„Für fünf – für fünf – für fünf, un tout petit rien,“ bestätigte Stepan Trophimowitsch kopfnickend mit seligem Lächeln.
Bittet man einen einfachen Russen, etwas für einen zu tun, so wird er gern zu allem bereit sein, was in seinen Kräften steht; bittet man ihn aber, ein Schnäpschen für einen zu besorgen, so verwandelt sich die freundliche Bereitwilligkeit sofort in einen geschäftigen, freudigen Diensteifer, ja fast in verwandtschaftliche Fürsorge. Und wenn auch derjenige, der das Schnäpschen besorgt, genau weiß, daß man den Schnaps ganz allein trinken wird und er nicht einen Tropfen davon erhält, so scheint er doch gleichsam einen Teil des Genusses, den man beim Trinken haben wird, im voraus mitzuempfinden ... In kaum drei Minuten (die Schenke war nur ein paar Schritte vom Hause entfernt) stand vor Stepan Trophimowitsch eine Flasche und ein großes grünliches Schnapsglas.
„Und das alles ist für mich?“ fragte er höchst verwundert. „Ich habe immer Schnaps in meinem Weinschrank gehabt, aber ich habe nie gewußt, daß man soviel für nur fünf Kopeken bekommt.“
Er goß das Glas bis zum Rande voll, erhob sich und schritt mit einer gewissen Feierlichkeit durch die ganze Stube zu der anderen Ecke, wo seine Reisegefährtin saß, – das nette Weibchen, das ihm unterwegs mit den vielen Fragen so lästig geworden war. Das Weibchen wurde verlegen und sträubte sich, zu trinken, doch nachdem sie alles gesagt hatte, was der Anstand in solchen Fällen verlangt, erhob sie sich, nahm das Glas und trank ehrerbietig in drei Schlückchen (wie Frauen zu trinken pflegen) den Branntwein aus, worauf sie, das Gesicht zu einem schrecklichen Schmerzensausdruck ob des scharfen Weines verziehend, das Glas mit einer höflichen Verbeugung Stepan Trophimowitsch zurückreichte. Er erwiderte die Verbeugung würdevoll und kehrte mit geradezu stolzer Miene an seinen Tisch zurück.
Es war das alles von ihm aus auf Grund einer plötzlichen Eingebung geschehen: noch eine Sekunde vorher hatte er nicht gewußt, daß er hingehen und dem Weibchen das Glas Branntwein anbieten werde.
„Ich verstehe es tadellos, tadellos, mit dem Volk umzugehen, und das habe ich ihnen immer gesagt,“ dachte er selbstzufrieden, als er sich den Rest des Branntweins eingoß, der ihn, wenn auch kein volles Glas übriggeblieben war, doch belebend erwärmte und ihm sogar ein wenig zu Kopf stieg.
„Je suis malade tout à fait, mais ce n’est pas trop mauvais d’être malade.“[224]
„Wünschen Sie nicht eines davon zu kaufen?“ ertönte plötzlich eine leise Frauenstimme neben ihm.
Er sah auf und erblickte zu seiner Verwunderung eine Dame vor sich – une dame et elle en avait l’air[225] – eine Dame von mehr als dreißig Jahren, die sehr bescheiden aussah, städtisch gekleidet war und ein großes graues Tuch um die Schultern trug. In ihrem Gesicht lag etwas sehr Angenehmes, das Stepan Trophimowitsch sofort ungemein gefiel. Sie war erst vor ein paar Minuten ins Haus zurückgekehrt. Ihre Sachen lagen noch auf der Bank neben Stepan Trophimowitsch: unter anderem eine Ledertasche, die er – dessen erinnerte er sich plötzlich – bei seinem Eintritt neugierig betrachtet hatte, und ein nicht sehr großer Sack aus Wachstuch. Aus eben diesem Sack hatte sie jetzt zwei hübsch gebundene kleine Bücher genommen, die sie Stepan Trophimowitsch hinhielt.
„Eh ... mais je crois que c’est l’Evangile ...[226] Aber mit dem größten Vergnügen ... Ah, ich verstehe ... Vous êtes ce qu’on appelle une[227] Bibelverkäuferin? Ich habe, glaub ich, vor nicht allzu langer Zeit so etwas gelesen ... Fünfzig Kopeken?“