Pjotr Stepanowitsch wurde ein wenig nachdenklich.

„Nein, keiner wird denunzieren,“ murmelte er dann überzeugt vor sich hin, „aber die ‚Fünf‘ muß eine Gruppe bleiben und gehorchen, oder ich werde sie ... Es ist doch ein Lumpenzeug, wirklich, dieses Volk!“

II.

Werchowenski ging zuerst zu sich nach Hause und packte, ohne sich im geringsten zu beeilen, seinen Reisekoffer. Um sechs Uhr morgens ging der Schnellzug ab. Den „Unsrigen“ hatte er zwar gesagt, er werde nur auf kurze Zeit in die nächste Kreisstadt fahren, aber, wie es sich später herausstellen sollte, hatte er doch ganz andere Absichten. Als er mit dem Einpacken fertig war, bezahlte er seine Wirtin, die von ihm schon früher von seiner Abreise benachrichtigt worden war, und fuhr dann mit einer Droschke zu Erkel, der nicht weit vom Bahnhof wohnte. Und dann erst, nach ein Uhr nachts, begab er sich zu Kirilloff und benutzte wieder den geheimen Gang durch den Zaun.

Pjotr Stepanowitschs Stimmung war furchtbar. Außer verschiedenen anderen, für ihn sehr wichtigen Unannehmlichkeiten (er hatte noch immer nichts über Stawrogin erfahren können) soll er noch im Laufe des Tages von irgendwoher (am wahrscheinlichsten wohl aus Petersburg) eine geheime Mitteilung erhalten haben, nach der ihm schon in nächster Zeit eine gewisse Gefahr drohte.

Natürlich erzählt man sich jetzt bei uns viele Geschichten und Einzelheiten über diese ganze Zeit, doch wieviel mag davon wahr sein? Das Nähere werden wohl nur die wissen, die sich von Amts wegen mit der ganzen Angelegenheit haben beschäftigen müssen. Ich für mein Teil nehme denn auch nur nach meinen eigenen Erwägungen an, daß Pjotr Stepanowitsch außer in unserer Stadt noch andere Verbindungen hat haben können, und in dem Fall ist es allerdings sehr leicht möglich, daß man ihm jetzt auf der Spur war. Ja, ich bin sogar trotz des zynischen und schrecklichen Zweifels selbst in Liputin fest überzeugt, daß Pjotr Stepanowitsch noch zwei, drei andere „Fünfer“-Gruppen gegründet hatte, und daß er in allen größeren Städten, wenn auch vielleicht nicht durchweg „Fünfer“-Gruppen hatte, so doch geheime Verbindungen und Beziehungen zu allen möglichen Menschen unterhielt. Nicht später als drei Tage nach seiner Abreise erhielt unsere Stadtobrigkeit aus Petersburg denn auch tatsächlich den Befehl, ihn zu verhaften: für welche Vergehen, ob für die bei uns begangenen oder andere – das weiß ich nicht. Dieser Befehl traf hier gerade noch zur richtigen Zeit ein, um den unheimlichen Eindruck und die Angst verstärken zu helfen, die plötzlich unsere immer noch so leichtsinnige Gesellschaft samt Polizei und Verwaltung ergriffen hatte, als mit einem Male die geheimnisvolle und schwerwiegende Ermordung des Studenten Schatoff, sowie die rätselhaften Umstände, von denen sie begleitet war, bekannt wurden. Aber der Befehl selbst kam zu spät: Pjotr Stepanowitsch war schon unter fremdem Namen in Petersburg, von wo aus er dann schnell über die Grenze entwischte. – Doch ich greife vor.

Als Werchowenski bei Kirilloff eintrat, sah er böse und zanksüchtig aus: es war, als ob er Kirilloff außer der Hauptsache noch ganz persönlich etwas antun, sich an ihm für irgend etwas noch ganz besonders rächen wollte.

Kirilloff war über sein Erscheinen gleichsam erfreut; man sah, daß er schon furchtbar lange und in krankhafter Ungeduld auf ihn gewartet hatte. Sein Gesicht war bleicher als gewöhnlich, der Blick der dunklen Augen schwer und unbeweglich.

„Ich dachte, Sie kommen nicht,“ sagte er schwer von der Sofaecke aus, in der er übrigens sitzen blieb, statt seinem Gast entgegenzugehen.

Pjotr Stepanowitsch blieb vor ihm stehen und musterte zunächst, bevor er ein Wort sprach, prüfend Kirilloffs Gesicht.