[63] Siehe [S. 300, Anm.] Die Gründer des geheimen „Wohlfahrtsvereins“ und der anderen Geheimbünde – meist Offiziere, sowie ehemalige Freimaurer oder Söhne von solchen – erstrebten anfangs (etwa 1816–18) nur eine freiheitliche Umgestaltung der russischen Autokratie nach westlichen Vorbildern (England). Doch ihr bedeutendster Vertreter, Oberst Paul von Pestel (Adjutant des Feldmarschalls Grafen Wittgenstein und Haupt des Südlichen Geheimbundes in Kiew) war von Anfang an für die Republik und die Beseitigung des Kaiserhauses. Pestel arbeitete für Rußland eine Verfassung in Anlehnung an die der Nordamerikanischen Staaten und der Schweiz aus, ging aber in vielem sehr viel weiter und plante bereits eine Bodenreform auf staatswirtschaftlicher Grundlage, weshalb er „ein Sozialist vor dem Sozialismus“, aber wegen seines Absolutismus auch „eher ein Bonaparte als ein Washington“ genannt worden ist. Das Land sollte nach seinem Plan den Bauern überwiesen werden, da anderenfalls die Proklamation der Republik „nur eine leere Namensänderung wäre“. (Das hat Dostojewski noch nicht gewußt).
Der plötzliche Tod Alexanders I. und die Ungewißheit über seinen Nachfolger verleitete die Geheimbündler zu einem verfrühten Aufstand (am 14. Dezember 1825 – daher „Dekabristen“), der von Nikolai I. mit Kartätschen niedergeschlagen wurde. Es folgten über 1000 Verhaftungen. Die Tragödie der Hinrichtung ihrer Führer durch den Strang (ursprünglich sollten die 5 Hauptschuldigen, Oberst von Pestel, Oberst Murawjoff, der „heilige“ Dichter Rylejeff u. a. gevierteilt, 31 guillotiniert, die übrigen als Sträflinge nach Sibirien verbannt werden), sowie die Haltung der Verurteilten bis zur Hinrichtung oder während ihres sibirischen Martyriums, das von ihren Frauen freiwillig geteilt wurde, hatte zur Folge, daß die Dekabristen als Helden und Märtyrer verehrt wurden und so unzählige Nachfolger fanden. Aus dieser besonders durch die Dekabristen in Rußland hervorgerufenen Verehrung der politischen Verbannten ist dann auch Stepan Trophimowitschs leidenschaftlicher Wunsch, ein „Verbannter“ und „Verfolgter“ zu sein, zu erklären, und weshalb um diese beiden Worte ein gewisser „klassischer Glanz spielt“ (siehe [Seite 2].) Die literarischen und politischen Schriften der Dekabristen sind zum Teil erst in jüngster Zeit herausgegeben worden, zum Teil sind sie auch jetzt noch unveröffentlicht. E. K. R.
[64] Alexander II., der 1861 die Leibeigenschaft aufhob. E. K. R.
[65] Tschaadajeffs Vorliebe für den Papismus war so bekannt, daß sogar das Gerücht von seinem Übertritt eine Zeitlang glaubwürdig erschien. E. K. R.
[66] Freund und Zeitgenosse Tschaadajeffs, wurde Jesuit, gab 1862 eine Auswahl von Tschaadajeffs Schriften heraus. E. K. R.
[67] In späteren Jahren (1877) urteilt Dostojewski gerechter über Belinski. Vgl. Bd. XI., „Alte Erinnerungen“. E. K. R.
[68] Günstling der Zarin Anna Iwanowna, die ihn 1737 zum Herzog von Kurland erhob. Nach ihrem Tode (1740) Vormund des minderjährigen Thronfolgers Iwan und Regent, im selben Jahr von dessen Mutter Anna Leopoldowna nach Sibirien verbannt, im nächsten Jahre von der Zarin Elisabeth zurückgerufen. Zeichnete sich durch Grausamkeit in der Regierung aus; ließ zwar vom Volk Abgaben für frühere Jahre eintreiben, verfolgte aber besonders den russischen Adel und die Geistlichkeit. E. K. R.
