„Ach, beruhigen Sie sich doch, bitte!“ flehte Ssofja Matwejewna.
„Ich habe Ihnen vorhin alles vorgelogen, aus Ruhmsucht, zur Verschönerung, aus Eitelkeit, – alles, alles, bis aufs letzte Wort! Ich Nichtswürdiger, ich Nichtswürdiger!“
So ging denn der Anfall von Cholerine in einen Anfall hysterischer Selbstbeschuldigung über. (Ich habe ja schon früher von diesen Anfällen, bei Gelegenheit der Reuebriefe an Warwara Petrowna, gesprochen.) Plötzlich erinnerte er sich jetzt Lisas und der Begegnung mit ihr am Morgen.
„Das war so furchtbar,“ sagte er, „da war bestimmt ein Unglück geschehen, ich aber habe in meinem Egoismus nicht einmal gefragt, und nun weiß ich auch nichts! Ich habe nur an mich gedacht! Aber was war denn mit ihr geschehen, wissen Sie es nicht, was da geschehen ist?“ flehte er wieder Ssofja Matwejewna an.
Gleich darauf schwor er, daß er nicht „untreu“ werden könne und zu „Ihr“ – d. h. zu Warwara Petrowna – zurückkehren müsse.
„Wir werden jeden Tag zu ihrer Treppe gehen“ (das hieß nun wieder er mit Ssofja Matwejewna zusammen) „und wenn sie sich in ihre Equipage setzt, um ihre Morgenspazierfahrt zu machen, so werden wir still zusehen ... Oh, ich will, daß sie mich auch auf die andere Wange schlägt: mit Begeisterung will ich es! Ich werde ihr auch meine andere Wange hinhalten, comme dans votre livre![258] Jetzt habe ich ... ja, jetzt erst habe ich verstanden, was das heißt, seine andere Wange ... hinhalten. Ich habe das früher niemals verstehen können!“
Für Ssofja Matwejewna waren das die zwei furchtbarsten Tage ihres Lebens: noch heute denkt sie nicht anders als mit Schrecken an sie zurück. Stepan Trophimowitsch erkrankte so ernstlich, daß er am nächsten Tage unmöglich mit dem Dampfschiff, das diesmal pünktlich um zwei Uhr ankam, nach Spassoff weiterfahren konnte, sie aber wagte es nicht, ihn allein zu lassen, und so blieb sie denn in Ustjewo bei ihm. Nach ihren Worten soll er sich sogar sehr darüber gefreut haben, daß das Dampfschiff endlich fortgefahren war:
„Nun und wunderschön, so ist es sehr gut, sehr gut,“ murmelte er aus dem Bett heraus, „ich fürchtete schon die ganze Zeit, daß wir fortfahren müssen. Hier aber ist es sehr schön, hier ist es am besten ... Sie werden mich doch nicht verlassen? O nein, Sie verlassen mich nie mehr!“
Einstweilen war es aber „hier“ durchaus nicht so schön. Er wollte jedoch nichts von ihren Unannehmlichkeiten wissen. In seinem Kopf war jetzt nur Platz für eine Menge Phantasien. An seine Krankheit dachte er überhaupt nicht, denn er hielt sie ja nur für eine schnell vorübergehende Erkältung, und sprach die ganze Zeit davon, wie sie beide, wenn er erst wieder gesund sei, „diese kleinen Bücher“ verkaufen würden. Und plötzlich bat er sie, ihm aus dem Evangelium vorzulesen.
„Ich habe es lange nicht mehr gelesen ... im Original. Aber, nicht wahr, es könnte mich doch jemand beim Kauf eines dieser kleinen Bücher dies oder jenes fragen, und dann könnte ich mich irren ... Man muß sich doch immerhin etwas vorbereiten ...“