„Nun, wenn man ohne Gasthaus auskommen kann, meinetwegen – aber man muß trotzdem die Sache klarlegen. Sie erinnern sich wohl noch, Schatoff, daß wir in Genf zwei Wochen und einige Tage als Ehepaar gelebt haben, vor – nun sind es schon drei Jahre, daß wir auseinandergegangen sind, übrigens ohne besonderen Streit. Aber denken Sie nur nicht, daß ich gekommen bin, um irgendeine der früheren Dummheiten wieder zu beginnen! Ich bin nur zurückgekehrt, um mir eine Arbeit zu suchen, und wenn ich gerade in diese Stadt kam, nun, so geschah es, weil mir heute alles gleich ist. Ich bin vor allem nicht gekommen, um irgend etwas zu bereuen. Denken Sie nur das nicht!“

„Oh, Marie! Das ist doch alles unnötig, gar nicht nötig!“ stammelte Schatoff undeutlich.

„Nun, wenn das so ist, wenn Sie so weit gescheit sind, daß Sie das verstehen können, so will ich mir erlauben hinzuzufügen, daß ich, wenn ich jetzt zu Ihnen gekommen bin, es zum Teil auch deswegen getan habe, weil ich Sie für keinen – gemeinen Menschen halte, sondern vielleicht sogar für einen viel besseren, als die anderen – Schurken alle!“

Ihre Augen blitzten auf. Sie mußte wohl viel von irgendwelchen „Schurken“ erlitten haben!

„Ich meine das ganz im Ernst. Ich will mich durchaus nicht etwa über Sie lustig machen, wenn ich Ihnen sage, daß Sie gut sind. Ich habe es offen gesagt und Schönrednerei kann ich nicht leiden, das wissen Sie. Doch was rede ich? Es ist ja alles Unsinn. Ich habe immer gehofft, daß Sie vernünftig genug sein würden, um nicht lästig zu werden ... Ach, genug, nur müde bin ich!“

Und sie sah ihn mit langem, gequältem, müdem Blick an. Schatoff stand vor ihr, fünf Schritte weit, und hörte scheu, aber gleichsam erneut, mit einem eigentümlichen Strahlen im Gesicht, was sie sagte. Dieser starke und rauhe Mensch, der immer wie mit gesträubtem Fell wirkte, wie ein Rühr-mich-nicht-an, dieser Mensch wurde plötzlich ganz weich und wie von innen erhellt. In seiner Seele erzitterte etwas ganz Unerwartetes, ganz Ungewöhnliches. Drei Jahre Trennung, drei Jahre zerrissene Ehe hatten in seinem Herzen nichts zerstört. Vielleicht hatte er an jedem Tage dieser drei Jahre an sie gedacht, an dieses teure Wesen, das einst zu ihm gesagt, daß es ihn „liebe“. Für Schatoff hatte das eine Welt bedeutet: für ihn, der sich nicht einmal zu träumen erlaubt hatte, daß ihm je irgendein Weib sagen könnte, es „liebe“ ihn. Er war keusch und schamhaft bis zur Wildheit, hielt sich für eine Mißgeburt, haßte sein Gesicht und seinen Charakter, und verglich sich mit irgendeinem Monstrum, das man eigentlich nur auf Jahrmärkten herumschleppen und zeigen konnte. Deshalb gab es für ihn nichts Heiligeres, als Wahrheit und Ehrlichkeit, und war er in seiner ganzen finsteren, stolzen, jähzornigen und schweigsamen Art seinen Überzeugungen bis zum Fanatismus ergeben! Und nun stand dieses einzige Wesen, das ihn zwei Wochen lang geliebt hatte – daran glaubte er immer, immer, – dieses Wesen, das er so maßlos hoch über sich stellte, obschon er alle ihre Verirrungen kannte und ruhig und nüchtern über sie urteilte: dieses Wesen, dem er alles, aber auch alles verzieh (das stand für ihn einfach außer Frage, ja eher kam es bei ihm noch umgekehrt heraus: daß er vor ihr ganz allein der Schuldige war), nun stand diese Frau, diese Marja Schatowa plötzlich wieder vor ihm, er sah sie wieder in seiner Wohnung ... es war fast unmöglich, das zu fassen! So überrascht war er, und es lag für ihn in diesem Ereignis so viel von etwas unsagbar Furchtbarem, und doch zu gleicher Zeit so viel Glück, daß er gar nicht recht zur Besinnung kommen konnte, vielleicht aber auch gar nicht wollte. Er ging und stand wie im Traum, und erst, als sie ihn mit diesem gequälten Blick ansah, da begriff er plötzlich, daß dieses einzige geliebte Geschöpf unsäglich gelitten haben mußte. Bei diesem Gedanken setzte sein Herzschlag aus. Voll Schmerz und Mitleid sah er sie an: in diesem müden Frauengesicht war der Glanz der ersten Jugend schon erloschen. Sie war gewiß immer noch schön – in seinen Augen immer noch wie früher eine Schönheit. (In Wirklichkeit war sie fünfundzwanzig Jahre alt, ziemlich stark gebaut, über mittelgroß – größer als Schatoff –, mit braunem, prachtvollem Haar, schmalem, bleichem Gesicht und großen dunklen Augen, in denen jetzt ein fiebriger Glanz lag.) Aber die leichtsinnige, naive und gutmütige frühere Energie, die ihr großer Zauber gewesen war, hatte sich in diesen drei Jahren in mürrische Reizbarkeit, Enttäuschung und fast in Zynismus verwandelt, in einen Zynismus, an den sie sich freilich noch nicht gewöhnt zu haben schien und der sie selbst sogar quälen mochte. Doch Schatoff sah vor allem, daß sie krank war. Und trotz all seiner Angst vor ihr, trat er plötzlich zu ihr und erfaßte ihre beiden Hände:

„Marie ... weißt du ... du bist vielleicht sehr müde, um Gottes willen, sei nicht böse ... Wenn du einwilligen wolltest, zum Beispiel, ein wenig Tee zu trinken, wie? Tee erfrischt doch sehr, nicht? Wenn du nur wolltest –?“

„Was ist hier zu wollen? Natürlich will ich! was Sie noch immer noch für ein Kind sind! Wenn Sie Tee haben, so geben Sie ihn. Wie eng es bei Ihnen ist! Wie kalt es hier ist!“

„Oh, ich werde sofort Holz ... ja, Holz ... Holz habe ich!“ Schatoff ging hin und her, „– Holz – ja, aber ... das heißt ... übrigens auch Tee, sofort!“ Und plötzlich, wie nach einem harten Entschluß, schlug er mit der Hand und ergriff seine Mütze.

„Wohin gehen Sie denn? Also haben Sie keinen Tee?“