„Da ist er ja! Stepan Trophimowitsch, das sind doch Sie? Sie?“ ertönte plötzlich eine frische und mutwillige junge Stimme, die mir wie Musik klang.
Noch sahen wir niemanden, als plötzlich eine Reiterin neben uns hielt. Es war Lisaweta Nicolajewna, gefolgt von ihrem tagtäglichen Begleiter. Sie zügelte das Pferd.
„Kommen Sie, kommen Sie doch schneller!“ rief sie laut und lustig. „Ich habe ihn zwölf Jahre lang nicht gesehen und gleich erkannt. Er aber ... Erkennen Sie mich wirklich nicht?“
Stepan Trophimowitsch ergriff ihre Hand. Er sah sie an, als hätte er ein Gebet zu ihr auf den Lippen, und konnte doch kein Wort hervorbringen.
„Er hat mich erkannt und freut sich! Mawrikij Nicolajewitsch, er scheint entzückt zu sein, daß er mich wiedersieht! Warum sind Sie denn in diesen ganzen zwei Wochen nicht zu uns gekommen? Tante beteuerte, Sie seien krank und man dürfe Sie nicht aufregen, aber ich weiß doch, das hat sie nur gelogen. Ich habe mit den Füßen gestampft und auf Sie gescholten, aber ich wollte unbedingt, unbedingt, daß Sie, von selbst, als Erster zu uns kämen, und darum habe ich nicht nach Ihnen geschickt. Gott, er hat sich ja nicht ein bißchen verändert!“ und sie beugte sich im Sattel nach vorn, um ihn genauer betrachten zu können. – „Es ist ja ganz lächerlich, wie wenig er sich verändert hat! Ach, doch, es sind doch kleine Fältchen an den Augen, viele Fältchen, und auf den Wangen ... und graue Haare – aber die Augen sind noch ganz dieselben! Ganz! Und ich? Habe ich mich verändert? Ja? Aber warum schweigen Sie noch immer?“
Ich erinnerte mich in dem Augenblick, daß man mir erzählt hatte, sie sei fast erkrankt, als man sie, elfjährig, nach Petersburg brachte, und daß sie während der Krankheit geweint und immer nach Stepan Trophimowitsch verlangt habe.
„Sie ... ich ...“ stotterte er mit vor Freude unsicherer Stimme. „Soeben rief ich noch aus: wer wird mich trösten? und da erklang Ihre Stimme ... Ich halte das für ein Zeichen et je commence à croire.“[49]
„En Dieu? En Dieu, qui est là haut et qui est si grand et si bon?[50] Sehen Sie mal, ich kenne Ihre Lektionen noch auswendig. Mawrikij Nicolajewitsch, welch einen Glauben er mir damals beibrachte en Dieu, qui est si grand et si bon! Und erinnern Sie sich noch Ihrer Erzählungen von Kolumbus, und wie er Amerika entdeckte, und wie sie da alle ‚Land, Land!‘ geschrieen haben!? Meine Kinderfrau Aljona Frolowna sagte mir, daß ich noch nachher im Traume ‚Land! Land!‘ gerufen habe. Und wissen Sie noch, wie Sie mir die Geschichte des Prinzen Hamlet erzählt haben? Und wie Sie mir den Transport der armen Auswanderer von Europa nach Amerika beschrieben haben? Das war ja alles gar nicht wahr, später habe ich erfahren, wie man sie hinübertransportiert hat. Aber wie er mir damals alles so viel schöner vorgelogen hat! Mawrikij Nicolajewitsch, viel schöner und besser, als es in Wirklichkeit ist! Warum sehen Sie Mawrikij Nicolajewitsch so an? Das ist der allerbeste und der allertreueste Mensch auf dem Erdball, und Sie müssen ihn unbedingt ebenso lieben wie ich! Il fait tout ce que je veux.[51] Aber, Liebling, Stepan Trophimowitsch, Sie müssen wohl wieder unglücklich sein, wenn Sie mitten auf der Straße ausrufen: wer wird mich trösten? Also wieder einmal unglücklich, ja?“
„Jetzt bin ich glücklich – –“
„Tante kränkt Sie?“ fuhr sie fort, ohne seine Worte zu beachten. „Immer diese böse, ungerechte, unsere unschätzbare, teure, böse Tante! Ach, wissen Sie noch, wie Sie im Garten in meine Arme flogen und ich Sie tröstete und dann selber mit Ihnen weinte? Aber so fürchten Sie sich doch nicht vor Mawrikij Nicolajewitsch, er weiß alles, alles von Ihnen. Sie können an seiner Schulter weinen, so lange Sie wollen, und er wird stehen so lange wie Sie wollen. Schieben Sie Ihren Hut zurück, nein, nehmen Sie ihn ganz ab, auf einen Augenblick nur, heben Sie sich auf die Fußspitzen, ich werde Sie gleich auf die Stirn küssen, so wie ich Sie das letzte Mal zum Abschied geküßt habe. Sehen Sie, diese Dame dort am Fenster freut sich über uns ... Näher, näher! Gott, wie er grau geworden ist!“