Tatsächlich: im unteren Stock dieses bereits brennenden Nebenhauses schrie ein altes Weib, eine achtzigjährige Verwandte des Kaufmanns, dem das Haus gehörte. Aber man hatte sie nicht dort vergessen, sondern sie war selbst in das Haus zurückgekehrt, so lange das noch möglich war, mit der wahnsinnigen Absicht, aus ihrem Kämmerlein an der Ecke des Hauses ihr Federbett zu retten. Fast erstickend im Rauch und schreiend vor Hitze, denn die Flammen hatten das Kämmerlein nun schon erreicht, mühte sie sich, mit ihren altersschwachen Armen das Pfühl durch den Fensterrahmen, dessen Glasscheibe herausgeschlagen war, hindurchzuzwängen. Lembke stürzte zu ihr, um ihr zu helfen. Alle sahen, wie er zum Fenster lief, einen Zipfel des Pfühls ergriff und es mit aller Gewalt durch das Fenster zu ziehen begann. Da wollte es das Unglück, daß in eben diesem Augenblick ein herausgebrochenes Brett vom Dach herabfiel und den Helfer traf; es schlug ihn nicht tot, nur das eine Ende traf ihn am Halse, doch damit war die Laufbahn Andrei Antonowitschs eigentlich beendet, wenigstens bei uns; der Schlag warf ihn um und er blieb bewußtlos liegen.

Endlich brach ein trübes, düsteres Morgengrauen an. Der Brand sank in sich zusammen; nach dem Winde trat plötzlich Windstille ein und dann begann ein langsamer, feiner Regen, wie durch ein feines Sieb. Ich war schon in einer anderen Gegend dieser Vorstadt, weit von jener Stelle, wo Lembke hingefallen war, und hier hörte ich unter den Leuten sehr sonderbare Gespräche. Eine seltsame Tatsache stellte sich heraus: ganz am Rande der Vorstadt, hinter Gemüsegärten auf freiem Platz, über fünfzig Schritte weit von den nächsten Gebäuden, stand ein erst kürzlich erbautes, nicht großes hölzernes Wohnhaus, und dieses entlegene Haus hatte ganz zu Anfang des Brandes gleichfalls, ja womöglich noch früher als alle anderen, zu brennen begonnen. Selbst wenn es niedergebrannt wäre, hätte es bei seiner einsamen Lage keines der anderen Häuser dieser Vorstadt anstecken können, und umgekehrt: auch wenn der ganze Stadtteil auf dieser Seite des Flusses niedergebrannt wäre, so hätte einzig dieses Haus verschont bleiben können, sogar bei noch so starkem Winde. Also mußte es selbständig und für sich allein in Brand geraten sein und folglich nicht ohne besondere Ursache. Doch die Hauptsache war, daß man ihm zum Niederbrennen keine Zeit gelassen hatte und daß in seinem Inneren dann sonderbare Dinge entdeckt worden waren. Der Besitzer dieses neuerbauten Hauses, ein Kleinbürger, der in der nächsten Gasse wohnte, war sogleich bei Ausbruch des Feuers herbeigeeilt und hatte noch rechtzeitig den Brand ersticken können, indem er mit Hilfe der Nachbarn den in Brand gesteckten Holzvorrat für den Winter, dessen Stapel an der einen Seitenwand des Hauses stand, auseinanderriß und löschte.

Doch in dem Hause hatten Menschen gewohnt: der in der Stadt wohlbekannte „Hauptmann“ Lebädkin mit seiner Schwester und einer schon älteren Arbeiterin als Aufwartefrau. Und diese drei Einwohner, der Hauptmann, seine Schwester und die Arbeiterin, wurden nun, als man in das Haus eindrang, ermordet und augenscheinlich beraubt vorgefunden. (Eben hierher hatte sich dann der Polizeimeister vom Brandplatz begeben, kurz bevor Lembke das Pfühl rettete.) Bei Morgengrauen hatte sich das Gerücht von der Untat schon verbreitet und eine ungeheure Menge der verschiedensten Menschen, darunter sogar viele der soeben Abgebrannten, strömte zu diesem abgelegenen neuen Hause. Es war schwer, näher zu gelangen, so groß war dort das Gedränge. Man erzählte mir sogleich, daß man den Hauptmann mit durchgeschnittener Kehle, angekleidet auf der Schlafbank liegend, gefunden habe. Wahrscheinlich sei er wieder steif betrunken gewesen und man habe ihn wohl nur so hingeschlachtet, ohne daß ihm zu Bewußtsein kam, was da geschah. Blut aber sei aus ihm so viel geflossen „wie aus einem Ochsen“. Seine Schwester Marja Timofejewna dagegen sei von Messerstichen „ganz zerstochen“ und habe an der Tür auf dem Fußboden gelegen, also habe sie mit dem Mörder gewiß schon im Wachen gekämpft und sich wohl wie rasend gewehrt. Der Aufwartefrau, die anscheinend gleichfalls vorher erwacht war, sei der Schädel eingeschlagen.

