Daß Kirilloff jetzt noch den Selbstmord begehen werde, daran glaubte Pjotr Stepanowitsch schon gar nicht mehr.
„Er stand offenbar und dachte,“ ging es ihm blitzartig durch den Kopf. „Dazu noch ein dunkles, unheimliches Zimmer ... Er brüllte auf und stürzte zur Tür – hier sind zwei Möglichkeiten: entweder störte ich ihn gerade in dem Augenblick, als er den Hahn abdrücken wollte, oder ... oder er stand und überlegte, wie er mich töten könnte. Ja, das wird’s gewesen sein, er überlegte ... Er weiß, daß ich nicht vorher fortgehe, als bis er tot ist, daß ich ihn töten werde, wenn er selbst dazu zu feige ist – also muß er mich zuerst töten, damit nicht ich ihn töte ... Und wieder, wieder bleibt dort alles still! ... Einfach gruselig: plötzlich macht er die Tür auf ... Die Schweinerei ist ja bloß, daß er an Gott noch mehr glaubt als ein Pope ... Wird sich nicht erschießen, um keinen Preis! Oh ... Solche, wie er, die mit ‚eigenem Verstande so weit kommen‘, vermehren sich ja jetzt ungeheuer. Lumpenpack! Teufel, das Licht, das Licht! In einer Viertelstunde ist es ausgebrannt, spätestens ... Muß Schluß machen, muß unbedingt, was es auch koste, Schluß machen ... Was, – totschlagen kann man ihn ja jetzt ... Nach diesem Papier kann niemand denken, daß ich ihn erschossen habe. Man kann ihn schon so auf die Diele legen und zurechtbiegen, mit abgeschossenem Revolver in der Hand, daß man unbedingt glauben muß, er selbst ... Teufel, aber wie ihn nur erschießen? Wenn ich aufmache, wird er sich wieder auf mich stürzen und noch vor mir abdrücken. Teufel, nein, er wird natürlich nicht treffen ... Immerhin ...“
So quälte er sich hin und her und ward immer unruhiger infolge der unumgänglichen Notwendigkeit der Tat einerseits und der eigenen Unentschlossenheit andererseits. Schließlich nahm er wieder den Leuchter und trat wieder leise zur Tür, wobei er den Revolver hob und den Hahn spannte, dann mit der linken Hand, in der er das Licht hielt, die Klinke zu öffnen versuchte – aber es gelang nicht: das Schloß kreischte nur und öffnete sich nicht. „Er wird sofort auf mich schießen!“ dachte Pjotr Stepanowitsch, riß die Tür auf und erhob Licht und Revolver ... Doch kein Schuß ertönte ... Auch kein Schrei ... Im Zimmer war kein Mensch.
Er fuhr zusammen. Einen anderen Ausgang hatte das Zimmer nicht, aus ihm zu entfliehen war unmöglich. Er hob das Licht noch höher und blickte noch aufmerksamer hinein: nein, kein Mensch. Halblaut rief er einmal Kirilloff und dann zum zweitenmal lauter, aber niemand antwortete.
„Sollte er aus dem Fenster gesprungen sein?“
Tatsächlich war das Luftfenster offen.
„Unsinn, durchs Luftfenster kann er doch nicht durch.“ Pjotr Stepanowitsch ging durch das ganze Zimmer zum Fenster. „Unmöglich konnte er hier durch!“ Plötzlich wandte er sich blitzschnell um und etwas Ungewöhnliches erschütterte ihn.
An der Wand, die dem Fenster gegenüber lag, stand links von der Tür ein Schrank. An der linken Seite dieses Schrankes aber, in der Ecke zwischen der anderen Wand und dem Schrank, stand Kirilloff und stand furchtbar sonderbar, – unbeweglich, stramm, die Hände militärisch an den Nähten, den Kopf erhoben und mit dem Rücken fest an die Wand gepreßt ... Allem Anscheine nach wollte er sich verstecken, aber das war wiederum nicht glaubhaft. Pjotr Stepanowitsch stand ein wenig schräg zu der Ecke und sah nur die hervortretenden Teile der Gestalt. Er konnte sich aber noch nicht entschließen, weiter nach links zu gehen und das Rätsel zu lösen. Sein Herz schlug laut. Und plötzlich erfaßte ihn eine rasende Wut: er riß sich von der Stelle, schrie auf und stürzte trampelnd zu der furchtbaren Stelle.
Doch wie er unmittelbar vor ihm stand, blieb er wie angewurzelt stehen, noch mehr von Entsetzen betäubt. Vor allem frappierte es ihn, daß die Gestalt sich trotz seines Schreies und wütenden Anlaufs nicht einmal bewegte, nicht einmal zuckte, auch nicht mit einem einzigen Gliede – ganz, als ob sie versteint oder aus Wachs gewesen wäre. Die Blässe des Gesichts war unnatürlich, die schwarzen Augen waren unbeweglich und sahen auf irgendeinen Punkt im leeren Raum. Pjotr Stepanowitsch führte das Licht von oben nach unten und wieder nach oben und sah aufmerksam dieses Gesicht an. Und plötzlich gewahrte er, daß Kirilloff, wenn er auch geradeaus in die Luft blickte, ihn doch seitlich sah und womöglich noch beobachtete. Da kam ihm der Gedanke, das Licht „diesem Schurken“ an das Gesicht zu legen, es anzubrennen, um zu sehen, was er dann tun werde. Plötzlich aber schien es ihm, daß Kirilloffs Kinn sich bewege und über die Lippen ein Spottlächeln flimmere – ganz als ob jener seinen Gedanken erraten hätte. Er erbebte und außer sich vor Wut packte er Kirilloff an der Schulter.
Da geschah aber etwas dermaßen Unglaubliches, und geschah so schnell, daß Pjotr Stepanowitsch sich später in seiner Erinnerung selbst nicht mehr zurechtfand. Kaum hatte er Kirilloff berührt, als dieser plötzlich seinen Kopf fallen ließ und ihm mit dem Kopf das Licht aus der Hand schlug. Der Leuchter fiel mit lautem Gepolter zu Boden, und das Licht erlosch. Im selben Augenblick noch fühlte er einen furchtbaren Schmerz im kleinen Finger seiner linken Hand. Er schrie auf, und später wußte er nur noch, daß er, außer sich, Kirilloff, der seinen Finger nicht aus den Zähnen ließ, dreimal mit dem Revolver auf den Kopf geschlagen hatte. Doch es gelang ihm endlich, den Finger herauszureißen. Und er stürzte fort, hinaus, so schnell er in der Dunkelheit nur konnte, aus dem Zimmer, aus der Wohnung. Ihm nach aber drangen die furchtbaren Schreie: