Die russische Revolution hat Dostojewski bis jetzt recht gegeben. Hinter ihrem ersten Abschnitte stand Tolstoi. Sie kam aus der Aufklärung. Und sie bedeutete die Auflösung. Aber in dem Augenblicke, in dem sich entscheidet, daß auch sie nicht nur Zerfall bringt, sondern daß nach grausamer Umschichtung ein Aufbau aus ihr hervorgeht, wird hinter ihrem zweiten Abschnitte wieder Dostojewski stehen. Er bedeutet Wiederanknüpfung.
M. v. d. B.
Vorbemerkung
Von Dostojewskis fünf großen Romanen ist der dritte, „Die Dämonen“, in den Jahren 1870 und 71 in Dresden geschrieben, in Petersburg beendet und 1871/72 in der konservativen Zeitschrift „Der russische Bote“ veröffentlicht worden.
Die beiden Strophen des ersten Mottos hat Dostojewski der Ballade „Bjéssy“ von A. Puschkin entnommen und deren Titel auch zum Titel des Romans gewählt: mit „Bjéssy“ bezeichnet der Russe gewisse böse Geister, Dämonen oder Teufel von der Art, die im zweiten, dem Evangelium Lucä entnommenen Motto, in die Säue fährt; in der schönen Ballade Puschkins (geschr. 1829), die eine Schneesturmnacht in der Steppe schildert, sind es unzählige tolle Gespenster, von denen sich der Kutscher eines reisenden Herrn wie von Troßbuben des Teufels genarrt und vom Wege weggezerrt glaubt. Die Strophen des Mottos sind ein Teil der hilflosen Antwort des Kutschers auf den Befehl des Herrn (des Dichters), doch weiterzufahren.
Im „Ersten Anhang“ sind aus Dostojewskis Notizbuchaufzeichnungen Entwürfe und Gedanken mitgeteilt, die Dostojewski ursprünglich in den „Dämonen“ zu entwickeln gedachte, sowie einige Skizzen zu den Hauptpersonen, die von ihm später teils in starker Veränderung, teils überhaupt nicht verwandt worden sind.
Im „Zweiten Anhang“ konnte nur der Anfang eines von Dostojewski nicht veröffentlichten Kapitels mitgeteilt werden: der Besuch Stawrogins bei dem Bischof Tichon. Das Manuskript des größeren Teiles dieses wichtigsten Kapitels wird im Moskauer Dostojewski-Museum aufbewahrt: sein Inhalt ist bisher nur der Familie und einigen alten Freunden Dostojewskis bekannt. Wie Dostojewskis Tochter in ihrem (deutsch bei E. Reinhardt, München erschienenen) Buch „Dostojewski“ Seite 180 berichtet, hat ihre Mutter dieses ganze Manuskript zu Anfang dieses Jahrhunderts veröffentlichen wollen, doch die alten Freunde ihres Mannes hätten sich der Veröffentlichung widersetzt. Das hat übrigens bald nach Dostojewskis Tode 1881 auch sein konservativer Freund N. N. Strachoff getan.
Nach Dostojewskis eigenen Angaben handelt es sich hier um eine Broschüre Stawrogins von etwa 60 deutschen Druckseiten, also dem Umfange nach um ein ähnliches Buch im Buche wie Iwan Karamasoffs „Legende vom Großinquisitor“. Bekannt geworden ist sonst nur, daß in dieser Schrift von Stawrogin die Vergewaltigung eines Mädchens mit unerträglichem Realismus geschildert sei. Nun ist es aber Dostojewskis Art, bestimmte Ideen – seine stärksten und revolutionärsten – immer in einer ähnlichen, so auffallend vorsichtigen Form zu bringen, sei es als Traum oder Halluzination, oder als Jugendwerk eines seiner Helden, mit der Entschuldigung, der Betreffende sei damals noch sehr jung gewesen, wie z. B. Iwan Karamasoff, oder krank, wie Hippolyt oder Stawrogin, er aber, Dostojewski, teile nur als Chronist diese sonderbaren Gedanken einzelner Menschen unserer Zeit mit. Man darf demnach wohl annehmen, daß es sich auch in dieser noch geheimgehaltenen Broschüre Stawrogins, die Dostojewski „eine Herausforderung der Gesellschaft“ nennt, nicht nur um die realistische Schilderung einer Episode handelt, sondern daß diese Episode nur der Ausgangspunkt für ihn ist, um der Gesellschaft, den von ihm so gehaßten europäischen Gesellschaftsgesetzen, den „Fehdehandschuh hinzuwerfen“ (wie in der „Legende vom Großinquisitor“ die Legende nur die Kostümierung seines Kampfes gegen den Katholizismus oder vielmehr gegen den alttestamentlichen Staats- oder Gesellschaftsbau ist). Nach einem Überblick über das Gesamtwerk Dostojewskis ist es nicht schwer zu erraten, worauf Stawrogin-Dostojewski in dieser unveröffentlichten Schrift hinauswill, hinauswollen muß. Und es ist nur zu verständlich, daß seine Freunde, wie Strachoff, dem er trotz aller Freundschaft „doch viel zu unverständlich war“, und der Machthaber Pobjedonószeff sich gegen die Veröffentlichung dieser „Herausforderung“ aussprachen. Was aber trotzdem von diesem, allen ehrlich konservativen Menschen „viel zu unverständlichen“ Geist Stawrogin-Dostojewskis in dem Roman „Die Dämonen“ verblieben ist, das sind – nach dem Fortfall der erwähnten Kampfschrift Stawrogins – fast nur ein paar Worte von Schatoff und Drosdoff, die jetzt wie zwei kleine Inseln daliegen, zwischen denen der Kontinent vorläufig noch versunken bleibt.
