Sie setzte sich an sein Bett und schlug das Buch auf.
„Sie lesen vorzüglich,“ unterbrach er sie schon nach der ersten Zeile. „Ich sehe schon, ich sehe, daß ich mich nicht getäuscht habe!“ fügte er unklar, aber begeistert hinzu.
Und überhaupt war er die ganze Zeit in einem ununterbrochen begeisterten Zustande.
Sie begann ihm die Bergpredigt vorzulesen.
„Assez, assez, mon enfant,[259] genug ... Glauben Sie wirklich, daß das noch immer nicht genug ist?“
Und kraftlos schloß er die Augen. Er war sehr schwach, doch verlor er noch nicht die Besinnung. Da erhob sich denn Ssofja Matwejewna, da sie glaubte, daß er schlafen wolle. Aber siehe da – er war sofort wieder wach und hielt sie zurück.
„Mein Freund, ich habe mein Lebelang gelogen. Selbst dann, wenn ich die Wahrheit sprach. Ich habe nie um der Wahrheit willen gesprochen, sondern immer nur für mich, das habe ich auch früher schon gewußt, aber jetzt erst sehe ich es so recht ein ... Oh, wo sind diese Freunde, die ich mit meiner Freundschaft zeitlebens beleidigt habe?! Und sie alle, alle! Savez-vous,[260] ich glaube, ich lüge auch jetzt! Bestimmt lüge ich auch jetzt! Die Hauptsache ist, daß ich mir selbst glaube, wenn ich lüge! Am allerschwersten ist es im Leben, zu leben und nicht zu lügen ... und ... und den eigenen Lügen nicht zu glauben, ja, ja, gerade das! Aber warten Sie, das kommt alles später ... Wir werden zusammen, zusammen ...“ fügte er plötzlich enthusiastisch hinzu.
„Stepan Trophimowitsch,“ begann Ssofja Matwejewna zaghaft, „sollte man nicht in die Stadt nach einem Arzt schicken?“
Er war maßlos erstaunt.
„Warum? Est-ce que je suis si malade? Mais rien de sérieux.[261] Und wozu andere Menschen? Dann wird man es noch erfahren, daß ich hier bin, und – was wird dann sein? Nein, nein, keine fremden Menschen ... wir beide, wir beide!“