„Warum werde ich in solchen Minuten immer traurig? Können Sie mir das nicht erklären, Sie gelehrter Mensch? Ich habe immer gedacht, daß ich weiß Gott wie froh sein würde, wenn ich Sie wiedersähe und mit Ihnen über all das Gewesene sprechen könnte ... und nun bin ich fast – gar nicht froh, obgleich ich Sie doch lieb habe ... Ach Gott, mein Bild hängt hier bei Ihnen! Geben Sie es her, schnell, ich weiß, ich erinnere mich ...“
Vor neun Jahren hatten Drosdoffs Stepan Trophimowitsch aus Petersburg ein Aquarellbildchen der kleinen zwölfjährigen Lisa zugeschickt und seit der Zeit hing es bei ihm an der Wand.
„War ich wirklich ein so nettes Kind? Ist das wirklich mein Gesicht?“
Sie stand auf und trat mit dem Bildchen in der Hand vor den Spiegel.
„Nehmen Sie es schnell, schnell!“ rief sie aus und gab das Bildchen zurück. „Hängen Sie es jetzt nicht auf, später, später, ich will es nicht sehen.“ Sie ließ sich wieder auf den Diwan nieder. „Das eine Leben verging und es begann ein anderes, und das andere verging und es begann ein drittes, und so geht es fort. Die Enden aber sind immer wie mit der Schere abgeschnitten. Sehen Sie mal, von was für alten Sachen ich rede, und doch ist so viel Wahrheit darin!“
Sie sah mich lachend an. Schon einigemal hatte sie mich betrachtet, aber Stepan Trophimowitsch kam in seiner Aufregung gar nicht darauf, mich ihr vorzustellen.
„Aber warum hängt mein Bild unter Säbeln? Und warum haben Sie hier überhaupt so viele Säbel und Dolche?“
Ich weiß nicht, warum bei Stepan Trophimowitsch an der Wand zwei Yatagane hingen und über ihnen ein echter Tscherkessendolch.
Als sie die Frage stellte, sah sie mich wieder an, so daß ich schon antworten wollte. Da kam Stepan Trophimowitsch endlich darauf, mich vorzustellen.
„Ich weiß, ich weiß,“ sagte sie – „es freut mich sehr. Mama hat auch schon von Ihnen gehört. Und bitte, hier stelle ich Ihnen Mawrikij Nicolajewitsch vor, ein prachtvoller Mensch. Ich hatte mir von Ihnen eigentlich einen komischen Begriff gemacht. – Sie sind doch Stepan Trophimowitschs ‚Vertrauter‘?“