„Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde abseits von ihnen vorübergehen und sie werden mich gar nicht bemerken,“ sagte Schigaleff in eindringlichem Flüsterton.

Und er ging ohne Hast und ohne den Schritt zu beschleunigen, tatsächlich durch den dunklen Park nach Haus.

Heute ist es bis in die kleinsten Einzelheiten bekannt, wie diese schreckliche Tat geschah. Zuerst trat Liputin Erkel und Schatoff ein paar Schritte von der Grotte entgegen. Schatoff grüßte ihn nicht und gab ihm auch nicht die Hand, sondern sagte sofort eilig und laut:

„Wo ist denn hier die Anhöhe? Haben Sie nicht noch eine Laterne? Fürchten Sie sich nicht, hier ist so gut wie kein Mensch in der Nähe, wir könnten selbst mit Kanonen schießen, in Skworeschniki würde es doch niemand hören. Das ist übrigens hier, genau hier, genau auf dieser Stelle ...“

Und er stieß mit dem Fuß auf die Erde – es war gerade zehn Schritt von der hinteren Ecke der Grotte zum Walde hin. In diesem Augenblick stürzte sich, hinter einem Baum hervorlaufend, Tolkatschenko auf ihn, während Erkel ihn hinterrücks an den Ellenbogen packte und Liputin sich von vorne auf ihn warf. Die drei schlugen ihn sofort zu Boden und drückten ihn an die Erde. Da erst lief Pjotr Stepanowitsch mit dem Revolver herbei. Man sagt, Schatoff habe gerade noch Zeit gehabt, seinen Kopf zu ihm zu wenden und ihn zu erkennen. Drei Laternen erhellten die Szene. Schatoff stieß plötzlich einen kurzen und verzweifelten Schrei aus; doch man ließ ihm keine Zeit zum Schreien: Pjotr Stepanowitsch setzte ihm genau und sicher den Revolver mitten auf die Stirn, fest und senkrecht, und – drückte den Hahn ab. Der Schuß war, glaube ich, nicht sehr laut, wenigstens hat ihn in Skworeschniki niemand gehört. Gehört hat ihn natürlich Schigaleff, der erst einige dreißig Schritte gegangen war – gehört hatte er auch den Schrei, doch hat er sich nach seiner eigenen Aussage weder umgewandt, noch war er stehen geblieben. Der Tod trat fast augenblicklich ein. Die volle Geistesgegenwart – doch Kaltblütigkeit wohl kaum – behielt nur Pjotr Stepanowitsch. Er hockte sich hin und durchsuchte eilig, doch mit fester Hand, die Taschen des Toten. Geld fand sich nicht in ihnen (Marja Ignatjewnas Beutelchen war unter ihrem Kissen geblieben); nur ein paar nichtssagende Zettelchen zog er hervor: einen Kontorzettel, ein Notizblatt mit dem Titel irgendeines Buches und eine alte ausländische Gasthausrechnung, die sich weiß Gott auf welche Weise zwei Jahre in Schatoffs Tasche erhalten hatte. Die Papiere steckte Pjotr Stepanowitsch zu sich, und als er plötzlich bemerkte, daß alle die Leiche umstanden, sie ansahen und nichts taten, begann er wütend und unhöflich zu schimpfen und sie anzutreiben. Tolkatschenko und Erkel liefen sogleich, sich nun wieder besinnend, in die Grotte und brachten zwei Steine, jeder an zwanzig Pfund schwer, die sie schon am Morgen vorbereitet, das heißt, fest mit Schnüren umbunden hatten. Da man verabredet hatte, die Leiche in den nächsten, den dritten Teich zu versenken, so mußten ihr diese Steine an den Hals und die Beine gebunden werden. Pjotr Stepanowitsch band sie an: Erkel und Tolkatschenko reichten sie ihm nur hin. Erkel gab ihm seinen Stein zuerst, und während Pjotr Stepanowitsch ihn murrend und schimpfend an die Füße der Leiche band, hielt Tolkatschenko seinen schweren Stein diese ganze ziemlich lange Zeit über senkrecht an den Schnüren in der Luft, wobei er sich stark und fast wie ehrerbietig mit dem ganzen Oberkörper nach vorne beugte, um ihn ohne Zeitverlust sofort hinreichen zu können, und verfiel kein einziges Mal darauf, die schwere Last inzwischen auf die Erde zu stellen. Als dann endlich beide Steine angebunden waren und Pjotr Stepanowitsch sich erhob, um zunächst seinen Blick prüfend über die Gesichter der Anwesenden zu führen – da geschah plötzlich etwas ganz Sonderbares, etwas, das niemand erwartet hatte und das alle nicht wenig in Erstaunen setzte.

