Obgleich die Predigt noch nicht zu Ende war und die ganze Kirche andächtig zuhörte, wandten sich manche Augen doch interessiert und verwundert heimlich der Neueingetretenen zu. Diese kniete zunächst nieder, beugte ihr gepudertes Gesicht auf den Fußboden, und berührte ihn mit der Stirn; so kniete sie lange, und wie es schien, weinte sie; nachdem sie sich aber wieder aufgerichtet und von den Knien erhoben hatte, begann sie alsbald fast heiter und mit sichtlichem Vergnügen die Menschen und die Kirchenwände zu betrachten. Einzelne Damen schienen sie besonders zu interessieren, und sie stellte sich sogar auf die Fußspitzen, um besser sehen zu können, und zweimal kicherte sie dabei ganz eigentümlich. Doch schließlich erreichte auch die Predigt ihr Ende und man trug das Kreuz vor den Altar. Die Gouverneurin trat sofort vor, doch schon nach ein paar Schritten blieb sie stehen, um Warwara Petrowna den Vortritt zu geben, die gleichfalls gerade auf das Kreuz zuschritt und dabei tat, als sei ihr niemand im Wege. Die ungewöhnliche Bescheidenheit der Gouverneurin sollte natürlich ein feiner Stich für Warwara Petrowna sein – so faßten es wenigstens die Damen der Gesellschaft auf. Auch Warwara Petrowna hatte den Stich wohl verstanden, übersah ihn jedoch und küßte mit unerschütterlicher Vornehmheit das Kreuz, worauf sie dann sofort dem Ausgange der Kirche zuschritt. Ihr Diener in Livree bemühte sich ganz unnützerweise, einen Weg durch die Anwesenden zu bahnen, da alle schon von selbst höflich vor ihr zur Seite traten. Da geschah es aber, daß in der Vorhalle, wo das Volk dicht gedrängt stand, Warwara Petrowna dennoch einen Augenblick stehen bleiben und warten mußte. Und hier nun drängte sich plötzlich das sonderbare Geschöpf, mit der Papierrose im Haar, durch das Volk zu ihr hin – und fiel vor ihr auf die Kniee. Warwara Petrowna, die man nicht leicht erschrecken konnte, besonders nicht in der Öffentlichkeit, sah ruhig, streng und erhaben auf die Kniende herab.

Ich muß hier bemerken, daß Warwara Petrowna, wenn sie auch sparsamer, ja, wie manche behaupteten, sogar ein bißchen geizig geworden war, zu wohltätigen Zwecken doch immer noch viel Geld ausgab. Noch vor einem Jahr, als in einzelnen Gegenden unseres Gouvernements Hungersnot herrschte, hatte sie an das Hilfskomitee fünfhundert Rubel gesandt. Und schließlich hatte sie noch in der letzten Zeit, kurz vor der Ernennung des neuen Gouverneurs, bereits ein Damenkomitee zustandegebracht, das den ärmsten Wöchnerinnen in der Stadt und im Gouvernement Unterstützungen zukommen lassen sollte. Man warf ihr bei uns Ehrgeiz vor, doch ihr fester, durchsetziger Wille hatte die Hindernisse fast schon beseitigt, das Komitee war bereits so gut wie gegründet, und Warwara Petrowna dachte schon mit Begeisterung daran, ein ähnliches Komitee auch in Moskau zu gründen, und wie dieser Gedanke schließlich in jedem Gouvernement fruchtbar gemacht werden könnte. Da kam aber der Wechsel des Gouverneurs, und alles geriet ins Stocken; die neue Gouverneurin aber hatte, wie es hieß, schon Zeit gehabt, in der Gesellschaft einige spitze und schließlich nicht ganz unsachliche Bemerkungen über die Unzweckmäßigkeit des Grundgedankens solcher Komitees zu äußern. Diese Bemerkungen aber waren – selbstredend mit Ausschmückungen – Warwara Petrowna sofort hinterbracht worden. Zwar kann nur Gott allein wissen, was in der Tiefe eines Menschenherzens vorgeht, aber in diesem Fall glaube ich doch, annehmen zu dürfen, daß Warwara Petrowna in diesem Augenblick nicht ungern vor der Knienden stehen blieb, zumal sie ja wußte, daß sogleich die Gouverneurin und dann die ganze höhere Gesellschaft an ihr vorübergehen mußte. – „So mag sie jetzt doch sehen, wie gleichgültig mir das ist, was sie da über meinen Ehrgeiz in meinen Wohltätigkeitsplänen spöttelt. Was geht sie mich an!“

„Was haben Sie, meine Liebe, um was bitten Sie?“ fragte Warwara Petrowna und musterte aufmerksam die vor ihr kniende Bittstellerin.

Diese sah mit entsetzlich zaghaftem, verschämtem und fast andächtigem Blick zu ihr auf, und plötzlich lachte sie wieder mit jenem absonderlichen Kichern.

„Was hat sie? Wer ist sie?“ Warwara Petrowna sah mit befehlendem und fragendem Blick die Umstehenden an.

Alles schwieg.

„Sie sind wohl unglücklich? Sie brauchen eine Unterstützung?“

„Ich kam ... ich wollte ...“ stammelte die Kniende mit einer Stimme, die vor Aufregung versagte. „Ich bin nur gekommen, um Ihnen die Hand zu küssen“ ... und wieder kicherte sie. Und mit einem schmeichelnden Ausdruck im Gesicht, wie kleine Kinder ihn haben, wenn sie etwas erbitten möchten, wollte sie schon Warwara Petrownas Hand ergreifen, doch plötzlich, als hätte irgend etwas sie erschreckt, zog sie ihre Hände bang zurück.

„Nur deshalb sind Sie gekommen?“ Warwara Petrowna lächelte mitleidig, zog schnell ihr Perlmutterportemonnaie hervor, entnahm ihm einen Zehnrubelschein und gab ihn der Unbekannten.

Diese nahm ihn an. Warwara Petrowna war sichtlich sehr interessiert und hielt die Unbekannte offenbar nicht für eine gewöhnliche Bittstellerin.