Ist klug und geistreich.[79]

Zweiter Anhang.
Bruchstück aus einem bisher unveröffentlichten Kapitel des Romans „Die Dämonen“[80]

I.

... Ungefähr um halb elf erreichte Stawrogin die hohe Pforte unseres Spasso-Jefimjeffschen Bogorodskischen Klosters, das außerhalb der Stadt am Fluß lag. Erst hier schien er wieder zu sich zu kommen und sich plötzlich einer Sache zu erinnern: er blieb stehen, befühlte hastig und erregt seine Seitentasche, und – ein Lächeln glitt über sein Gesicht. Nachdem er eingetreten war, erkundigte er sich bei einem kleinen Klosterdiener, den er hier erblickte, wie er zu dem im Kloster lebenden Bischof Tichon gelangen könnte. Der Kleine verneigte sich mehrmals untertänigst vor ihm und bat ihn höflich, ihm zu folgen; doch an der Treppe, die an dem einen Ende des langen zweistöckigen Klostergebäudes lag, machte ihm ein dicker, grauhaariger Mönch den Gast geschickt und wie mit vollstem Recht einfach abspenstig. Dieser führte nun Stawrogin durch einen langen, schmalen Korridor, verneigte sich gleichfalls fortwährend vor ihm oder eigentlich nickte er nur immer wieder mit dem Kopf, da ihm das Verbeugen bei seiner Korpulenz augenscheinlich schwer fiel, und forderte ihn ununterbrochen auf, ihm zu folgen, obgleich Stawrogin das ohnehin schon tat. Der Mönch stellte auch noch verschiedene Fragen an ihn und sprach vom Archimandriten, da er aber keine Antwort erhielt, verstummte er ehrerbietig. Stawrogin fiel es auf, daß man ihn im Kloster zu kennen schien, obgleich er doch, soweit er sich erinnern konnte, nur in der Kindheit hier gewesen war. Als sie bei der letzten Tür des Korridors angelangt waren, blieb der Mönch stehen und öffnete sie mit einer Miene, als ob er der Bischof selber wäre, erkundigte sich familiär bei dem flink herbeigelaufenen Zellendiener, ob man eintreten könne, stieß aber dann, ohne die Antwort abzuwarten, die Tür weit auf und ließ mit einer Verbeugung den „teuren“ Gast an sich vorüber. Nachdem er aber den klingenden „Dank“ empfangen hatte, verschwand er mit einer Geschwindigkeit, die man ihm gar nicht zugetraut hätte.

Stawrogin trat in das kleine Zimmer, und fast im selben Augenblick erschien in der Tür des Nebenzimmers eine hohe, hagere Gestalt: es war ein Mann von ungefähr fünfundfünfzig Jahren, in einem einfachen Leibrock, wie er unter dem Meßgewand getragen wird, ein Mensch, der dem Aussehen nach leidend war, ein sonderbar unbestimmtes Lächeln hatte und einen sonderbaren, gleichsam scheuen Blick. Das war jener Tichon, dessen Namen Stawrogin zum erstenmal von Schatoff gehört hatte.

Stawrogin hatte inzwischen Näheres über ihn zu erfahren gesucht, doch was er an Urteilen über ihn zu hören bekam, war sehr verschieden und sogar äußerst widerspruchsvoll gewesen. Trotzdem hatten selbst die entgegengesetztesten Aussagen etwas Gemeinsames gehabt, und zwar: sowohl die Anhänger wie die Gegner Tichons (und solche gab es) hatten alle gleichsam irgend etwas von ihm verschwiegen – die einen wahrscheinlich aus Geringschätzung oder Verachtung, die anderen, die Anhänger und sogar die leidenschaftlichsten, aus einer gewissen Scheu, als ob sie etwas von ihm hätten verheimlichen wollen, irgendeine seiner Schwächen, vielleicht sogar – eine gewisse Unzurechnungsfähigkeit. Stawrogin hatte erfahren, daß er schon seit sechs Jahren in unserem Kloster wohnte, und daß zu ihm nicht nur das einfache Volk pilgerte, sondern auch die angesehensten Persönlichkeiten fuhren, daß er sogar im fernen Petersburg leidenschaftliche Anhänger und vornehmlich Anhängerinnen hatte. Andererseits aber hatte er von einem würdevollen alten „Klubherrn“, und zwar einem gottesfürchtigen, gehört, daß „dieser Tichon“ so gut wie vollkommen verrückt oder wenigstens ein ganz unbegabter Mensch sei und „zweifellos mitunter trinke“. Hierzu möchte ich von mir aus bemerken, obgleich ich damit vorgreife, daß letzteres entschieden nicht der Wahrheit entsprach; er hatte nur kranke Füße – irgendein hartnäckiges rheumatisches Leiden – und von Zeit zu Zeit war er irgendwelchen nervösen Krämpfen oder Anfällen unterworfen. Ferner hatte Stawrogin gehört, daß der zurückgezogene Bischof – sei es aus Charakterschwäche oder aus einer „bei seinem Rang unverzeihlichen Nachlässigkeit“ – es nicht verstanden habe, im Kloster besondere Ehrfurcht für sich zu erwecken. Es hieß sogar, daß der Archimandrit, ein in seinen Amtspflichten sehr strenger Mann, der außerdem wegen seiner Gelehrsamkeit berühmt war, zu Tichon ein gewissermaßen feindliches Gefühl nähre und ihm – natürlich nicht offen, sondern nur mittelbar – unordentliches Leben und fast Ketzerei vorwerfe. Die Brüderschaft des Klosters verhielt sich zu dem Kranken, wenn auch nicht gerade nachlässig, so doch, sagen wir, familiär.

