sicherheit zu erwarten und die Einwohner schleppten ihr Hab und Gut hinaus, gingen aber vorläufig doch noch nicht weg von ihren Häusern und saßen wartend auf ihren hinausgeschafften Kästen und Federbetten, ein jeder vor seinen Fenstern. Ein Teil der männlichen Einwohnerschaft verrichtete schwere Arbeit: da wurden erbarmungslos Zäune gefällt, ja wurden sogar ganze Hütten abgetragen, die nahe dem Feuer und unter dem Winde standen. Aus dem Schlaf geweckte kleine Kinder weinten, und Weiber, die ihr Gerümpel schon herausgeschleppt hatten, jammerten und heulten. Andere, die mit dem Herausschaffen noch nicht fertig waren, schafften inzwischen schweigend und energisch noch weiter heraus, was sie besaßen. Funken und fliegende Feuerbrände sprühten weit mit dem Winde; man löschte sie nach Möglichkeit. Auf dem Brandplatze selbst drängten sich die Zuschauer, die aus allen Ecken und Enden der Stadt herbeigelaufen waren. Manche halfen löschen, andere gafften nur so als Liebhaber. Ein großes Feuer in der Nacht macht immer einen erregenden und lustigen Eindruck; darauf beruhen die Feuerwerke. Doch bei diesen verläuft das Feuerspiel in schönen Linien und Formen und erweckt im Zuschauer, da er sich selbst vollkommen außer Gefahr weiß, eine fröhliche und leichte Empfindung, wie nach einem Glase Champagner. Etwas anderes ist ein wirklicher Brand: hierbei erzeugen der Schrecken und das doch immer vorhandene Gefühl einer gewissen persönlichen Gefahr im Zuschauer (selbstredend nicht im Bewohner des brennenden Hauses), neben dem erwähnten lustigen Eindruck eines nächtlichen Feuers, eine Art Gehirnerschütterung und wirken wie eine Herausforderung seiner eigenen zerstörenden Instinkte, die sich, ach! in jeder Seele verbergen, selbst in der Seele des sanftmütigsten Familienmenschen und Titularrats ... Diese lichtscheue Empfindung ist fast immer berauschend. „Ich weiß wirklich nicht, ob man einem Schadenfeuer ohne ein gewisses Vergnügen zusehen kann?“ Diesen Satz sprach einmal wortwörtlich Stepan Trophimowitsch zu mir, als wir von einem nächtlichen Brande, dessen Zuschauer er ganz zufällig geworden war, heimgingen – noch unter dem ersten Eindruck des Anblicks. Natürlich würde sich der nämliche Liebhaber nächtlicher Feuersbrünste auch selbst ins Feuer stürzen, um aus den Flammen ein Kind oder eine Greisin zu retten; aber das ist doch schon ein ganz anderes Kapitel.
Ich schob mich hinter anderen Neugierigen durch das Gedränge und kam so ohne zu fragen zur wichtigsten und gefährlichsten Stelle, wo ich endlich Lembke erblickte. Ich suchte ihn im Auftrage von Julija Michailowna. Seine Stellung war seltsam und außergewöhnlich. Er stand auf einem niedergerissenen Bretterzaun; links von ihm, keine dreißig Schritte weit, ragte das schwarze Gerüst eines fast schon ganz ausgebrannten zweistöckigen hölzernen Hauses empor, mit Löchern statt der Fenster in beiden Stockwerken, mit eingestürztem Dach und mit immer noch leckenden Feuerzungen an den verkohlten Balken. Im Hintergrunde des Hofes, etwa zwanzig Schritt von diesem Hause, begann gerade ein gleichfalls zweistöckiges Nebengebäude zu brennen, und um dieses mühte sich aus allen Kräften die Feuerwehr. Rechts von Lembke wurde ein ziemlich großes hölzernes Gebäude, das zwar noch nicht brannte, aber schon mehrmals Feuer gefangen hatte, von der Feuerwehr und anderen Helfern zu retten gesucht, obschon es zweifellos nicht zu retten war. Lembke schrie und gestikulierte – er stand mit dem Gesicht zu jenem Nebengebäude auf dem Hof – und gab Befehle, die niemand ausführte. Ich dachte schon, daß man ihn hier ganz sich selbst überlassen und sich von ihm völlig zurückgezogen habe. Wenigstens fiel es mir auf, daß die dichte und aus Menschen sehr verschiedenen Standes bestehende Menge – es waren da auch Herren und sogar der Oberpriester unserer Kathedralkirche – seinen Ausrufen wohl neugierig und verwundert zuhörte, jedoch niemand mit ihm sprach oder den Versuch machte, ihn wegzuführen. Lembke, der bleich, doch mit blitzenden Augen dastand, stieß allerdings die sonderbarsten Dinge hervor; zum Überfluß war er noch ohne Hut, den er schon längst verloren hatte.
„Alles Brandstiftung! Das ist Nihilismus! Wenn hier etwas loht, so ist das der Nihilismus!“ vernahm ich von ihm fast mit Entsetzen, und wenn das auch schon vorauszusehen gewesen war, so hat doch die greifbare Wirklichkeit immer etwas Erschütterndes in sich.
„Exzellenz,“ – neben ihm stand plötzlich ein Revierschutzmann – „wenn Euer Exzellenz geruhen wollten, es mit der häuslichen Erholung zu versuchen ... Denn hier ist doch schon das bloße Stehen gefährlich, Exzellenz.“
Dieser Polizeimann war, wie ich später erfuhr, vom Polizeimeister absichtlich zu Andrei Antonowitsch abkommandiert worden, mit dem Auftrage, auf ihn acht zu geben und nach Möglichkeit zu versuchen, ihn nach Hause zu bringen, im Falle einer Gefahr aber, wenn nötig, sogar Gewalt anzuwenden – ein Auftrag, der ersichtlich über die Kraft des Beauftragten ging.
„Die Tränen der Abgebrannten werden weggewischt werden, aber die Stadt werden sie niederbrennen. Das sind alles die vier Schurken, vier und ein halber! Man verhafte den Schurken! Er schleicht sich in die Ehre der Familien ein. Zum Anzünden der Häuser hat man die Gouvernanten benutzt. Das ist gemein, gemein! Ach, was tut der dort!“ rief er plötzlich, als er auf dem Dach des nun bereits brennenden Nebengebäudes einen Feuerwehrmann erblickte, unter dem das Dach schon durchgebrannt war und um den ringsum Flammen hervorschlugen. „Holt ihn herunter, er wird durchs Dach fallen, er wird anbrennen, löscht ihn ... Was tut er dort?“
„Er löscht selbst, Exzellenz.“
„Das ist unwahrscheinlich. Die Feuersbrunst ist in den Gehirnen der Menschen, aber nicht auf den Dächern der Häuser. Man soll ihn herunterholen und alles liegen lassen! Lieber liegen lassen, lieber liegen lassen! Mag es selbst irgendwie! ... Ach, wer weint dort noch? Eine Alte! Eine Alte schreit, warum hat man die Alte vergessen?“