„Ich hatte ihn ganz anders eingeschätzt,“ fügte er nachdenklich hinzu.

Vorläufig übergab man ihn Erkel, denn man mußte sich mit der Fortschaffung der Leiche beeilen: es war so viel geschrien worden, daß es doch jemand gehört haben konnte. Tolkatschenko und Pjotr Stepanowitsch nahmen die Laternen und hoben den Kopf des Toten, Liputin und Wirginski faßten ihn an den Füßen, und so wurde er dann getragen. Mit den beiden Steinen war die Last sehr schwer, die Entfernung aber betrug über zweihundert Schritte. Der Stärkste von ihnen war Tolkatschenko. Er gab wohl den Rat, gleichmäßig zu gehen, doch niemand hörte auf ihn, und so ging man denn, wie es gerade kam. Pjotr Stepanowitsch ging rechts und trug, ganz niedergebeugt, auf seiner Schulter den Kopf des Toten, wobei er noch mit der linken Hand den Stein von unten hielt. Da Tolkatschenko während der ganzen ersten Hälfte des Weges nicht darauf verfiel, den Stein gleichfalls zu stützen, so schrie ihn Pjotr Stepanowitsch schließlich fluchend an. Der Schrei war kurz und seltsam in der Stille: schweigend trugen sie weiter, bis plötzlich, schon dicht am Teich, wieder Wirginski, der unter der Last ganz gebeugt ging und wie erschöpft von ihrer Schwere, mit derselben lauten und weinenden Stimme ausrief:

„Das ist nicht das, nein, nein, das ist gar nicht das!“

Die Stelle, wo dieser dritte, ziemlich große Teich aufhört, zu dem man den Toten trug, war die einsamste und abgelegenste des ganzen Parks. Der Teich ist dort am Ufer vergrast. Sie stellten die Laternen nieder, schwenkten die Leiche hin und her und warfen sie ins Wasser. Ein dumpf-hohler Laut erscholl und klang lange nach. Pjotr Stepanowitsch erhob die Laterne und alle reckten neugierig die Hälse, um zu sehen, wie der Körper versank, aber es war schon nichts mehr zu sehen: die Leiche mit den beiden Steinen war sogleich versunken. Die dicken Wellenringe, die sich über die Fläche des Teiches ausbreiteten, vergingen schnell. Die Tat war vollbracht.

