Und sie beugte sich im Sattel und küßte ihn auf die Stirn.

„Nun, und jetzt zu Ihnen nach Haus! Ich weiß, wo Sie wohnen. Ich werde gleich, in einer Minute, bei Ihnen sein. Sie Eigensinn, also werde ich Sie doch zuerst besuchen. Dann aber schleppe ich Sie auf den ganzen Tag zu mir. Gehen Sie jetzt und bereiten Sie sich vor, mich zu empfangen!“

Und sie ritt mit ihrem Kavalier davon. Wir aber kehrten nach Hause zurück. Stepan Trophimowitsch setzte sich auf den Diwan und weinte.

„Dieu, Dieu!“ rief er. „Enfin une minute de bonheur!“[52]

Nach zehn Minuten erschien sie in Begleitung des jungen Mannes. Stepan Trophimowitsch ging ihr entgegen.

„Vous et le bonheur, vous arrivez en même temps!“[53]

„Hier haben Sie Blumen. Ich war bei der Blumenfrau. Wie Sie wissen, hat sie den ganzen Winter Bukette für Geburtstagskinder zum Verkauf. Hier stelle ich Ihnen also nochmals Mawrikij Nicolajewitsch vor, bitte sich mit ihm zu befreunden. Eigentlich wollte ich Ihnen eine Pastete statt der Blumen bringen, aber Mawrikij Nicolajewitsch behauptete, das sei nicht im russischen Stil.“

Dieser Mawrikij Nicolajewitsch war Hauptmann der Artillerie, etwa dreiunddreißig Jahre alt, hoch und schlank, von tadellosem Äußeren, mit Achtung gebietenden, auf den ersten Blick streng erscheinenden Zügen – trotz einer erstaunlichen und überaus taktvollen Güte, die man ihm sofort anmerkte, auch wenn man ihn gar nicht oder kaum kannte. Im übrigen war er schweigsam, schien kaltblütig zu sein und sehr zurückhaltend. Später sagten einige bei uns, er sei im Grunde beschränkt gewesen, aber das war entschieden ein falsches Urteil.

Die Schönheit Lisaweta Nicolajewnas zu beschreiben, will ich lieber nicht versuchen. Die ganze Stadt sprach ja schon von ihr, obwohl einige Damen fast vom Gegenteil überzeugt waren und sie beinahe häßlich fanden. Es gab aber auch solche, die Lisaweta Nicolajewna nicht nur um ihrer Schönheit willen haßten, sondern, und vor allen Dingen, wegen ihres Stolzes. Drosdoffs hatten es noch unterlassen, die üblichen Visiten zu machen – und das beleidigte natürlich jeden und alle, obgleich man in der Stadt sehr wohl wußte, daß der Grund dazu in Praskowja Iwanownas Unwohlsein lag. Sodann haßte man Lisa auch noch wegen ihrer Verwandtschaft mit der „Gouverneurin“, und drittens, weil sie täglich spazieren ritt, denn bis jetzt hatte es bei uns noch keine Amazonen gegeben. Zwar wußten alle sehr gut, daß die Ärzte ihr das Reiten verordnet hatten, aber das änderte nicht im geringsten das Urteil der Damen, sondern gab nur noch einen Anlaß, auch über ihre Kränklichkeit zu witzeln und zu spötteln. Lisa war in der Tat krank: schon auf den ersten Blick fiel einem ihre nervöse Unruhe auf. Wie sehr sie damals litt, das sollte sich freilich erst später aufklären. Wenn ich heute an sie zurückdenke und sie mir dabei vorstelle, kann ich sie übrigens nicht mehr so wunderschön finden, wie ich sie damals fand. Vielleicht war sie sogar ausgesprochen häßlich. Sie war hoch von Wuchs, schlank, biegsam und kräftig. Doch frappierte das Gesicht beinahe durch die Unregelmäßigkeit der Züge. Es war dabei bleich, mit ziemlich starken Backenknochen, hager, und die Augen waren ein wenig schräg gestellt, waren geschlitzt wie bei den Kalmücken. Aber es lag etwas in diesem Gesicht, das einen unwiderstehlich anzog. Irgendeine Macht ruhte in dem brennenden Blick ihrer dunklen Augen. Stolz und zuweilen sogar vermessen: so wirkte sie und erschien wie eine Siegerin, die nicht anders konnte, als besiegen. Ihr war es nicht gegeben, gut zu sein, aber sie kämpfte darum, es dennoch zu sein. Es waren viele edle Triebe in dieser Natur und eine Menge großer Ansätze, aber alles das suchte in ihr nach einem Ausgleich und konnte ihn nicht finden: alles in ihr war Chaos, Unruhe und Aufregung. Vielleicht stellte sie auch gar zu große Anforderungen an sich selbst und fand dabei niemals die Kraft in sich, diese Anforderungen zu befriedigen.

Sie setzte sich auf den Diwan und betrachtete das Zimmer.