„Die Dämonen“ sind das Buch der ersten Jahre dieser Kämpfe, in denen die einzelnen Menschen sich wahrlich nicht nach Parteischlagworten unterscheiden lassen, sondern nur nach einem inneren anständigen Kern oder dem Fehlen eines solchen.
Man hat dieses Werk Dostojewskis als ein „Pamphlet gegen alles Revolutionäre“ aufgefaßt, weil einzelne Vertreter einer der revolutionären Gruppen, die an europäische Schlagwörter glauben, verhöhnt und entlarvt werden. Doch nichts ist falscher, als den Verfasser deshalb gleich für konservativ zu halten. Die Konservativen sind hier ja noch viel schlimmer karikiert. Richtig wäre es, über alles, was Dostojewski voll Zorn und Spott über diese Art unwissender Revolutionäre geschrieben hat, die Worte zu setzen, mit denen er sich einmal unbewußt verrät: „... ich ärgerte mich und ich schämte mich fast für ihre Ungeschicktheit ...“ (Bd. XI der Ausgabe, Autobiographische Schriften, Seite 170).
Es war der Zorn darüber, daß diese „dummen Jungen“ die Revolution oder das „Neue russische Wort“ durch ihre törichten Redereien und Taten nur lächerlich machten, ihm seine große Revolution verpfuschten.
Nur aus dieser Kampfstellung nach links und nach rechts, nach rückwärts und vorwärts sind die vielfachen sogenannten „Widersprüche“ Dostojewskis in den „Dämonen“ zu verstehen oder das parteipolitische Chaos in seinen Werken. Er schildert z. B. den Revolutionär Pjotr Werchowenski als ungebildeten Flegel, als gewissenlosen Intriganten, Schurken und schließlich Mörder, doch vor dem konservativen Vertreter der alten Ehrbegriffe, Karmasinoff, der „auswandernden Ratte“, wird selbst dieser „Betrüger“ plötzlich zu einer nationalen Größe – ganz zu schweigen von den Konflikten, in die Dostojewski sich in den Entwürfen zu diesen Gestalten (im Ersten Anhang) unverhofft, doch unvermeidlich hineinredet. Es ist, als ob die kleinen törichten Geisterchen, die Troßbübchen des Teufels in der tollen Sturmnacht der Revolution, in der keine Spur des alten Weges mehr zu sehen ist, ihm unter der Hand und vor den Augen zergingen und er hinter ihrem kleinen dämonischen Eigensinn plötzlich die Umrisse eines riesigen Dämons zu spüren, zu begreifen beginne, wenn er den alten Idealisten und Dichter ihnen ihre Torheiten verzeihen läßt.
Inwieweit aber Dostojewski auch hier schon, nicht erst im letzten Bande der Karamasoff, selber zu jenem riesigen Dämon wird, entzieht sich vorläufig noch der Beurteilung. Man fasse es nicht als Zufall auf, daß Stawrogins „Herausforderung“ ein halbes Jahrhundert lang vergraben geblieben ist. Vielleicht ist es selbst heute noch zu früh, die Menschen aus dem so vielfach verhüllten, geheimnisvollen Becher Dostojewskis schon sehend trinken zu lassen.
Über die Absicht der Witwe Dostojewskis, dieses Manuskript nunmehr zu veröffentlichen, und über das vorläufige Scheitern dieses Planes an den gegenwärtigen russischen Zuständen gibt das [S. XXIV] erwähnte Buch von Aimée Dostojewskaja gleichfalls einigen Aufschluß.
Eng verbunden mit Stawrogin ist „sein Schüler“ Kirilloff. Dostojewski hat wohl selbst nicht genau gewußt, warum er diesen so eigentümlich „falsch“ sprechen läßt; er hat wohl nur mit der Sicherheit des Künstlers empfunden, daß diese Nuance zu dieser Gestalt gehört oder mindestens paßt.
Kirilloff spricht nicht in der Weise falsch, wie ein Ausländer oder wie ein Kind. Seine Sprechart, die deutsch in unstilisierter Form wohl kaum so wiederzugeben wäre, daß sie überhaupt glaubhaft bliebe, läßt sich kurz nur durch eine Übertreibung charakterisieren: er spricht ungefähr wie ein Mensch, der die Namen der Dinge nur im Nominativ kennt. Nur spricht er so nicht mit Fleiß, nicht „stilisiert“, nicht bewußt, ja vieles sagt er auch ganz richtig wie jeder andere Mensch in der Bindung der Syntax, mit der richtigen Endung, die die Beziehung der Dinge angibt; aber zwischendurch ist es immer wieder, als würden aus ihm ganz unmittelbar nur Tatsachen laut, die das Gefühl hervorstößt, ohne daß das Gehirn sie einkleidet. Vielleicht läßt sich der Gegensatz veranschaulichen mit dem Gegensatz zwischen der „beugenden“, die Beziehung angebenden Buchstabenschrift der Gegenwart und der starren Bilderschrift der alten Ägypter oder der Chinesen. Wer Rassegesetzen nachforscht, mag die Angaben über sein dunkles Äußere in Beziehung bringen zu dem Geist, der diese alten Sprachen schuf; wer sich mit Kirilloffs Philosophie als heutigem Ausdruck russischen Geistes befaßt, wird in ihr und dieser Sprechart vielleicht eine Übereinstimmung finden: nur das Wesentliche des Wortes zu geben, wie nur das Wesentliche der Welt zu suchen, im Wesen Gottes als Mensch zu vergehn, um Gott auf die Erde zu bringen.
E. K. R.