„Meine Herren,“ wandte sich Pjotr Stepanowitsch an alle, „jetzt gehen wir auseinander. Zweifellos müssen Sie nunmehr jenen Stolz empfinden, der mit der Erfüllung einer freien Pflicht verknüpft ist. Sollten Sie vielleicht bedauerlicherweise für solche Gefühle zu erregt sein, so werden Sie sie zweifellos morgen empfinden, wenn es schon eine Schande wäre, sie nicht zu empfinden. Die unverzeihliche Erregung Lämschins will ich als eine Art Fieberdelirium auffassen, zumal er ja tatsächlich seit dem Morgen krank sein soll. Ihnen aber, Wirginski, wird schon der erste Augenblick freien Nachdenkens beweisen, daß man im Interesse der allgemeinen Sache unmöglich auf ein Ehrenwort eingehen konnte, sondern einzig und allein so handeln mußte, wie wir es getan haben. Die Zukunft wird Ihnen zeigen, daß Schatoffs Anzeige schon fertig war. Ich bin bereit, auch Ihre Ausrufe zu vergessen. Eine Gefahr für uns ist nicht vorhanden. Es wird niemandem einfallen, irgendeinen von Ihnen zu verdächtigen, vorausgesetzt natürlich, daß Sie sich zu benehmen wissen. So hängt denn die Hauptsache ganz von Ihnen ab und von Ihrer Überzeugung, richtig gehandelt zu haben, – eine Überzeugung, die, wie ich hoffe, sich schon morgen in Ihnen befestigen wird. Darum haben Sie sich ja auch – unter anderem – zu einer geschlossenen Organisation, zu einer freien Gesellschaft Gleichdenkender zusammengetan, um für die allgemeine Sache im gegebenen Moment die Energie miteinander zu teilen, und, wenn es nötig ist, einer den anderen zu beobachten und immer auf dem Posten zu sein. Jeder von Ihnen ist zu einer höheren Rechenschaft verpflichtet. Sie sind berufen, ein altersschwaches und im Stillstand langsam zu stinken anfangendes Reich zu erneuern. Das sollen Sie stets zu Ihrer Aufmunterung vor Augen haben! Ihre ganze Aufgabe besteht vorläufig nur darin, darauf hinzuwirken, daß alles zusammenstürzt: das Reich wie seine Moral. Übrigbleiben werden nur wir, die wir uns schon dazu vorausbestimmt und vorbereitet haben, die Macht in unsere Hände zu nehmen. Die Klugen ziehen wir zu uns herüber, und auf den Dummen reiten wir. Im übrigen muß man die Generation neu erziehen, um sie der Freiheit würdig zu machen. Noch viele Tausend Schatoffs stehen uns bevor. Wir organisieren uns, um die ganze Richtung in die Hand zu bekommen, da wäre es dumm, alles, was müßig daliegt und das Maul aufsperrt, nicht mitzunehmen. Ich begebe mich jetzt sofort zu Kirilloff und zum Morgen hin werde ich von ihm besagtes Dokument erhalten, in dem er vor dem Tode alles auf sich nimmt. Nichts kann wahrscheinlicher sein, als diese Kombination. Erstens stand er mit Schatoff auf feindschaftlichem Fuße: sie haben zusammen in Amerika gelebt, also haben sie Zeit gehabt, sich zu überwerfen. Man weiß, daß Schatoff seine Überzeugungen geändert hat; folglich ist ihre Feindschaft wegen dieser Überzeugungen entstanden. Hinzu käme noch die Furcht vor einer Denunziation. Das wird auch alles so geschrieben werden. Zum Schluß wird noch erwähnt, daß Fedjka in Kirilloffs Wohnung geschlafen hat. Das alles wird jeden Verdacht von Ihnen entfernen, denn es wird die Schafsköpfe in eine ganz andere Richtung treiben. Morgen, meine Herren, werden wir uns nicht sehen: ich muß auf ganz kurze Zeit in den nächsten Kreis fahren. Aber übermorgen werden Sie meine Mitteilungen erhalten. Ich würde Ihnen eigentlich raten, morgen zu Hause zu bleiben. Jetzt aber gehen wir alle je zwei zusammen auf verschiedenen Wegen zurück. Sie, Tolkatschenko, bitte ich, sich Lämschins anzunehmen und ihn nach Hause zu bringen. Sie können ihm alles auseinandersetzen und vor allen Dingen erklären, daß er mit seinem Kleinmut in erster Linie sich selbst schadet. Ihrem Schwager, Schigaleff, Herr Wirginski, ganz wie auch Ihnen, will ich nicht mißtrauen. Er wird nicht denunzieren. Es bleibt nur seine Handlung zu bedauern. Übrigens hat er ja noch nicht gesagt, daß er aus dem Verbande austreten will. Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen. Doch jetzt schnell, meine Herren; wenn jene auch Schafsköpfe sind, so kann doch Vorsicht immerhin nicht schaden ...“

Wirginski ging mit Erkel in die Stadt zurück. Letzterer trat noch, bevor er Lämschin Tolkatschenko überließ, mit diesem zu Pjotr Stepanowitsch und sagte, daß Lämschin sich besonnen habe, bereue, um Verzeihung bitte und sogar selbst nicht mehr wisse, was eigentlich vorhin mit ihm geschehen war. Pjotr Stepanowitsch ging allein fort: er wählte den längsten Weg, an der anderen Seite der Teiche, am Rande des Parkes entlang. Zu seiner Verwunderung holte ihn, als er schon die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, plötzlich Liputin atemlos ein.

„Pjotr Stepanowitsch, aber Lämschin wird doch denunzieren!“

„Nein, er wird zur Besinnung kommen und sich sagen, daß er dann als erster nach Sibirien ginge. Jetzt wird niemand mehr denunzieren. Auch Sie nicht.“

„Aber Sie?“

„Zweifellos werde ich Sie alle verschwinden lassen, sobald Sie sich nur einfallen ließen, etwas verraten zu wollen, und das wissen Sie. Aber Sie werden nicht denunzieren. Sind Sie mir deshalb zwei Werst nachgelaufen?“