„Die Dämonen“ sind auch sprachlich Dostojewskis geheimnisvollstes Werk. Nicht nur, daß er sich nachlässig ausdrückt ([Seite 1] sagt er z. B.: „die Geschichte beschreiben“, statt „schreiben“), daß er wichtige Satzglieder ausläßt, die unklarsten Sätze baut, – er hat sich außerdem noch vielfach der früheren Umschreibungen bedient, zu der die Schriftsteller von der strengen Zensur unter Nikolai I. gezwungen worden waren. Er treibt die Vorsicht so weit, daß er z. B. in den ersten Kapiteln, wo sich fast alles um die innerpolitischen Verhältnisse dreht, kein einziges Mal das Wort Politik oder politisch braucht. Damit nun die unzähligen verschleierten Anspielungen dem unorientierten Leser nicht völlig unklar bleiben, sind dem Text kleine erläuternde Fußnoten beigefügt worden, eingehendere Erläuterungen dagegen in den „Ersten Anhang“ verwiesen.
Einen Kommentar für sich würden dann noch die Ausfälle Schatoff-Dostojewskis gegen Belinski und die sogenannten „Westler“ erfordern, d. h. gegen die Verehrer europäischer Kultur, die, im Gegensatz zu den Slawophilen, zwischen Rußland und Europa keinen Unterschied sahen und europäische Staatsformen auch für Rußland erstrebten, während von den Slawophilen besonders Dostojewski hinter allen parlamentarischen, liberalen Formen der Europäer sein Schreckgespenst, die Plutokratie, den deshalb so verspotteten „bürgerlichen“ Gesellschaftsbau, nahen sah. Hierzu sei bemerkt, daß es vor der Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland nur zwei Parteien gab, eine kleine, aber allmächtige, und eine große, aber ohnmächtige, wie es etwa in einer Korrektionsanstalt (mit der man den Staat Nikolais I. verglichen hat) vom Standpunkt liberaler Individualisten nur wenige Unterdrücker und viele Unterdrückte gibt. Mögen die letzteren unter sich auch noch so verschieden sein, in ihrem Gegensatz zu den Machthabern der Anstalt sind sie doch alle einig. Dieser einmütige Wille wurde damals „die Richtung“ genannt, von der Liputin [Seite 44] spricht. Es gab nur eine „Richtung“, d. h. nur einen Willen: aus dieser Enge hinauszukommen. Kaum aber hatte sich unter Alexander II. das Tor der „Korrektionsanstalt“ geöffnet, da zeigten sich sofort die großen Unterschiede innerhalb der Schar der Herausdrängenden, und „die Richtung“ begann sich zu verzweigen, zunächst in Slawophile und Westler, dann aber in die verschiedenen Arten der Slawophilen und Westler (Monarchisten, Republikaner, Radikale, Kommunisten gab und gibt es bei diesen und bei jenen, und hinzu kommen dann noch die Unterschiede in der Einstellung zur Orthodoxie). Die frühere geschlossene Front der einen „Richtung“ gegen Nikolai I., unter dem die Werke der orthodoxen Slawophilen genau so verboten waren wie die der französischen Revolutionäre und Atheisten, zerbröckelte zu einem Kampf untereinander, in dem jeder nach mindestens zwei Seiten kämpfte, wenn nicht nach drei oder vier Seiten.