Wie schon erwähnt, standen fast alle und taten nichts. Wirginski war, als die anderen sich auf Schatoff gestürzt hatten, wohl auch hinzugelaufen, doch hatte er weder geholfen, ihn zu halten, noch ihn überhaupt angerührt. Lämschin aber war erst nach dem Schuß unter den anderen aufgetaucht. Während der ganzen, vielleicht zehn Minuten währenden Untersuchung der Taschen und Anbindung der Steine hatten sie dann alle gleichsam einen Teil ihres Bewußtseins verloren. Sie standen um Pjotr Stepanowitsch herum und empfanden, statt Unruhe oder Erregung, zunächst nur so etwas wie Verwunderung. Liputin stand ganz vorn neben der Leiche. Wirginski, der sich hinter ihn gestellt hatte, sah über Liputins Schulter mit einer sonderbaren und gewissermaßen nebensächlichen Neugier auf die Leiche; ja er hob sich sogar auf die Fußspitzen, um besser sehen zu können. Lämschin aber versteckte sich hinter Wirginski und blickte nur zuweilen furchtsam hinter diesem hervor, worauf er sich dann sofort wieder versteckte. Als nun die Steine angebunden waren und Pjotr Stepanowitsch sich erhob, begann Wirginski auf einmal zu zittern, und plötzlich – warf er die Arme hoch und rief traurig mit lauter Stimme:

„Das ist doch nicht das! nicht das! Nein, das ist doch gar nicht das!“

Er hätte vielleicht noch etwas hinzugefügt zu seinem verspäteten Ausruf, aber Lämschin ließ ihm keine Zeit dazu: plötzlich packte er ihn hinterrücks und quetschte ihn mit aller Gewalt und schrie dabei ein ganz unmögliches Geschrei. Es gibt Augenblicke eines starken Schreckens, in denen der Mensch plötzlich wie nicht mit seiner eigenen Stimme aufschreit, sondern mit einer, die man nie an ihm gehört hat und deren Vorhandensein in ihm man nie für möglich gehalten hätte, und das kann manchmal sogar recht unheimlich sein. Lämschin schrie nicht mit einer menschlichen, sondern mit einer gleichsam tierischen Stimme. Dabei preßte er Wirginski krampfhaft von hinten zusammen, schrie ohne Unterlaß, schrie ohne Atem zu schöpfen, schrie immer ein und denselben Ton, während ihm die Augen fast hervorquollen und der Mund unheimlich weit aufgerissen blieb; mit den Beinen aber strampelte er so zitterschnell, als ob er mit ihnen einen Trommelwirbel auf der Erde schlagen wollte. Wirginski erschrak dermaßen, daß er selbst sofort wie ein Wahnsinniger losschrie und sich in einer so grimmigen Wut, wie man sie von Wirginski nie im Leben erwartet hätte, aus Lämschins Krallen zu befreien suchte, auf ihn, den er nur schwer fassen konnte, mit den Fäusten nach hinten losschlug, ihn kniff und kratzte. Endlich gelang es Erkel, Lämschin von ihm loszureißen. Doch kaum war Wirginski entsetzt gleich auf zehn Schritt von ihm fortgelaufen, da stürzte sich Lämschin, der nun Pjotr Stepanowitsch erblickte, plötzlich mit neuem Geschrei auf diesen, stolperte jedoch über die vor seinen Füßen liegende Leiche und riß Pjotr Stepanowitsch im Fall mit sich zu Boden. Er umkrallte ihn aber so fest und drückte seinen Kopf so krampfhaft an dessen Brust, daß weder Pjotr Stepanowitsch selbst, noch Tolkatschenko, noch Liputin ihn im ersten Augenblick losreißen konnten. Pjotr Stepanowitsch schrie, schimpfte, schlug ihn mit den Fäusten auf den Kopf, bis es ihm endlich gelang, sich irgendwie zu befreien; im Augenblick riß er seinen Revolver hervor – doch Lämschin, den die anderen an den Armen hielten, fuhr fort zu schreien, trotz des auf ihn zielenden Revolvers, er schrie, schrie wie besessen! Bis schließlich Erkel, der schnell sein Taschentuch zusammengerollt hatte, ihm dieses gewandt in den aufgesperrten Mund steckte, so daß der Schrei dann ganz von selbst plötzlich abbrach. Tolkatschenko band ihm sofort mit einem Stück der übrig gebliebenen Schnur die Hände auf dem Rücken zusammen.

„Das ist sehr sonderbar,“ sagte Pjotr Stepanowitsch und betrachtete in beunruhigter Verwunderung den Verrückten.

Er war sichtlich betroffen.