Stawrogin fuhr zusammen und runzelte unwillig die Stirn.
„Woher wissen Sie, daß ich mich ärgerte?“ fragte er hastig. Tichon wollte etwas sagen, doch er unterbrach ihn in ungewöhnlicher Erregung.
„Warum glaubten Sie, daß ich mich unbedingt ärgern mußte? Ja, ich ärgerte mich, Sie haben recht, und gerade deswegen, weil ich Ihnen gesagt hatte: ‚ich liebe Sie‘. Sie haben recht, aber Sie sind ein grober Zyniker, niedrig denken Sie von der menschlichen Natur. Es hätte kein Ärger zu sein brauchen, wenn es nur ein anderen Mensch gewesen wäre, und nicht ich ... Übrigens, hier handelt es sich nicht um den Menschen, sondern um mich. Immerhin sind Sie ein Sonderling und ein Geistesschwacher ...“
Er regte sich immer mehr auf und, sonderbar, tat sich in den Worten überhaupt keinen Zwang an:
„Hören Sie, ich liebe keine Spione und Psychologen, wenigstens nicht solche, die in meine Seele kriechen. Ich rufe niemanden in meine Seele, ich brauche niemanden, ich verstehe mit mir selbst auszukommen. Sie glauben, daß ich Sie fürchte?“ fragte er mit lauterer Stimme und erhob herausfordernd sein Gesicht. „Sie sind wohl vollkommen überzeugt, daß ich gekommen bin, Ihnen ein ‚furchtbares‘ Geheimnis zu offenbaren? Nun, so hören Sie denn, daß ich Ihnen überhaupt nichts sagen werde, nichts von einem Geheimnis, denn ich habe Sie überhaupt nicht nötig ...“
„Es hat Sie betroffen gemacht, daß das Lamm den kalten mehr liebt als den bloß lauen,“ sagte Tichon, „Sie wollen nicht nur lau sein. Ich ahne es, daß eine ungewöhnliche, vielleicht furchtbare Absicht Sie quält. Wenn es so ist, so flehe ich Sie an, quälen Sie sich nicht und sagen Sie alles, womit Sie gekommen sind.“
„Und Sie wissen es so genau, daß ich mit irgend etwas gekommen bin?“
„Ich ... erriet es an Ihrem Gesicht,“ flüsterte Tichon und senkte wieder den Blick.
Stawrogin war etwas bleich und seine Hände zitterten ein wenig. Einige Sekunden lang sah er unbeweglich und stumm Tichon an, als ob er sich endgültig entschlösse. Dann zog er aus der Seitentasche seines Rockes irgendwelche Druckbogen hervor und legte sie auf den Tisch.
„Das sind die Blätter, die zur Verbreitung bestimmt sind,“ sagte er mit einer etwas stockenden Stimme. „Wenn auch nur ein einziger Mensch sie liest, dann, das sage ich Ihnen, werde ich sie nicht mehr verbergen, dann werden alle sie lesen. So ist es beschlossen. Ich habe Sie überhaupt nicht nötig, denn ich habe selbst schon alles bei mir beschlossen. Aber lesen Sie ... Während des Lesens sagen Sie nichts, aber wenn Sie es gelesen haben – dann sagen Sie alles ...“