Als Grund einer solchen Lage der Dinge erschien darauf im weiteren Verlaufe der Erzählung eine schöne Blondine (wenn man darunter nicht Darja Pawlowna verstehen soll, so weiß ich wirklich nicht, wen Stepan Trophimowitsch damit gemeint haben könnte). Diese Blondine verdankte alles, was sie besaß, der Brünetten, die sie erzogen hatte und deren weitläufige Verwandte sie war. Die Brünette aber bemerkte bald die Liebe der Blonden zu Stepan Trophimowitsch und zog sich in sich selbst zurück. Die Blonde aber bemerkte gleichfalls die Liebe der Brünetten zu Stepan Trophimowitsch und zog sich auch in sich selbst zurück. Und so schwiegen sie denn alle drei, alle drei in sich selbst zurückgezogen, alle drei nichts als verkörperter Edelmut, und das währte dann zwanzig Jahre lang ...
„Oh, was war das doch für eine Liebe, was war das doch für eine Leidenschaft!“ rief er in aufrichtigster Begeisterung aufschluchzend aus. „Ich sah die volle Blüte ihrer Schönheit“ (der Brünetten), „sah sie mit wundem Herzen täglich an mir vorüberziehen, sie, die das stolze Haupt neigte, als schäme sie sich ihrer Schönheit!“ Einmal sagte er statt ihrer Schönheit: „ihrer Fülle“. Schließlich behauptete er, er sei jetzt erst aus diesem zwanzigjährigen Traume erwacht. – „Vingt ans![72] Und nun plötzlich auf der großen Landstraße ...“ Darauf folgte dann zum Schluß – wahrscheinlich in einem Augenblick noch größerer Benommenheit – die Erklärung dessen, was die heutige zufällige und doch so entscheidende Begegnung mit Ssofja Matwejewna für ihn wie für sie bedeutete.
Ssofja Matwejewna erhob sich in schrecklichster Verlegenheit vom Sofa. Und als er gar noch den Versuch machte, vor ihr auf die Knie zu fallen, da begann sie vor Schreck zu weinen.
Die Dämmerstunde neigte sich schon dem Abend zu: beide hatten sie bereits etliche Stunden in dem verschlossenen Zimmer verbracht ...
„Ach nein, lassen Sie mich jetzt schon lieber in das andere Zimmer,“ flüsterte sie erregt, „denn was werden sonst die Leute denken!“
Endlich gelang es ihr, sich frei zu machen; er aber versprach ihr folgsam, sich sofort ins Bett zu legen. Beim Abschied klagte er, daß er starke Kopfschmerzen habe. Ssofja Matwejewna hatte ihre Sachen im vorderen Zimmer gelassen, wo sie mit den anderen zusammen zu übernachten beabsichtigte; doch es sollte anders kommen.
In der Nacht geschah es nämlich, daß sich bei Stepan Trophimowitsch die mir und all seinen Freunden so wohlbekannte Cholerine einstellte, wie gewöhnlich nach nervösen Aufregungen. Die arme Ssofja Matwejewna kam also die ganze Nacht nicht zum schlafen. Da sie bei der Wartung des Kranken häufig durch das vordere Familienzimmer aus dem Hause gehen mußte, so störte sie die Schlafenden, die bald aufwachten und ungehalten wurden. Und als Ssofja Matwejewna zum Morgen hin gar den Samowar aufstellen wollte, da begannen sie auch noch zu schimpfen.
Stepan Trophimowitsch war so lange, wie die Cholerine andauerte, halb bewußtlos: zuweilen schien es ihm wie durch einen Nebel, daß man den Samowar aufstellte, daß man ihm ein Himbeergetränk zu trinken gab, daß man ihm mit irgend etwas den Magen und die Brust wärmte. Dabei fühlte er die ganze Zeit und empfand es jeden Augenblick, daß „Sie“ bei ihm war und für ihn sorgte, daß „Sie“ es war, die da kam und ging, die ihn zudeckte und wärmte! Um drei Uhr morgens wurde ihm ein wenig besser: er setzte sich auf, ließ die Beine über den Bettrand baumeln, und plötzlich, ohne sich dabei etwas zu denken, fiel er vor ihr auf die Knie. Dieser zweite Kniefall war nicht mehr so harmlos wie der erste: er fiel ihr einfach zu Füßen und küßte „den Saum ihres Kleides“ ...
„Um Gottes willen, ich bin das doch gar nicht wert,“ stammelte die Arme erschrocken und bemühte sich vergeblich, ihn wieder auf das Bett zu heben.
„Meine Retterin,“ hauchte er andächtig und faltete wie im Gebet die Hände. „Vous êtes noble comme une marquise![257] Ich – ich bin ein Nichtswürdiger! Oh, ich bin mein ganzes Leben lang ehrlos gewesen ...“