Wie der Besitzer des Hauses erzählte, sei der „Hauptmann“ noch am Morgen dieses Tages betrunken zu ihm gekommen, habe geprahlt und viel Geld gezeigt, an die zweihundert Rubel. Die alte, abgenutzte grüne Brieftasche des „Hauptmanns“ fand man leer auf dem Boden liegen; doch Marja Timofejewnas Koffer war unangerührt, ebenso die silberne Verzierung des Heiligenbildes. Desgleichen fand man alles, was der „Hauptmann“ an Kleidern besessen, vollzählig vor. Daraus ersah man, daß der Dieb sich beeilt hatte und jedenfalls ein Mensch gewesen sein mußte, der den Hauptmann und seine Gewohnheiten gut kannte, es nur auf das bare Geld abgesehen hatte und wußte, wo dieses sich befand. Hätte der Besitzer des Hauses den Brand nicht sofort bemerkt, so hätte der angezündete Holzstapel sicher das Haus in Brand gesteckt, „vor den verkohlten Leichen aber wäre man schwerlich hinter den wahren Sachverhalt gekommen“.

So wurde der Tatbestand wiedergegeben. Hinzu kam dann noch ein Bericht: daß der eigentliche Mieter dieser Wohnung der Herr Stawrogin sei, Nicolai Wszewolodowitsch, der einzige Sohn der Generalin Stawrogina. Er sei sogar persönlich gekommen, um die Wohnung zu mieten, habe noch sehr zugeredet, denn der Besitzer habe sie gar nicht vermieten, sondern hier eine Kneipe einrichten wollen, aber Nicolai Wszewolodowitsch habe auf den Preis nicht geachtet und die Miete gleich für ein halbes Jahr vorausbezahlt.

„Dieser Brand ist nicht ohne Grund entstanden,“ hörte man in der Menge sagen.

Doch die Mehrzahl schwieg. Die Gesichter waren finster, aber eine große, sichtliche Empörung war eigentlich nicht wahrzunehmen. Nur erzählte man sich ringsum noch mehr Geschichten von dem Herrn Stawrogin. So sprach man u. a. auch davon, daß die Ermordete seine Frau war, gestern aber habe er aus einem der ersten Häuser der Stadt, aus dem der Generalin Drosdowa, ein junges Mädchen, die Tochter der Generalin, zu sich gelockt, „auf unehrliche Weise“, und daß man eine Klage über ihn nach Petersburg einreichen werde. Daß aber seine Frau nun ermordet worden ist, das sei doch, wie man sieht, nur deshalb geschehen, damit er frei werde und jetzt die Drosdowa heiraten könne.

Skworeschniki war nicht mehr als nur zwei und eine halbe Werst entfernt und ich weiß noch, mir kam der Gedanke: sollte ich nicht dorthin Nachricht schicken? Übrigens ist es mir nicht aufgefallen, daß jemand die Menge im besonderen aufgehetzt hätte, das muß ich schon der Wahrheit gemäß sagen, wenn mir auch flüchtig zwei oder drei Fratzen aus der Schar der „Büfettleute“ auffielen, die gegen Morgen auf der Brandstätte erschienen und die ich sofort wiedererkannte. Doch besonders erinnerlich ist mir ein hagerer, großer Bursche, ein Kleinbürger, mit ausgemergeltem Gesicht und krausem Haar, dazu wie mit Ruß geschwärzt, – ein Schmied, wie ich später erfuhr. Er war nicht betrunken, doch, im Gegensatz zu der finster dastehenden Menge, wie außer sich. Er wandte sich immer wieder an das ringsum stehende Volk, aber ich erinnere mich nicht mehr seiner Worte. Alles, was er zusammenhängend hervorbrachte, war nicht länger als: „Ja aber wie denn, Brüder, wie ist denn das? Bleibt das nun alles so und wird da nichts geschehen?“ und er gestikulierte mit den Armen.

Achtzehntes Kapitel.
Ein beendeter Roman

I.