Stepan Trophimowitsch blickte geradezu vorwurfsvoll in das ungewöhnlich belebte Gesicht Ssofja Matwejewnas und machte mehrmals den Versuch, sie zu unterbrechen. Sie aber ließ sich nicht aufhalten und bekräftigte das Gesagte noch mit der Erzählung ihrer Erfahrungen, die sie im letzten Sommer auf der Durchreise mit einer adligen Dame hier gemacht hatte, – Erfahrungen, an die auch nur zurückzudenken für sie schon furchtbar war.
„Und nun haben Sie, Stepan Trophimowitsch, dieses Zimmer für sich ganz allein verlangt ... Ich sage es ja nur, um zu warnen ... Dort im anderen Zimmer sind schon viele Reisende, ein älterer Mann und ein jüngerer Mann und noch eine Frau mit Kindern, und bis morgen zwei Uhr wird das ganze Haus bis zum Dach voll sein, da das Dampfschiff morgen bestimmt kommen wird, weil es jetzt schon zwei Tage nicht mehr gekommen ist. Und so werden denn die Leute für das besondere Zimmer und dafür, daß Sie das Essen bestellt haben, so viel von Ihnen verlangen, daß es selbst in den Hauptstädten unerhört wäre ...“
Er aber litt, litt inzwischen aufrichtig.
„Assez, mon enfant, ich flehe Sie an, nous avons notre argent et après – et après le bon Dieu.[254] Es wundert mich nur, daß Sie mit Ihren hohen Auffassungen ... Assez, assez, vous me tourmentez,“[255] rief er nervös. „Vor uns liegt unsere ganze Zukunft, und Sie ... Sie wollen mir Angst machen vor der Zukunft ...“
Und er begann nun, ihr seine Lebensgeschichte zu erzählen, wobei er zu Anfang dermaßen schnell sprach, daß es schwer war, zu folgen. Die Geschichte war sehr lang. Man brachte schon die Fischsuppe, brachte das Huhn, brachte endlich auch den Samowar, er aber sprach immer noch ... Es kam zwar alles ein wenig seltsam, wie eine Fieberphantasie, heraus, aber – er war ja auch tatsächlich krank. Das war eine plötzliche krampfhafte Anspannung seiner Verstandeskräfte, die in kurzer Zeit – das sah Ssofja Matwejewna schon bekümmert voraus – unfehlbar ins Gegenteil umschlagen mußte.
Er begann mit seiner Kindheit, also mit der Zeit, als er noch „mit frischer Brust über grüne Wiesen lief“. Erst nach einer Stunde hatte er sich bis zu seinen beiden Ehen durchgearbeitet und dann begann die Erzählung des Berliner Lebens. Ich wage aber nicht, darüber zu spotten. Es lag für ihn tatsächlich etwas „Höheres“ darin, oder um einen Ausdruck unserer Zeit zu gebrauchen: eine Art Kampf ums Dasein. Er sah jetzt diejenige Frau vor sich, die er schon für sein zukünftiges Leben erwählt hatte, und er beeilte sich, sie in seine ganze Vergangenheit einzuweihen. Seine Genialität sollte für sie kein Geheimnis mehr bleiben ... Es ist wahrscheinlich, daß er Ssofja Matwejewnas Wert und Bedeutung vor sich selbst stark vergrößerte, aber das hatte weiter nichts auf sich, denn sie war jetzt schon seine Erwählte. Er konnte nun einmal nicht ohne Freundin auskommen auf der Welt ... Was machte es ihm da aus, daß er ihrem Gesicht ansah, wie wenig sie ihn verstand ...
„Ce n’est rien, nous attendrons,[256] und vorläufig wird sie mit dem Vorgefühl begreifen können ...,“ meinte er bei sich.
„Mein Freund, ich brauche ja von Ihnen einzig und allein Ihr Herz!“ rief er ihr, seine Erzählung unterbrechend, begeistert zu, „und jetzt dieser liebe, berückende Blick, mit dem Sie mir in die Augen sehen! Oh, erröten Sie nicht! Ich habe Ihnen doch schon gesagt ...“
Am schleierhaftesten aber erschien die Geschichte der armen Ssofja Matwejewna, als er eine ordentliche Rede über das Thema hielt: „wie ihn niemand je hat verstehen können“ und wie „bei uns in Rußland die Talente umkommen“. „Das war alles viel zu klug für mich,“ sagte sie uns später melancholisch. Sie hörte ihm dabei mit sichtlichem Mitgefühl zu, wobei sie die Augen nur ein wenig weiter aufriß. Als sich aber Stepan Trophimowitsch auf den Humor warf und die geistreichsten Witzchen über unsere „Führenden und Herrschenden“ lossprühen ließ, da verließ sie alles und jedes Verständnis und nur aus Mitgefühl mit dem Kranken versuchte sie noch zuweilen ein Lächeln zustande zu bringen, um wenigstens ein wenig auf seine Heiterkeit einzugehen, doch es gelang ihr so schlecht, daß Stepan Trophimowitsch schließlich selber ganz verwirrt davon abließ und mit noch größerer Wut und Bitterkeit auf die „Nihilisten“ und „neuen Menschen“ überging. Da aber wurde es ihr angst und bange zumut, und sie atmete erst wieder auf – leider nur viel zu früh –, als der eigentliche Roman begann. Eine Frau bleibt immer Frau und wenn sie auch Nonne ist: so lächelte sie denn, schüttelte mißbilligend den Kopf und errötete mit gesenkten Augen, wodurch sie Stepan Trophimowitsch dermaßen in Ekstase brachte, daß er noch vieles hinzudichtete. Warwara Petrowna erschien in seiner Erzählung als wunderschöne Brünette – „die Petersburg und noch viele europäische Hauptstädte entzückt hat“ – deren Mann „bei Sebastopol gefallen“ war und das einzig darum, weil er sich ihrer Liebe nicht für würdig und sich für verpflichtet gehalten hatte, sie demjenigen, den sie in Wirklichkeit liebte, das heißt also Stepan Trophimowitsch, abzutreten ...
„Oh, werden Sie nicht verlegen, meine Stille, meine Christin!“ rief er Ssofja Matwejewna zu, als er fast schon selbst daran glaubte, was er erzählte. „Das war etwas Höheres, etwas so Zartes, daß wir uns beide das ganze Leben lang nicht ausgesprochen haben!“