Die zwei Zimmer, aus denen die Zelle Tichons bestand, waren etwas sonderbar eingerichtet. Neben den klobigen alten Klostermöbeln, deren Lederbezug schon recht abgenutzt war, befanden sich daselbst drei oder vier elegante Gegenstände: ein teurer Lehnstuhl, ein prachtvoller großer Schreibtisch, ein teurer geschnitzter Bücherschrank, Tischchen und Etageren – lauter geschenkte Sachen; auf dem Fußboden ein kostbarer bucharischer Teppich und neben ihm eine einfache geflochtene Matte. An den Wänden hingen Gravüren mit mythologischen oder „weltlichen“ Darstellungen, in der Ecke aber war ein großer Heiligenschrank, dessen Heiligenbilder in Gold und Silber schimmerten. Eines von ihnen war sehr alt und enthielt Reliquien. Seine Bibliothek, hieß es, sollte gleichfalls sehr sonderbar zusammengesetzt sein: neben den Werken der großen Kirchenväter sollte sie Werke „der Theaterdichtkunst (!), vielleicht aber noch schlimmere“ enthalten.

Nach den ersten Begrüßungsworten, die aus einem ungewissen Grunde von beiden ein wenig befangen und sogar kaum verständlich ausgetauscht wurden, führte Tichon den Gast in sein Kabinett, wies ihm einen Platz neben dem Tisch auf dem Sofa an, und setzte sich selbst auf einen geflochtenen Lehnstuhl. Stawrogin war immer noch sehr zerstreut – er schien es von einer inneren, bedrückenden Erregung zu sein. Man hätte glauben können, daß er sich zu etwas Ungewöhnlichem entschlossen habe, das, einmal getan, nicht mehr rückgängig zu machen wäre, dessen Erfüllung aber seine Kraft doch zu übersteigen schien. Er blickte sich im Zimmer um, doch augenscheinlich ohne etwas zu bemerken; er dachte, doch wußte er natürlich selbst nicht, was. Die Stille weckte ihn schließlich und es schien ihm plötzlich, daß Tichon gleichsam verschämt die Augen zu Boden gesenkt hielt und daß ein ganz überflüssiges, unbeholfenes Lächeln um seine Lippen spielte. Das rief sofort Widerwillen in ihm hervor; er wollte schon aufstehen und weggehen, um so mehr, als Tichon seiner Meinung nach entschieden betrunken war. Da erhob aber Tichon plötzlich die Augen und sah ihn mit einem so festen, gedankendurchdrungenen Blick an und zu gleicher Zeit mit einem so unerwarteten und rätselhaften Ausdruck, daß er fast zusammenfuhr. Es schien ihm plötzlich aus irgendeinem Grunde, daß Tichon schon wisse, warum er zu ihm gekommen war, daß man ihn schon von seinem Besuch benachrichtigt habe (obgleich kein Mensch in der ganzen Welt diesen Grund seines Besuches wissen konnte), und wenn er nicht als erster zu sprechen anfing, dies nur deshalb nicht tat, weil er ihn schonen wollte, – vielleicht weil er fürchtete, ihn zu demütigen.

„Sie kennen mich?“ fragte Stawrogin schroff. „Habe ich mich Ihnen vorgestellt oder nicht, als ich eintrat? Ich bin so zerstreut ...“

„Sie haben sich nicht vorgestellt, aber ich habe Sie schon einmal vor vier Jahren gesehen, hier im Kloster ... zufällig.“