[69] Raskol = Spaltung: Bezeichnung für die russische Kirchenspaltung, d. h. die Absonderung der sogenannten Altgläubigen von der Staatskirche wegen der Korrektur der Gesang- und Gebetbücher, die durch das Abschreiben immer fehlerhafter geworden waren und deshalb 1654 auf Anordnung des Patriarchen Nikon in ihrem richtigen Text neuhergestellt wurden. Mit diesem Raskol ist hier von Dostojewski die erste Absonderung einer unteren Volksschicht gemeint. Mit der zweiten Absonderung einer oberen Schicht seit Peter sind die Westler gemeint – das Westlertum der russischen Herrenkaste als Folge der Europäisierung Rußlands durch Peter den Großen. E. K. R.
[70] Dostojewski hat ursprünglich Tschaadajeff zur Hauptfigur eines Romans machen wollen, den bedeutenden „Westler“, der in einem Schreiben von Rußland gesagt hatte, es habe keine Geschichte, keine Tradition, „denn es hatte und hat keine leitende Idee, die Völker aber leben und gedeihen nur, wenn sie eine [eigene] Idee haben und verwirklichen.“ Nach der Veröffentlichung seines „Schreibens“ suchte Tschaadajeff sich in einer „Apologie“ zu rechtfertigen, in der er seine Kritik Rußlands zum Teil abschwächt, doch auch so blieb sie für Dostojewski zeitlebens ein Dorn im Fleisch. E. K. R.
[71] Anspielung auf Tschernyschewskis berühmten Roman „Was tun?“ (1863), in dem von der Heldin vier im Traume geschaute Zukunftsvisionen erzählt werden (Aluminiumpaläste des Volkes, Arbeit bei Gesang, Wanderung nach dem Süden, freie Liebe usw.). Den ungeheuren Erfolg jedoch errang der phantastische Roman – nach den künstlerisch hochwertigen, doch als Spiegelbilder der Gegenwart auf die Jugend „trostlos“ wirkenden Werken Gogols, Herzens, Turgenjeffs – durch die mit größtem Temperament und Optimismus gezeigte Rettungsmöglichkeit aus diesem „korrumpierten“ Leben: „ins Volk“ zu gehen, selbst wieder Volk zu werden. Die Ausführung dieser Idee durch die Helden des Romans wirkte dazu wie eine Offenbarung und bewog unzählige Menschen der gebildeten Schicht, ihr Leben hinfort buchstäblich unter dem Volk wie unter Gleichstehenden zu verbringen oder sich ihm ganz zu widmen. Die Möglichkeit zu gläubiger Hingabe war für sie natürlich wichtiger als die Frage nach dem künstlerischen Wert des Romans oder manchem selbstgeübten Dilettantismus. Zudem lag in dieser Idee etwas sehr Russisches, das einem noch unbewußten Triebe in den Menschen jener Zeit entgegenkam. Auch Tolstoi und viele andere sind ja später diesen Weg gegangen. Überdies waren die im Roman geschilderten Menschen in ihrer sich als Selbstverständlichkeit gebenden Menschlichkeit trotz aller Utopien so entwaffnend, wie es etwa hier in den „Dämonen“ nicht die lauten Revolutionäre, sondern die fast stummen, doch im Innersten neuen Menschen sind. (Auch die vier starken, stolzen Frauengestalten in den „Dämonen“ haben in der russischen Literatur viele Vorgängerinnen). Daher Dostojewskis Geständnis im [9. Kapitel]: „Oh, wie quälte ihn dieses Buch!“ usw. und seine wiederholten leidenschaftlichen Angriffe gegen die übernaiven Zukunftsträume in diesem Roman, die bei der Jugend die radikalsten politischen Forderungen zur Folge hatten, jeden lebenserfahrenen Menschen aber beängstigen mußten. E. K. R.