Und plötzlich erzählte er in kurzen, schroffen Worten – manches war nur schwer zu verstehen –, daß er besonders nachts so etwas wie Halluzinationen unterworfen sei, daß er zuweilen irgendein boshaftes, ein spöttisches und „vernünftiges“ Wesen neben sich sehe oder fühle, „in verschiedenen Gestalten und von verschiedenem Charakter, doch ist es stets ein und dasselbe Wesen – ich aber ärgere mich dann immer ...“
Wild und wirr war dieses Geständnis; man hätte wirklich glauben können, daß ein tatsächlich Wahnsinniger es machte. Doch bei alledem sprach Stawrogin mit einer so sonderbaren Aufrichtigkeit, wie sie wohl noch nie jemand an ihm gesehen hatte, mit einer Offenheit, die ihm sonst gar nicht eigen war, daß man glauben konnte, der frühere Mensch in ihm sei plötzlich – und auch für ihn selbst ganz unverhofft – spurlos verschwunden. Er schämte sich nicht im geringsten, die Angst zu zeigen, die er vor seinem Gespenst hatte. Doch das währte nur einen Augenblick und verschwand dann ebenso schnell, wie es sich eingestellt hatte.
„Aber alles das ist natürlich Unsinn,“ unterbrach er sich plötzlich ärgerlich. „Ich werde zum Arzt gehen.“
„Tun Sie das unbedingt,“ riet ihm Tichon zu.
„Sie sagen das so bestimmt ... Haben Sie denn solche Menschen schon je gesehen, wie mich, mit solchen Erscheinungen?“
„Ja, aber nur sehr selten. Ich erinnere mich nur noch eines Offiziers, nach dem Tode seiner Frau, seines unersetzlichen Kameraden. Von einem anderen habe ich nur gehört. Beide sind sie im Auslande geheilt worden ... Leiden Sie schon lange daran?“
„Ungefähr seit einem Jahr, aber das ist ja alles Unsinn. Ich werde zum Arzt gehen. Das ganze ist ja doch nur ein Unsinn, ein furchtbarer Unsinn! Das bin ich selbst in verschiedenen Gestalten und weiter ist es nichts. – Da ich soeben diese ... Phrase hinzugefügt habe, denken Sie jetzt gewiß, daß ich immer noch zweifle und mich noch nicht überzeugt habe, daß ich es bin und nicht wirklich der Teufel?“
Tichon blickte ihn fragend an.
„Und ... Sie sehen ihn wirklich?“ fragte er, ohne die Erklärung Stawrogins, daß es ganz zweifellos eine krankhafte Halluzination sei, überhaupt zu beachten, „sehen Sie wirklich eine Gestalt?“
„Sonderbar, daß Sie das noch fragen, nachdem ich Ihnen doch schon gesagt habe, daß ich ihn sehe,“ entgegnete Stawrogin, nach jedem Wort mehr und mehr gereizt. „Selbstverständlich sehe ich ihn. Ich sehe ihn so, wie ich jetzt Sie vor mir sehe, zuweilen aber sehe ich ihn und bin doch nicht überzeugt, daß ich sehe, obgleich ich sehe ... zuweilen aber bin ich überzeugt, daß ich sehe, und ich weiß bloß nicht, wen ich sehe: mich oder ihn ... Ach, Unsinn ist das alles! Sie aber – können Sie sich denn das ganz und gar nicht vorstellen, daß es wirklich ein Teufel ist?“ fügte er lachend die Frage hinzu: er ging etwas gar zu schnell auf den spöttischen Ton über. „Das wäre doch Ihrem Beruf angemessener?“