Ortsnamen:
Skworéschniki, Dúchowo, Brýkowo; die Fabrik der Brüder Schpigúlin, Matwéjewo.
Näheres über die historischen Vorbilder einzelner Gestalten siehe [Seite 1118]-[1120].
Namen einzelner Nebenpersonen hat Dostojewski im Laufe der Erzählung manchmal unbewußt geändert. So nennt er z. B. den alten Gaganoff anfangs Pjotr Pawlowitsch, später dagegen Pawel Pawlowitsch und folglich seinen Sohn Artemij Pawlowitsch. Ferner heißt ein Kanzleibeamter des Gouverneurs zuerst Blümer, später Blüm. Der Name Kirílloff ist bald mit zwei, bald mit einem l geschrieben. Um Mißverständnisse infolge solcher Flüchtigkeiten zu vermeiden, ist in der Übersetzung immer die erste Form beibehalten worden. E. K. R.
Erstes Kapitel.
Statt einer Einleitung: einiges Ausführliche aus der Biographie des wohlachtbaren Stepan Trophimowitsch Werchowenski.
I.
Indem ich mich anschicke, die so seltsamen Ereignisse wiederzugeben, die sich unlängst in unserer bisher noch durch nichts hervorgetretenen Stadt zugetragen haben, sehe ich mich gezwungen, da ich mir nicht anders zu helfen weiß, zunächst etwas weiter auszuholen und mit einigen biographischen Einzelheiten über den talentvollen und wohlachtbaren Stepan Trophimowitsch Werchowenski zu beginnen. Mögen diese Einzelheiten nur als Einleitung zu der geplanten Chronik dienen, doch die Geschichte selbst, die ich zu beschreiben beabsichtige, beginnt erst später.
Ich will es sogleich ganz offen sagen: Stepan Trophimowitsch spielte unter uns immer eine gewisse besondere und sozusagen bürgerliche[1] Rolle und liebte diese Rolle bis zur Leidenschaft, – liebte sie sogar so, daß er ohne sie wohl überhaupt nicht hätte leben können. Nicht, daß ich ihn damit einem Schauspieler auf der Bühne vergleichen wollte: Gott behüte, das will ich um so weniger, als ich selber ihn ja doch achte. Hier konnte vielmehr alles Sache der Gewohnheit sein oder, besser gesagt, die Folge einer immerwährenden, im Grunde edlen Neigung, einer Neigung schon von Kindheit an, zu der angenehmen Illusion von seiner schönen bürgerlichen Stellungnahme. So liebte er z. B. ungeheuer seine Lage als „Verfolgter“ und sozusagen „Verbannter“. Um diese beiden Wörtchen spielt nun einmal ein klassischer Glanz eigener Art[2], und eben dieser scheint ihn dann, nachdem er ihn einmal bezaubert hatte, im Laufe so vieler Jahre in seiner Selbsteinschätzung immer mehr erhöht zu haben, bis er schließlich auf einem gewissen überaus hohen und für die Eigenliebe so angenehmen Piedestal zu stehen glaubte. In einem satirischen englischen Roman des vorigen Jahrhunderts hat sich ein gewisser Gulliver im Lande der Liliputaner, wo die Menschen nur einige Zoll groß waren, so daran gewöhnt, sich als Riese zu fühlen, daß er auch in den Straßen Londons unwillkürlich den Passanten und Equipagen zurief, sie sollten vor ihm ausweichen und sich vorsehen, damit er sie nicht irgendwie zertrete, denn er hielt sich immer noch für einen Riesen und die anderen für jene Kleinen. Da lachte man ihn aus und schalt ihn und die rohen Kutscher schlugen sogar mit der Peitsche nach ihm: aber war das auch gerecht? Was kann die Gewohnheit nicht alles bewirken? Die Gewohnheit hatte auch unseren Stepan Trophimowitsch fast zu demselben Wahn gebracht, wie den Gulliver, nur daß dieser Wahn sich bei ihm in einer, wenn man sich so ausdrücken darf, unschuldigeren und unverletzenderen Weise äußerte, denn schließlich war er doch ein prächtiger Mensch.
Ich denke es mir sogar so: daß man ihn in der Literatur mit der Zeit allenthalben ganz vergessen hatte; nur darf man deshalb gewiß noch nicht sagen, daß er auch früher nie bekannt gewesen sei. Unstreitig hat auch er einmal zu der berühmten Plejade[3] gewisser gefeierter Dichter der letzten Generation gehört, und eine Zeitlang – übrigens doch nur einen allerkleinsten Augenblick lang – war sein Name von manchen voreiligen Leuten beinahe schon in einer Reihe mit Tschaadajeff, Belinski, Granowski und dem damals im Auslande gerade erst beginnenden Herzen[4] genannt worden. Aber das Wirken Stepan Trophimowitschs endete fast schon im selben Augenblick, in dem es begonnen hatte, – es ward, wie er sich ausdrückte, von einem „Wirbelsturm“ zusammentreffender „Umstände“[5] zerstört. Und was stellt sich nun heraus? Daß es nicht nur keinen „Wirbelsturm“, sondern nicht einmal „Umstände“ damals gegeben hat, wenigstens nicht in seinem Fall. Ich habe erst jetzt, erst vor ein paar Tagen, zu meinem größten Erstaunen erfahren, dafür aber mit vollkommener Glaubwürdigkeit, daß Stepan Trophimowitsch hier bei uns, in unserem Gouvernement, nicht nur nicht in der Verbannung gelebt hat, wie man hier allgemein annahm, sondern daß er nicht einmal, gleichviel wann, unter Aufsicht gestanden hat. Wie groß muß demnach seine Einbildungskraft gewesen sein! Er glaubte doch vor sich selber aufrichtig und sein Leben lang, daß man in gewissen Sphären beständig vor ihm auf der Hut wäre, daß jeder seiner Schritte unablässig beobachtet und vermerkt werde, und daß jedem der drei Gouverneure, die wir im Laufe der letzten zwanzig Jahre hier gehabt haben, schon bei der Übergabe des Gouvernements als erstes von Stepan Trophimowitsch Werchowenski gesprochen worden sei, so daß jeder neue Gouverneur bereits von dort aus eine gewisse eigene, mit Sorgen verbundene Vorstellung von ihm mitgebracht habe. Hätte aber jemand mit unwiderlegbaren Beweisen diesen bei alledem ehrlichsten Menschen beruhigen und überzeugen wollen, daß ihm nicht das Geringste drohe, so würde ihn das unbedingt beleidigt haben. Und dabei war er doch der klügste, der begabteste Mensch, war gewissermaßen sogar ein Mann der Wissenschaft, obgleich er übrigens in der Wissenschaft ... nun, sagen wir, nicht gerade viel geleistet hat, oder gar, wie es scheint, überhaupt nichts. Aber das pflegt ja bei uns in Rußland mit den Männern der Wissenschaft durchgehends so zu sein.