[72] Näheres über diese und andere Proklamationen, die zu Anfang der sechziger Jahre verbreitet wurden, siehe Band XI der Ausgabe „Autobiographische Schriften“, Seite 169–173. E. K. R.

[73] D. war Dostojewski selbst, der in seinem vierundzwanzigsten Lebensjahr (1845) Belinski kennen lernte. Dasselbe Erlebnis hat Dostojewski später noch ausführlicher wiedergegeben: in Bd. XI, „Autobiographische Schriften“, Seite 313. E. K. R.

[74] Belinski war schwindsüchtig und starb schon 1848, siebenunddreißig Jahre alt. (Auch seine späteren, von der Jugend gleichfalls angeschwärmten Nachfolger, die als Kritiker den Kampf gegen die „Kunst um der Kunst willen“ immer radikaler fortsetzten, sind jung gestorben: Dobroljuboff 1861 mit vierundwanzig Jahren, Pissareff 1868 mit siebenundzwanzig Jahren. Dobroljuboffs Art, dem berühmten Turgenjeff Wahrheiten ungeniert ins Gesicht zu sagen, ist in der Unverfrorenheit Pjotr Werchowenskis gegenüber Karmasinoff wiedergegeben.) E. K. R.

[75] Ein Herr, der in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in einem Petersburger öffentlichen Hause ermordet wurde. Die gerichtliche Untersuchung des Falles ergab ein abschreckendes Bild von der großstädtischen Verrohung. E. K. R.

[76] Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft verbreitete sich unter den Bauern das Gerücht, der Zar habe ihnen viel mehr Land zugedacht, und in einer Goldenen Urkunde (sie glaubten, Zarenworte würden nur in Gold geschrieben) sei dies zu lesen, aber die Beamten und der Adel hätten die Urkunde unterdrückt. Gegen die aufsässigen, plündernden Bauernhaufen mußte wiederholt Militär vorgeschickt werden. E. K. R.

[77] „Tschurr“ heißt „Grenze“, doch bei Spielen im Freien zugleich: „Ich darf nicht angerührt werden! ich stehe außerhalb (der Grenzen) des Spiels!“ – Aus dem süddeutschen „Bonde!“ und dem norddeutschen „Es brennt!“ läßt sich keine ähnlich drastische Ableitung bilden, die das Verhalten Stepan Trophimowitschs so erschöpfend bezeichnete: die wenig männliche Art, sich persönlich vor einer Gefahr zu sichern, indem man sich mit einem billigen Mittelchen dem Kampfe entzieht, sich für unantastbar erklärt und „abgrenzt“.

[78] In Drushinins Roman „Polinka Ssacks“ der Gatte, der seiner Frau den Ehebruch verzeiht, selbst jedoch bald darauf an Tuberkulose stirbt. E. K. R.

[79] Dostojewski hat die Gestalt des Stepan Trophimowitsch zum Teil nach dem schönen, doch sehr unbedeutenden Dichter Kukolnik gezeichnet, dessen Romane Ende der dreißiger, Anfang der vierziger Jahre noch Beifall gefunden hatten, ein Jahrzehnt später jedoch schon vergessen waren, – zum Teil nach dem bekannten Moskauer Geschichtsprofessor T. N. Granowski, dem Freunde von Herzen, Belinski, Bakunin, Stankewitsch u. a., die um 1840 im geistigen Leben Moskaus eine Rolle spielten. Auch Granowski war eine schöne Erscheinung, von gepflegtem Äußeren, das (nach Herzens Ausspruch) ein wenig an einen feinen protestantischen Pastor erinnerte. Seine Frau war eine Deutsche, kinderlos, in ihrer Erscheinung ihm so ähnlich, daß sie wie seine Schwester wirkte. Seit 1839 hielt Granowski, der bei den Studenten und freien Zuhörern sehr beliebt war, und auch sonst allgemein verehrt wurde, an der Moskauer philosophischen Fakultät seine Vorlesungen, doch war es ihm u. a. verboten, über die Reformation oder eine Revolution zu lesen, da die Aufgabe der seit dem Dekabristenaufstand vom Zaren gehaßten Universitäten nichts weiter sein sollte, als die Erziehung der Studenten „zu treuen Söhnen der orthodoxen Kirche, zu treuen Untertanen für den Kaiser und zu guten Bürgern für das Vaterland“. Während der Regierung Nikolais I. (1825–1855) hatte jeder Schriftsteller von einigem Wert unter dem geistigen Druck und den persönlichen Verfolgungen der Reaktion zu leiden. So war das „Verfolgtwerden“ unbedingt eine Ehre. Stepan Trophimowitschs Ehrgeiz und zugleich Furchtsamkeit in der Beziehung ist durchaus lebenswahr geschildert, obschon sich für diesen Zug keine Porträtähnlichkeit nachweisen läßt: Kukolnik war in seinen patriotischen Dramen Überpatriot, Granowski als Westler zwar liberal gesinnt, doch ein Charakter, dem ähnliche kleine Eitelkeiten und Schwächen fern lagen. 1876 schreibt Dostojewski selbst über Granowski: „Das war einer unserer ehrlichsten Stepan Trophimowitsche (in meinem Roman ‚Die Dämonen‘ der Typ des Idealisten der vierziger Jahre, den unsere Kritiker richtig gezeichnet fanden ...) und vielleicht sogar einer ohne den geringsten komischen Zug, der diesem Typ sonst leicht anhaftet ...“ Während Granowskis Freunde, die Hegelverehrer Bakunin, Belinski, Herzen u. a. später Atheisten und Sozialisten wurden, blieb Granowski bei seinem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und hielt es mit den deutschen Romantikern.

Gegen diesen sogenannten „Idealismus der vierziger Jahre“, den Stepan Trophimowitsch vertritt, läßt Dostojewski die historischen Nachfolger dieser Idealisten, die in den Seminaristen und dem Anhang Pjotr Stepanowitschs geschildert sind, den sogenannten „Realismus der sechziger Jahre“ ausspielen: Der unrussischen Romantik und dem unrussischen Symbolismus (in Karmasinoffs Potpourri „Merci“ und in Stepan Trophimowitschs „Dichtung in lyrisch-dramatischer Form“, wie in seiner unrussischen Schwärmerei für Abstraktionen) werden die von den Seminaristen vergötterten Naturwissenschaften und die angewandte entsprechende Philosophie, d. i. radikale Politik, entgegengestellt.

Die Reden Schatoffs in den Notizbuchentwürfen sind Entgegnungen auf fast wörtlich wiedergegebene Aussprüche Bakunins, des Begründers des revolutionären Anarchismus, und des Terroristen Netschajeff.